Zwei Wochen ist die Generalversammlung des Bauchemiekonzerns Sika nun her, doch sie bebt immer noch nach. Es war eine GV, die gänzlich im Zeichen des Übernahmekampfes stand. Beide Seiten, Befürworter und Gegner, nutzten die Plattform um in teils emotionalen Voten ihre Sicht auf den verfahrenen Streit darzulegen. Trotz der hohen Wogen: In der Sache blieb alles beim Alten.

Sämtliche bisherigen Verwaltungsräte wurden wiedergewählt. Paul Hälg bleibt Präsident des Gremiums. Der Verwaltungsrat arbeitet auch künftig ohne Bezahlung. Den unabhängigen Verwaltungsräten wurde erneut die Entlastung verweigert. Und der Entscheid in der Übernahmeschlacht ist nach wie vor eine Sache der Gerichte. Alfred Giebrecht, der seit 20 Jahren als Manager im Saint-Gobain-Konzern tätig ist, kann den Kampf nicht nachvollziehen.

Herr Giesbrecht*, Sie haben die Sika-Generalversammlung persönlich erlebt. Die Manager zeigten sich dort geschlossen im Protest gegen die ­geplante Übernahme der Familienholding durch Saint-Gobain.
Ja, ich habe das mit grossem Erstaunen beobachtet. Saint-Gobain wurde dort durchweg als feindselig beschrieben. Saint-Gobain lasse keine Freiheit zu. Dabei war ich wohl der Einzige im Saal, der auf eigene Management-Erfahrung mit Saint-Gobain zurückgreifen kann.

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Vor 20 Jahren wurde Ihr Familienunternehmen Vetrotech an Saint-Gobain verkauft.
Die Situation war ähnlich wie heute bei der Burkard-Familie. Wir sahen Nachfolgeprobleme.

War Ihnen damals nicht etwas mulmig dabei?
Doch, doch. Wir hatten Angst, dass Saint-Gobain uns knechten würde. Aber nichts davon trat ein.

Wie bitte? Ein Weltkonzern, der nicht hinein­redet?
Sie sehen, ich bin immer noch dabei, weil es mir gefällt. Ich war bis vor zwei Jahren Präsident und CEO. Seitdem bin ich Präsident «im Stöckli». Das ganze Führungsteam ist geblieben.

Und aus Paris wurde kein Manager geschickt?
Nur der Finanzchef. Und der ist inzwischen Schweizer geworden. Wir haben unseren Namen behalten. Wir haben unsere Autonomie behalten. Wir haben von Saint-Gobain sogar alle Produktions- und Vertriebsstandorte für Brandschutzglas übernommen. Wir haben den Umsatz vervierfacht. Wir sind heute Weltmarktführer.

Französische Konzernmanager neigten doch zum zentralistischen Durchregieren, sagt man.
Sie müssen wissen, dass Saint-Gobain extrem dezentral geführt wird. In der Holding in Paris sitzen nur 230 von gesamthaft 170'000 Mitarbeitern. Da gibt es keine Befehlskultur. Saint-Gobain hat uns immer unterstützt.

Und Sie meinen, dass Saint-Gobain die Sika-Manager gewähren liesse?
Ich frage zurück: Warum sollten sie das nicht? Bei Saint-Gobain heisst die Devise: Never change a winning team. Saint-Gobain hat in der Schweiz viele Firmen gekauft. Alle leben gut damit. Der Konzern beschäftigt heute in der Schweiz mit diesen Unternehmen mehr Mitarbeiter als Sika.

* Alfred Giesbrecht (68) ist seit 20 Jahren als Manager im Saint-­Gobain-Konzern tätig, vor allem als VR-Präsident und CEO der Tochter Vetrotech in Flamatt.