Vinho Verde? Grüner Wein? Normalerweise unterscheidet man zwischen weissen und roten Weinen. Zusätzlich verwendet man den ­Begriff Rosé für jene Tropfen, die farblich ­irgendwo zwischen diesen beiden Typen liegen. Das Adjektiv grün, das die Vinho-Verde-Weine aus dem gleichnamigen ­Anbaugebiet im äusserten Nordwesten Portugals charakterisiert, ist ein Hinweis auf die ­abwechslungsreiche Hügelland­schaft. Das Klima ist im Vergleich zu den heissen und trockenen Gebieten im Zentrum und Süden des Landes milde und recht feucht. Und grün, das heisst frisch und leicht, aromatisch und von einer knackigen Säure gestützt, präsentieren sich insbesondere die weissen Gewächse. Sie erfreuen sich vor ­allem in den heissen Sommermonaten grosser Beliebtheit und werden traditionell jung als sogenannte «Verdes» getrunken.

Dass in der Provinz Minho schon seit Jahrtausenden Wein erzeugt wird, davon zeugen die verschiedenen, zum Teil archaischen Reberziehungssysteme. So sieht man da und dort immer noch Reben, die sich an Bäumen hochranken oder die an Drähten wachsen, die zwischen Bäumen gespannt sind. Auch Pergola-Anlagen mit dichten Laubdächern sind noch verbreitet. Ambitionierte Winzer setzen jedoch zunehmend auf moderne Drahtzugsysteme. Nicht weniger vielfältig als die Erziehungsformen für Reben sind die Stilvarianten des Vinho Verde. Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind die Gewächse des Vinho-Verde-Gebiets nicht ausschliesslich weiss. Das Spektrum reicht von knackigen Schaumweinen über den traditionellen, prickelnd-frischen und meist aus verschiedenen Sorten assemblierten Vinho Verde bis hin zu aus den qualitativ hochstehenden Sorten Alvarinho und Loureiro gekelterten Crus. Frische, in der Aromatik von roten Früchten geprägte Rosés sowie ­dunkelrote, eher sperrig-herbe, tannin­befrachtete Rotweine vervollständigen die Weinpalette. Doch trotz der Vielfalt dominieren in der Vinho-Verde-Appellation die weissen Gewächse mit einem Produktions­anteil von 70 Prozent.

Das Anbaugebiet der Appellation umfasst rund 21000 Hektaren und erstreckt sich vom Minho-Fluss an der nördlichen Grenze zu Spanien bis zum Douro, der bei Porto in den Atlantik mündet. Das Vinho-Verde-Gebiet ist in neun Subregionen unterteilt. Dabei gilt die Regel: Je näher die Rebberge am kühlen Atlantik liegen, desto filigraner und knackiger präsentieren sich die Weine. Im Landesinnern erzeugte Weine zeigen dagegen mehr Frucht und Fülle. Nicht weniger als 47 verschiedene Rebsorten werden im Gebiet kultiviert, wobei bei den weissen Sorten in qualitativer Hinsicht die vier Varietäten Alvarinho, Loureiro, Arinto und Avesso im Vordergrund stehen. Von ihnen werden mehr und mehr auch reinsortige Selektionen von alten Rebanlagen oder Top-Lagen erzeugt. Sie verkörpern den neuen Vinho-Verde-Stil, der ohne Restzucker und Kohlensäure auskommt und der durch seine fruchtbetonte Klarheit und saftige Fülle zu überzeugen vermag. Zu diesem Typus gehören etwa der Vinho Verde Alvarinho Solar de Serrade von Savam sowie der Vinho Verde Alvarinho der Quinta de Soalheiro. Den klassisch-spritzigen Typus des weis­sen Vinho Verde mit den typischen Aromen von frischen Kräutern und Kernobst repräsentiert dagegen der aus den Sorten Alvarinho, Loureiro und Trajadura gekelterte Vinho Verde 2010 von Aveleda. Zwar werden von diesem Wein jährlich über eine Million Flaschen abgefüllt, gleichwohl vermögen sowohl die Qualität wie der Preis zu überzeugen.

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So eigenständig und unverwechselbar die Vinho-Verde-Weine sind, so bezaubernd und abwechslungsreich präsentiert sich dem Reisenden die märchenhaft schöne Hügellandschaft von Portugals Nordwesten mit ihren pittoresken Kleinstädten Braga, Amarante und Guimarães. Für kulturinteressierte Weinfreunde ist die Provinz Minho ein kleines El Dorado, zumal viele der Vinho-Verde-Weine auf altehrwürdigen Landsitzen erzeugt werden, die oftmals auch stilvolle Gästezimmer anbieten! Rudolf Trefzer

Vinho Verde Alvarinho 2010 von Solar de Serrade, Coop für 13.40 Fr.; Vinho Verde Alvarinho 2011 der Quinta de Soalheiro bei Casa Lusitania (Bern) für 19.50 Fr.; Vinho Verde 2010 von Aveleda bei Coop für 8.40 Fr.; www.portugal-rural.com