Die Zeit drängt – und wie. Es sei «eine Minute vor Mitternacht», warnte Boris Johnson zum Start des Klimagipfels in Glasgow. «Wir schaufeln uns unser eigenes Grab», sagte UN-Generalsekretär António Guterres. In vielen Städten haben Aktivisten Doomsday-Uhren montiert, die anzeigen, wie viele Tage noch bleiben, um die Erwärmungskatastrophe abzuwenden. Der Zeitrahmen schwankt allerdings – mal sind es 7 Jahre und 9 Monate, mal 25 Jahre und 5 Monate –, aber die Botschaft ist klar: Kehret um oder fahrt zur Hölle. Dies die Wahl, vor der die Menschheit offenbar steht.

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Allerdings werden uns solche Zeitbudgets kaum von Wissenschaftern vorgerechnet, denn die wissen, wie unsicher ihre Modelle sind. «Klimawandel ist kein Entweder-oder, keine Klippe, über die wir irgendwann stürzen, und dann ist es passiert»: So formulierte es hier der Physiker Reto Knutti. «Der Klimawandel ist vielmehr eine Geröllhalde, die immer stotziger und immer gefährlicher wird. Jedes Zehntel Grad Erwärmung, das wir vermeiden, ist wichtig.»

«Es ist wie bei der Covid-19-Pandemie: Unbeholfene Show-Auftritte der Politik sowie das Worst-Case-Getrommel der Medien färben die Stimmung zappenduster ein.»

Es wäre also genauso gut möglich, das Problem mit kühler Zuversicht statt mit schwarzer Pädagogik anzugehen. Und vor allem wäre es wichtig. Denn die Abkehr vom CO2 wird nur gelingen, wenn sich Milliarden Menschen dafür begeistern; und sicher nicht, wenn sie die Zukunft fürchten.

Vor allem gäbe es ja auch Grund für Optimismus: Die Geschichte hat schon oft bewiesen, dass die Menschheit erstaunlich rasch Lösungen entwickelt – aber erst, sobald diese wirklich nötig werden (mehr). Und nicht nur beim Wetter, sondern auch in der technologischen Entwicklung gibt es jeweils Tipping Points, an denen Trends schlagartig drehen und plötzlich Umbrüche geschehen.

Erst ein paar Inseln, jetzt die ganze Welt

Möglich, ja gar wahrscheinlich also, dass sich das nun wiederholt. Aber in der Klimadebatte läuft es leider wie bei der Covid-Pandemie: Unbeholfene Show-Auftritte der Politik sowie das Worst-Case-Getrommel der Medien färben die Stimmung zappenduster ein. Von den ersten Tagen in Glasgow ging bloss eine Sache wirklich um die Welt, nämlich jener «One minute to midnight»-Satz von Boris Johnson; in jeder grösseren Sprache finden wir ihn zehntausendfach medial gestreut.

Die Spirale der Schwarzmalerei lässt sich schön darlegen mit dem bekannten 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimavertrags. Die Marke wurde damals gesetzt, um die Bedrohung indigener Völker und vor allem gewisser Inselstaaten zu mildern – was ja an sich schon ein starkes Motiv wäre, endlich zu handeln. Aber mittlerweile redet keiner mehr von Vanunatu, nein, jetzt geht es ums Ganze, jetzt misst das 1,5-Grad-Ziel gesamtmenschliches Versagen, und je weniger wir es erreichen, desto mehr sollen Hungersnöte, Wüstenei oder gar der Massentod drohen (mehr/HT: «Wired»).

Je wärmer, desto grün

Von Zweifeln oder gegenläufigen Effekten erfährt die breite Öffentlichkeit derweil wenig. Das Erdobservatorium der Nasa publizierte jüngst eine Analyse der Bepflanzung unserer Erde, mit erstaunlichen Aussagen. Erstens: Seit dem Jahr 2000 wurde die Erde grüner. Zweitens: Dazu trug die Klimaerwärmung bei (denn nun wachsen Wälder in zuvor frostigen Regionen). Drittens: Die Begrünung von Mutter Erde dürfte sich in den nächsten Jahrzehnten beschleunigen. Dies wiederum bremst – viertens – die Klimaerwärmung.

Damit soll hier nichts heruntergespielt werden. Denn fünftens: Der Baumgrenzeneffekt genügt nicht, um das Treibgasproblem wirklich zu lösen, so der Nasa-Text: «Eine Senkung der Kohlenstoffemissionen ist immer noch nötig, um die Bewohnbarkeit unseres Planeten zu bewahren.» (mehr)

Aber darum geht es nicht. Das Beispiel zeigt einfach, dass die Natur auch überraschende Effekte bereithält. Dass die simplen Doomsday-Modelle ziemlich wacklig sind. Dass wir momentan wohl wieder mal recht einseitig unterrichtet werden. Und dass es keinen Grund gibt, im Kampf fürs Klima deprimiert den Kopf in den Sand zu stecken.

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