Weltweit befinden sich Fachleute in heller Aufregung über die US-Wahlen. Viele sorgen sich, dass «Trump 2.0» einen Handelskrieg zwischen den USA und Europa und einen weiteren Exodus des US-Militärs bedeutet, was Europa möglicherweise destabilisieren würde. Manche sind der Meinung, dass die Schweiz durch die handelsfeindliche Haltung Trumps als Währungsmanipulator bezeichnet und mit Zöllen belegt werden könnte. Andere befürchten, dass ein Wahlgewinn des demokratischen Herausforderers Joe Biden für den Handel auch nicht viel besser wäre – stattdessen könnte eine marktzerstörende Regulierung drohen.

Was aber niemand sieht: In Jahren mit Präsidentschaftswahlen glänzen Aktien. In 83 Prozent der Jahre stiegen sie mit durchschnittlich 11 Prozent Rendite in Dollar, meist zum Jahresende hin. Trotz der Besonderheit des Jahres 2020 ist das – genau jetzt – für Amerika, die Schweiz und Europa positiv.
Die politische Voreingenommenheit und Stimmung erklären vieles über die Macht des Phänomens.

So werden Bidens Demokraten fälschlicherweise als unternehmerfeindlich und Trumps Republikaner als unternehmerfreundlich betrachtet. Wie die Sozialdemokraten in der Schweiz stehen auch die Demokraten in den USA meist für höhere öffentliche Ausgaben, eine Umverteilung der Einkommen und restriktivere Regulierung. Die Anleger glauben, dass sie den Eigentumsrechten und überhaupt den Unternehmen schaden. Die Republikaner stehen, wie die FDP in der Schweiz, für freiere Märkte und niedrigere Steuern, sind also scheinbar unternehmerfreundlicher.

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Über den Autor

Ken Fisher ist Chairman von Fisher Investments Europe. 

Die Realität ist jedoch komplex. Beide US-Parteien verabschieden Gesetze, die Märkte mögen – und solche, welche sie ablehnen. Beide erhöhen und senken Steuern, erlassen neue Regulierungen und schaffen alte ab. Beide mischen sich in Preise und Eigentumsrechte ein. Entscheidend ist, dass sich unter beiden die Märkte gut entwickeln – und unter beiden insgesamt positiv.

Republikaner bringen Anlegern bessere Renditen – aber nur im Wahljahr selbst

Aber die Voreingenommenheit formt die Stimmung, welche das Timing der Renditen beeinflusst. Wenn die Demokraten gewinnen, sorgen sich die Anleger über eine unternehmerfeindliche Politik, weshalb die Ren­diten im Wahljahr mit durchschnittlich 7,4 Prozent gedämpft ausfallen. Sie springen jedoch im Folgejahr auf 16,2 Prozent. Warum? Die amerikanischen Präsidenten können in ihrem komplizierten System nie so viel bewegen, wie es manche hoffen und andere fürchten.

Wenn die Republikaner gewinnen, treiben die Hoffnungen auf eine unternehmerfreundliche Politik die Rendite im Wahljahr im Schnitt auf 15,2 Prozent. Sie schwächt sich im Folgejahr auf 2,6 Prozent ab, weil auch ein Republikaner weniger realisieren kann als erhofft.
Ungeachtet all dessen profitieren die Aktien gegen Ende der Wahljahre, wenn die grassierende Unsicherheit schwindet. Anders als in der Schweiz werden in Amerika die Präsidentschaftskandidaten in oftmals stark überbesetzten und von wilden Versprechungen geprägten Vorwahlen ausgewählt, welche die Unsicherheit befeuern und auf die Stimmung drücken. In diesem Jahr bewarben sich über zwanzig Demokraten um eine Nominierung. Der Median der Aktienrenditen beträgt in der ersten Hälfte eines Wahljahres gerade einmal 1,1 Prozent in Dollar. Die minus 4 Prozent dieses Jahres waren – sogar mit den Covid-19-Problemen – nah dran.

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«Was auch immer Sie von Trump oder Biden und ihren Vorstellungen halten, ist für Sie als Anleger egal. Hauptsache, die Unsicherheit schwindet.»

