Donald Trump kennt bekanntlich nichts, wenn es um ihn und seine Wiederwahl geht. Besonders deutlich hat das in diesen Tagen die FDA zu spüren bekommen, die US-Arzneimittelbehörde, die für die Zulassung von Medikamenten und damit auch einen allfälligen Corona-­Impfstoff zuständig ist.

Der «deep state oder wer auch immer bei der FDA» mache es den Pharmaunternehmen sehr schwierig, Leute zu bekommen, um Impfstoffe und Medikamente testen, wetterte Trump auf Twitter. «Sie versuchen offenbar, die Antwort bis nach dem 3. November herauszuzögern, sie sollen Tempo machen und Leben retten!»

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Impfgegner spüren Aufwind

Ein Präsident, der kein Pardon kennt, wenn es um seine Interessen geht, eine Wirtschaft, die am Boden liegt, und täglich neue Corona-Tote: Der Druck auf die US-Zulassungsbehörde ist enorm. Und er zeigt offenbar Wirkung. Kürzlich hat die Be­hörde, die seit vergangenem Jahr von Stephen Hahn – einem politisch kaum versierten Krebsspezialisten – geleitet wird, einer Plasmatherapie zur Behandlung von Covid-19-Patienten eine Notfall­zulassung erteilt und deren Wirksamkeit bei dieser Gelegenheit stark übertrieben.

Im aufgeheizten politischen Klima der USA wird es immer wird schwieriger, nach wissenschaftlichen Kriterien zu entscheiden. Das Risiko, dass sich die Geschichte wiederholt und dass nach Wladimir ­Putin und Peking auch die USA grünes Licht für ­einen Impfstoff geben, der nicht nach allen Regeln der Kunst geprüft wurde, steigt.

Der Wettlauf um den Corona-Impfstoff

Regierungen liefern sich einen Wettstreit bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff. Wer liegt vorn und wer hat das Nachsehen? Das hören Sie im Podcast der Handelszeitung.

Doch das wäre ein Spiel mit dem Feuer. Dies nicht nur wegen der unmittelbaren Risiken, die das mit sich brächte. Schon jetzt behaupten Impfgegner wider alle wissenschaftliche Evidenz, dass Impfungen bei Kindern zu Autismus führten. Kinder­ärzte sehen sich immer häufiger mit Eltern konfrontiert, die der Meinung sind, dass es nur gut sei, wenn ihre Kinder gewisse Kinderkrankheiten durchmachten, und die ihren Nachwuchs deshalb nicht impfen lassen wollen.

Das Bewusstsein schwindet

Das Bewusstsein dafür, dass auch ­diejenigen, die sich nicht impfen lassen, davon profitieren, dass es die anderen tun, schwindet; ebenso dafür, dass es bei einer Impfung immer auch darum geht, diejenigen zu schützen, die dies aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht können. Eine Impfstofffiasko wäre deshalb auch Wasser auf die Mühlen all derjenigen, die dem Impfen schon immer skeptisch gegenüberstanden.

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Die Pandemie hat bereits jetzt zu einer beispiellosen Verpolitisierung der Wissenschaft geführt. Eine verfrühte Zulassung eines Impfstoffs würde all denjenigen in die Hände spielen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen schon immer skeptisch gegenüber standen.

Dabei erfordern ausserordentliche ­Situationen wie wir sie zurzeit mit Covid-19 erleben genau das Gegenteil: einen kühlen Kopf, ein rigo­roses Bekenntnis zur Wissenschaft und zu Institu­tionen, die auch in solchen Zeiten die Fahne der Wissenschaft hochhalten.

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