Bis heute kursiert das Bonmot, dass in den Blutgefässen der Piemontesen Dolcetto statt Blut zirkuliere – so freudig und ausgiebig sprächen sie dem süffigen, purpurroten Wein zu. Tatsächlich ist im Piemont der «Duset», wie er im Dialekt genannt wird, der Alltagswein schlechthin. Er ist ein perfekter Essensbegleiter und wird wie Wasser getrunken. Er eröffnet im Piemont fast jede Tafelrunde und kann mit Genuss bis zum Schluss kredenzt werden, wenn man im Laufe des Mahls nicht auf Barbera oder einen Neb­biolo-Wein (Barbaresco oder Barolo) umsteigen will.

Seine Beliebtheit verdankt der Dolcetto seiner Zugänglichkeit. Doch die liegt nicht etwa darin begründet, dass er, wie der Name vermuten lässt, süss ist. Im Gegenteil, er ist von angenehmer, fruchtig-herber Trockenheit und weist im Vergleich zum Barbera und zu den Nebbiolo-Gewächsen eine relativ tiefe Säure auf. Seinen Namen verdankt er der Tatsache, dass er als erste der roten Sorten reift und seine Traubenbeeren bereits im Spätsommer ausgesprochen süss schmecken. Bei den Winzern ist er beliebt, weil er sich nicht zuletzt wegen seiner frühen Reife (heute meist Anfang September) wenig kapriziös zeigt. So gibt es in den Langhe und im Monferrato kaum einen Winzer, der neben seinen prestigeträchtigeren Rotweinen nicht auch einen Dolcetto keltert.

Obwohl seine Herkunft nicht zweifelsfrei geklärt ist, ist der Dolcetto höchstwahrscheinlich piemontesischen Ursprungs, entstanden aus der wohl zufälligen Kreuzung lokaler Ursorten. Erstmals urkundlich erwähnt wird er in einem Amtspapier der Gemeinde Dogliani aus dem Jahre 1593. Heute wird er im Piemont auf rund 5000 Hektaren in den Langhe, im Astigiano und in der Provinz Alessandria in sieben DOC-Zonen angebaut. Anzutreffen ist er aber auch in angrenzenden Weinbaugebieten, so etwa in den Colli Tortonesi, im Oltrepò Pavese und in Ligurien, wo er ­unter dem Namen Ormeasco bekannt ist. Die besten Resultate bringt die Dolcetto-Traube auf durchlässigen, kalkhaltigen Böden. Bei der Vinifizierung muss darauf geachtet werden, dass nicht zu viele Tannine extrahiert werden. Deshalb wird der Jungwein meist abgepresst, bevor die ­Gärung, welche bei niedrigen 20 bis 23 Grad durchgeführt wird, ganz abgeschlossen ist.

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Im Allgemeinen ist der Dolcetto ein charmanter, fruchtbetonter Wein mit ­moderatem Alkoholgehalt (um 12,5 Volumenprozent), der jung getrunken wird und dem typischerweise Aromen von schwarzen Kirschen und im Abgang angenehme Noten von Bittermandeln eigen sind. Doch in der heutigen Weinwelt haben es elegante, subtile Weine schwer. Bei Etikettentrinkern wie auch bei vielen ­Degustatoren und Weinjournalisten ist eher Wuchtigkeit und Konzentration gefragt. Wen wundert es, wenn nicht wenige Dolcetto-Winzer ihr kommerzielles Glück und ihre Anerkennung bei der Kundschaft und den Weinführern darin suchen, dass sie ihre Dolcetti zu Monsterweinen aufmotzen?

Auf solche zurechtdesignten und über­teuerten «Superdolcetti» trifft man heute leider in allen sieben DOC-Zonen. Doch im südlich der Barolo-Appellation gelegenen Anbaugebiet von Dogliani scheinen sich die Winzer fatalerweise einig ­darüber zu sein, dass ein Dolcetto nur dann gut ist, wenn ihm zähflüssige Konsistenz, trocknende Tannine, hoher Alkoholgehalt und aufdringliche Röstaromen eigen sind. In ihren Bestrebungen werden sie noch von einflussreichen Weinführern wie etwa dem Gambero Rosso bestärkt. So konnte man in diesem Führer vor noch nicht allzu langer Zeit über einen Dolcetto di ­Dogliani lesen, dass er sich im Mund so dicht anfühle, dass er auch als Brotaufstrich hätte durchgehen können. Diese Bemerkung war nicht als Kritik gemeint, sondern als höchstes Lob, denn diese Weinkarikatur wurde mit der Höchstnote, den «tre bicchieri», bewertet.

Trotz solcher Verirrungen bleibt der Dolcetto ein wunderbarer, gros­sen Trinkspass bereitender Alltagswein. Beim Einkaufen sollte man aber Vorsicht walten lassen. So empfiehlt es sich, von einem Winzer, der mehrere Dolcetti keltert, nie den teuersten zu kaufen und darauf zu achten, dass der Alkoholgehalt möglichst nicht 13 Volumenprozent übersteigt!Rudolf Trefzer

Praktisch alle Weinhändler, die piemontesische ­Weine im Sortiment haben, verkaufen auch Dolcetto-Gewächse.