Aber am Ende geht es nun um Biden gegen Trump, was die Unsicherheit verringert. Dass Biden die Senatorin Kamala Harris als Vizepräsidentin nominiert hat, schafft weitere Klarheit. Das gilt auch für die Verabschiedung des demokratischen Wahlprogramms. Bald werden wir erleben, wie gut die jeweiligen Kampagnen die Wählerinnen und Wähler motivieren können.

Was auch immer Sie von den Kandidaten und ihren Vorstellungen halten: Jeder Schritt reduziert die Unsicherheit und lässt die Aktien mit dem Herannahen des Novembers steigen. Der S&P 500 ist seit Ende Juni in Dollar um 9,7 Prozent gestiegen. Wenig überraschend liegt auch der SPI um 9,3 Prozent höher. Die meisten grossen, entwickelten Märkte bewegen sich im Gleichschritt. In den vergangenen zwanzig Jahren betrug die Korrelation zwischen den amerikanischen und schweizerischen Aktien 0,75. Das ist angesichts des Wertes 1,00 für eine identische und minus 1,00 für eine gegensätzliche Bewegung viel.

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Fachleute meinen, dass diese Wahl anders sei. Sie behaupten, die sieben Punkte Vorsprung von Biden bedeuten, dass die diesjährige Rezession und die Reaktion Amerikas auf Covid-19 Trump zum Verhängnis werden. Anleger befürchten durch einen Erdrutschsieg Bidens eine radikale, marktfeindliche Politik.

Die Demokraten haben in 150 Jahren nie mit alten Schlachtrössern gewonnen

Aber bevor Biden irgendetwas unternehmen kann, muss er gewinnen – und das ist nicht gewiss. 2016 lag Trump gegenüber der Demokratin Hillary Clinton bis Mitte Oktober um sieben Punkte zurück. Die Fachleute gaben ihn auf. Aber in Amerika spielt die landesweite Volksabstimmung, die in den Umfragen gemessen wird, eine geringe Rolle. Das Wahlmännergremium, das je nach den Ergebnissen in den Bundesstaaten schwankt, entscheidet über die Präsidentschaft. Trump gewann nur, indem er die Wählerinnen und Wähler in den republikanisch geführten Swing States motivierte.

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Ausserdem haben die Demokraten in 150 Jahren nicht mit alten Schlachtrössern wie Biden gewonnen. Sie brauchten immer frische Gesichter wie John Kennedy, Bill Clinton und Barack Obama, um jüngere Menschen zu begeistern und sie zum Wählen zu bringen – unbeschriebene Blätter, auf welche die Wählerinnen und Wähler ihre Hoffnungen und Träume schreiben können. Biden ist ein grauhaariger Veteran.

Natürlich schleicht sich Trump nicht mehr an die Demokraten heran. Er hat auch keine grossen Versprechungen wie im 2016 abgegeben. Er strebt die Wiederwahl als Bestätigung seiner ersten Amtszeit an – historisch eine Verliererstrategie. Die Wählerinnen und Wähler wollen Versprechungen. Er könnte seinen Kurs ändern, hat es aber noch nicht getan.

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Unabhängig von Trump oder Biden können keine grossen Gesetzesvorhaben verabschiedet werden, ohne dass die Partei des Präsidenten die entscheidende Kontrolle über den Kongress hat. Strukturelle Faktoren machen eine grosse Mehrheit für eine der beiden Seiten unwahrscheinlich und erschweren damit die Verabschiedung umfangreicher Gesetze. Als 2009 und 2010 seine Partei beide Kammern kontrollierte, musste Präsident Obama seine Gesundheits- und Finanzreformen immer mehr verwässern, um sie durchzubekommen. Dasselbe galt für Trumps Steuerreform 2017.

Politik ist an der Börse nicht alles, kann Aktien aber Schub verleihen

Wir bekommen entweder einen wiedergewählten Republikaner oder einen neu gewählten Demokraten – beides ist positiv für 2020 und 2021. Bei wieder gewählten Republikanern wurden im Wahljahr und im Jahr der Amtseinführung im Schnitt 13,1 Prozent erreicht, wobei die höchsten Zuwächse früh stattfanden. Neu gewählte Demokraten erreichen im Schnitt 15,9 Prozent, angetrieben durch gute Amtseinführungsjahre.

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Weder in diesem noch in anderen Jahren ist Politik das einzig Entscheidende. Aber sie dürfte für die schweizerischen und weltweiten Aktien einen kräftigen Rückenwind abgeben – der momentan noch von wenigen geschätzt wird.

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