Aktuell werden in der Schweiz die Lehrpläne für die Gymnasien und die kaufmännischen Berufe überarbeitet.

Wünschbar wäre, dass dem Staats- und Wirtschaftskundeunterricht ein gut strukturiertes Grundlagenwissen in Verbindung mit aktuellen Beispielen von umstrittenen Anwendungen aus dem politischen Alltag viel Aufmerksamkeit gegeben würde.

Politische und wirtschaftliche Streitfragen beinhalten immer mehr Zielkonflikte, das heisst, fast alle Vorschläge zur Lösung von Meinungsverschiedenheiten haben Vorteile und Nachteile. Der Umgang damit setzt ein genügendes Grundlagenwissen voraus.

Vernetztes Denken ist gefragt

Deshalb bleibt eine verlässliche Wissenserarbeitung in der Schule weiterhin zwingend. Dieses Wissen ist allein schon aus Zeitgründen in der Schule in einem dialogischen Frontalunterricht zu erarbeiten und darf nicht bloss exemplarisch sein.

Zu entwickeln ist vielmehr ein systematisch aufgebautes Strukturwissen, das zunehmend mehr vernetzt wird. Diese Forderung schliesst einen selbstständigen und digitalen Unterricht keineswegs aus.

Lernwirksam kann er jedoch nur sein, wenn die Lernenden die Kompetenz «Wissen suchen, Wissen analysieren und Wissen beurteilen» beherrschen, ein anspruchsvolles Ziel, das viel Unterrichtszeit benötigt.

Rolf Dubs ist ehemaliger Rektor der Universität St. Gallen.

Vom reinen Wissen zum Argumentieren kommen

Damit die junge Generation im Umgang mit den vielen Zielkonflikten, den Halbwahrheiten, dem Opportunismus und den Verschwörungstheorien nicht unbedacht folgt, genügen aber das strukturierte Wissen und das selbst gesteuerte Lernen im Unterricht allein nicht.

Benötigt wird auch die Kompetenz zur Argumentation. Die Lernenden müssen «überzeugend und sachbezogen argumentieren und ihre eigene Meinung in vernünftiger Weise vertreten» können. Dazu liegen für den politischen und wirtschaftlichen Unterricht schon seit langem gute Anleitungen für den Unterricht vor.

Zielkonflikte beruhen immer häufiger auf Wertvorstellungen. Deshalb wird der politische und wirtschaftliche Unterricht anspruchsvoller, indem er drei Anforderungen genügen muss. Erstens: Lehrplan und Unterricht dürfen nicht indoktrinierend sein.

Zweitens: Unterschiedliche Ideen und Meinungen sind bewusst zu bearbeiten; aber die Lehrpersonen müssen neutral bleiben und erst am Ende des Lernabschnittes ihre eigene Meinung darlegen und darüber diskutieren lassen.

«Wissen alleingenügt nicht. Es braucht auch die Kompetenz, zu argumentieren.»

Drittens: Ziel des Unterrichtes muss es sein, die Lernenden so zu fördern, dass sie im freien Urteil zu einer eigenen Meinung gelangen und sie vertreten und begründen können. Diese Zielsetzung lässt sich mit dem Ansatz einer erweiterten Diskursethik umsetzen, mit welcher in Gruppen Probleme bearbeitet werden, die Zielkonflikte beinhalten.

Das moralische Denken fördern

Auf diese Weise sollen letztlich das sachliche und moralische Denken kombiniert und gestärkt werden. Untersuchungen belegten, dass dieses Ziel erreichbar ist. Die Schülerinnen und Schüler lernen differenzierter und klarer zu denken.

Zudem trägt das Konzept dazu bei, dass der Egoismus, der Dogmatismus sowie Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien von den Lernenden sachlicher beurteilt und grössere Zusammenhänge realistischer erkannt und vertreten werden.

Das systematische erarbeitete Strukturwissen dient als grundlegende Voraussetzung, die bereichsweise durch umstrittene politische und wirtschaftliche Alltagsfragen erweitert und im Sinne von Dilemmas diskutiert werden.

Gegenwärtig eignen sich dafür gerade die heutigen Auseinandersetzungen zu den folgenden Themen: Einkommensverteilung und Armut, Altersvorsorge, Umweltpolitik, Bodenpolitik und Mietwesen.

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