Grössenordnungen sind wichtig. Ob man ­einen Schnaps trinkt oder zehn, ist nicht das Gleiche. Wenn man versucht, hundert Schnäpse zu trinken, kann das tödlich enden. Der Satz «Die Dosis macht das Gift» stammt vom Schweizer Universalgelehrten und Arzt Paracelsus.

Umso erstaun­licher, dass sich in der aktuellen Krise niemand daran zu erinnern scheint. Wir scheinen jegliches Gefühl für Grössenordnungen verloren zu haben.

Der Ruf nach dem Staat

Vielleicht kommt es daher, dass jeder an Corona erkrankte Mensch natürlich einer zu viel ist. Wir tun uns verständlicherweise schwer mit Entscheidungen, die Menschenleben kosten können.

Darum führen wir Krieg gegen Corona, wie es allenthalben heisst. Komische ­Metapher eigentlich: Im Krieg opfert man doch gerade Menschenleben für höhere Werte. Aktuell scheint es wohl eher andersherum zu sein.

«Vollkasko-Mentalität paart sich mit dem Schlachtruf der Solidarität.»

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Vielleicht kommt es auch daher, dass wir uns im Laufe der Jahre daran gewöhnt haben, dass der Staat uns schon aus der Patsche hilft. In der politischen Landschaft herrscht seltene Einigkeit: Für die Ungerechtigkeit, die das Virus uns angetan hat, soll der Staat ein­stehen.

Vollkasko-Mentalität paart sich mit dem Schlachtruf der Solidarität. Eine gefährliche Mischung, wenn dann noch nationale Egoismen hinzukommen.

Das führt dazu, dass wir mit unseren Zwangsmassnahmen 40 Prozent unserer Beschäftigten in die Kurzarbeit schicken. Kurzarbeit ist ein tolles Instrument, ­keine Frage.

Aber denkt jemand über die Grössen­ordnungen nach? Kompliziert ist das nicht. Nicht alle Kurzarbeitende arbeiten gar nicht.

Wenn jeder von denen nur zur Hälfte arbeitet, fehlen 20 Prozent unserer Produktion. Wenn wir nicht arbeiten, entsteht auch kein Mehrwert, den man verteilen kann. Keine Löhne, keine Gewinne, kein Volkseinkommen.

Wir reden dann nicht über eine Rezession, wie wir sie kennen. Da fällt das Volkseinkommen vielleicht einmal um 2 Prozent. Wir reden von einem Einbruch, der wohl zehnmal grösser sein wird, wenn der Schlamassel anhält.

Wir konsumieren – und produzieren nicht

Wir können es uns leisten, sagen unsere Politiker, weil wir ja in guten Zeiten gespart haben. Gespart? Die Schweiz war vielleicht international betrachtet der Musterschüler, aber wir hatten auch vor der Krise Schulden.

Dann machen wir halt mehr Schulden! Aber bei wem? Bei den Anlegern! Wer das ist? Die Pensions­kassen und Versicherer? Linke Tasche, rechte Tasche nannte man das früher. Die Reichen?

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Umverteilung funktioniert nur, wenn man genug zum Umverteilen hat. Die Grössenordnung übersteigt aber alles, was man den sogenannten Reichen sinnvollerweise nehmen könnte. Dämmert es jetzt? Wir alle werden ärmer, weil wir konsumieren und nicht produzieren.

Aber die SNB hat doch so grosse Devisenreserven angehäuft. Nehmen wir doch die! Wollen wir wirklich die Devisen der SNB in Franken tauschen und den Franken noch weiter aufwerten? Gelddrucken hilft auch nicht. Schliesslich ist Inflation letztlich auch nur Umverteilung – mit schweren Nebenwirkungen.

Es besteht kein Zweifel: Das Leben geht auch nach Corona weiter. Aber vieles wird ganz anders werden. Auch weil wir die Grössenordnungen unserer Entscheidungen nicht verstehen wollen. Was wird das wohl für eine Gesellschaft, auf die wir uns da zubewegen?

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