Jährlich 7,5 Prozent auf die «Big Five Switzerland». So warb die Credit Suisse vor Weihnachten für ein neu lanciertes strukturiertes Produkt. Als unterlegte Basiswerte dienen Roche, Novartis, Nestlé, Zurich und UBS – also solide Schweizer Werte. Die Barriere liegt bei 59 Prozent. 41 Prozent Sicherheitsmarge, 7,5 Prozent Zins, und das in Zeiten von Nullzins oder gar negativen Zinsen – darüber dürften sich viele Anleger und Sparer gefreut haben. Ob zu Recht, wird die Zukunft weisen.

Gewichtige Nachteile

Skepsis ist angebracht, denn das zunächst so erfreulich Scheinende hat gleich mehrere Haken:

  • Fünf unterlegte Werte bedeuten keineswegs mehr Sicherheit. Denn was vordergründig nach Diversifizierung aussieht, bedeutet in der Realität das Gegenteil: Jeder der fünf Basiswerte kann absacken. Und es genügt ein einziger Wert, der die Barriere berührt oder unterschreitet, und die Gewinnchance ist verspielt. Das Papier wird «ausgeknockt», wie es in der Fachwelt heisst. In diesem Fall wird der schlechteste der fünf Werte ausgeliefert – ausgerechnet also das Papier, das man sich wohl am wenigsten in seinem Depot wünscht. Als kleiner Trost: Die 7,5 Prozent Zins gibts trotzdem.
  • Statt der üblichen 12 Monate hat das CS-Struki eine Laufzeit von 18 Monaten. Das heisst, allein schon zeitlich ist das Risiko 50 Prozent höher, dass die Barriere touchiert wird und somit der Risikofall eintritt. Steigen die fünf unterlegten Aktien umgekehrt aber nach oben, so partizipiert man nicht am Kursgewinn.
  • Zurückbezahlt werden maximal 100 Prozent plus der Zinscoupon. Und dies allenfalls schon nach wenigen Monaten. Denn die CS als Herausgeberin hat periodisch das Recht, ihr Produkt, einen sogenannten Callable Barrier Reverse Convertible, zurückzuzahlen, wenn das für sie günstiger ist. Dann gibts den Zins bloss pro rata.
  • Im Gegensatz zum Direkterwerb von Aktien oder Fonds muss man bei einem Barrier Reverse Convertible (BRC) auch auf die Dividende verzichten. Und die war in den letzten Jahren mit durchschnittlich 4 Prozent auf die fünf unterlegten Basiswerte dieses Produkts durchaus respektabel. Der Zinscoupon reduziert sich dadurch auf faktisch 3,5 Prozent pro Jahr.

Jedes sechste mit mehr als drei Werten

Die CS ist mit dieser Tendenz nicht alleine. «Praktisch alle Emittenten setzen auf mehr unterlegte Werte und längere Laufzeiten», hat Tobias Kurth, Leiter Investment Solutions beim VZ Vermögenszentrum, festgestellt.

Zu den grössten Struki-Häusern in der Schweiz gehören neben der CS die BCV, die Deutsche Bank, EFG, Julius Bär, Leonteq, UBS, Vontobel und die ZKB. Das zeigt auch die statistische Auswertung, die das Expertenteam von Derivative Partners (DP) für die «Handelszeitung» vorgenommen hat: Jeder sechste BRC weist vier oder mehr unterlegte Werte auf (siehe Tabelle). Die Analyse von über tausend Kundendepots, die das VZ Vermögenszentrum für die «Handelszeitung» vorgenommen hat, kommt zum Schluss, dass sogar jeder vierte BRC auf mehr als drei unterlegten Werten basiert.

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Vergleichsweise sichere Produkte haben stark an Bedeutung verloren.

Risikowert wird oft beigemischt

Dabei hat der Anteil der vergleichsweise risikoreichen BRC am Gesamtbestand der strukturierten Derivate ständig zugenommen, wie die Statistik der Schweizer Börse SIX zeigt. Gehörten 2014 noch 69 Prozent der strukturierten Produkte in die Kategorie «Renditeoptimierung» (zur Hauptsache BRC), sind es 2019 bereits 86 Prozent. Ausgeklammert wurden dabei die sogenannten Hebelprodukte, weitestgehend also Warrants (verbriefte Optionen), die sich nur an versierte beziehungsweise professionelle Anleger richten. Die vergleichsweise sicheren Kapitalschutzund die Partizipationsprodukte haben dagegen stark an Bedeutung verloren. Sie garantieren der Anlegerin mindestens einen Grossteil ihres Einsatzes – meist sogar den vollen Betrag –, beschränken dafür aber ihre Gewinnchancen.

Die immer zahlreicheren Multi-Barrier-Produkte (MBRC) sind «alle nach dem gleichen Strickmuster aufgebaut», weiss Anlagespezialist Kurth: Zwei oder drei «langweiligen» Werten wie Roche, Novartis oder Nestlé werden volatile Titel beigemischt. Im obigen Beispiel sind das Zurich und vor allem UBS. Häufig zu finden sind aber auch Adecco, AMS, CS oder Lafarge Holcim, die Salz und Pfeffer ins Produkt bringen: Die Erweiterung des Basiswert-Universums «ermöglicht mehr interessante Produkte mit attraktiven Coupons», begründet Jürg Stähelin, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbands für Strukturierte Produkte (SVSP), diese Entwicklung. «Erst ihre hohe Volatilität ermöglicht es dem Emittenten, überhaupt einen attraktiven Zinscoupon anzubieten», hält Kurth dagegen. «Doch mit der hohen Volatilität steigt auch das Risiko, dass ein Produkt ausgeknockt wird.»

Und das passiert nicht selten. Gemäss DP-Auswertung war 2018 jedes dritte Produkt betroffen. Nun war 2018 sicherlich kein gutes Jahr für strukturierte Produkte. Aber auch im Langzeitvergleich berührt oder durchbricht etwa jeder siebte BRC seine Barriere, wobei die Fluktuation von Jahr zu Jahr sehr gross ist. 2019 sah es dank Börsenboom sehr gut aus für die Strukis. Nur wenige BRC durchstiessen die Barriere. Allerdings profitierten die BRC-Käufer auch nicht von der ausserordentlichen Hausse. Der Swiss Market Index (SMI) etwa legte um stolze 28 Prozent zu