Ganz Spanien blickt mit zunehmender Sorge nach Katalonien: Nach dem klaren Sieg der Separatisten bei einem von Madrid für illegal erklärten Referendum über die Abspaltung von Spanien könnte die Region bald die Unabhängigkeit ausrufen.

Dabei ist vor allem einer in aller Munde: der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont. Das war nicht immer so. Der umstrittene Mann, der die Unabhängigkeit der spanischen Region erreichen will, war lange Zeit ein echter Nobody. Erst 2016 kam er gross heraus. Wer ist Carles Puigdemont?

Seinen Kindheitstraum, Astronaut zu werden, hat sich Carles Puigdemont nicht erfüllen können. Dafür ist der Chef der Regierung der spanischen Region Katalonien kometenhaft vom politischen Nobody zum Schrecken Spaniens aufgestiegen.

Puigdemont hielt Wort

Für den 54 Jahre alten überzeugten Separatisten schlägt am Sonntag die grosse Stunde: Gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid und trotz eines Verbots des Verfassungsgerichts will er ein «verbindliches Referendum» über die Loslösung der Region von Spanien durchziehen.

Nach seiner Wahl zum katalanischen Regierungschef hatte der bis dahin nahezu unbekannte Ex-Journalist im Januar 2016 im Parlament von Barcelona vollmundig verkündet: «Es sind keine Zeiten für Feiglinge!»

Man werde den Weg zur Unabhängigkeit unbeirrt aufnehmen, versprach damals der Chef der liberal-separatistischen Allianz Junts pel Sí (Gemeinsam fürs Ja), der mit der Unterstützung der kleinen linksradikalen Partei CUP gewählt wurde. Und er hielt Wort. Gut eineinhalb Jahre später rief er die Abstimmung aus.

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Häufige Reisen nach Südosteuropa

Puigdemont studierte Philologie und wurde Journalist. In den 1990er Jahren reiste er oft nach Südosteuropa, um am Beispiel des damaligen Jugoslawiens «Nationen ohne Staat» zu studieren. 1998 war er Mitgründer der Katalanischen Nachrichten-Agentur. 2004 übernahm er die Leitung des englischsprachigen Blattes «Catalonia Today». Zwei Jahre später trat er in die Politik ein.

Dann ging es aber Schlag auf Schlag: 2011 wurde er zum ersten nichtsozialitischen Bürgermeister der katalanischen Stadt Girona nach der Franco-Diktatur (1939-1975) gewählt. 2015 avancierte er zum Vorsitzenden des einflussreichen «Verbandes der Gemeinden für die Unabhängigkeit Kataloniens» (MAI), dem rund 750 der insgesamt 948 Bürgermeister der Region angehören. Und im Januar 2016 wurde er Chef der katalanischen Regionalregierung.

Dem eingefleischten Rock- und Fussball-Fan und Vater zweier kleiner Mädchen, der neben Spanisch und Katalanisch auch gut Englisch und Französisch spricht, werfen nun viele vor, Katalonien an den Rand des Abgrunds zu treiben. Nachgeben kommt für ihn aber nicht in Frage. «Den Wunsch, abzustimmen, kann man nicht verweigern. Wir machen uns keines Verbrechens schuldig», sagte er.

(sda/ccr)