In seinem Buch «David und Goliath» zeigt Malcolm Gladwell, dass Goliath wahrscheinlich an Akromegalie litt, einer Krankheit, bei der bestimmte Körperteile stärker wachsen als andere. Das war nicht nur Ursache für seine Grösse, sondern führte auch dazu, dass er sehr schlecht gesehen hat. Trotzdem war Goliath im Nahkampf dank seiner Kraft und Reichweite fast unbesiegbar. Bis David, der kleine Aussenseiter, sich gar nicht auf einen Nahkampf einliess, sondern Goliath von weitem, mit einer Steinschleuder besiegte.

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Das Buch von Gladwell erklärt, warum unterlegene Kämpfer oft überraschende Siege erringen. Sie interpretieren die Regeln des Spiels anders und konzentrieren sich auf ihre Stärken. So kann ein klarer Nachteil im Kampf mit einem Giganten auch ein unsichtbarer Vorteil sein.

So ist es auch im Kampf von Google und Open AI, der Firma hinter dem Chatroboter Chat GPT und weiteren Produkten mit künstlicher Intelligenz. Die Dominanz von Google und deren Muttergesellschaft Alphabet schien bis vor kurzem nicht zu brechen. Aber Ende November ging mit Chat GPT eine neue Plattform live, die auf Fragen mittels künstlicher Intelligenz nicht nur mit Suchergebnissen antwortet, sondern mit konkreten Texten und auch Programmiercodes.

Schöpferische Zerstörung

Die sind so gut, dass die Plattform innert fünf Tagen über eine Million Nutzer hatte. Ein immer grösserer Teil der Suchanfragen wird jetzt bei Chat GPT statt bei Google platziert. Denn: Wer will durch Tausende Suchergebnisse scrollen, um sich die Antwort auf eine Frage selber zusammenzustellen, wenn man bei Chat GPT direkt eine ausgearbeitete Antwort, den Text für eine Präsentation oder den Code für eine Applikation erhalten kann?

Natürlich hat Google mit Lamda einen eigenen Chatroboter, aber der ist entweder noch nicht so gut wie Chat GPT oder aus Bedenken zurückgehalten worden, dass man damit sein eigenes Geschäft kannibalisieren könnte.

Nun will Microsoft Produkte von Open AI bereits als Aufwertung für die eigene Suchmaschine Bing nutzen. So kann Chat GPT die Steinschleuder sein, mit der Open AI den Internetgiganten Google besiegt. Das ist gut so, denn Fortschritt wird durch schöpferische Zerstörung möglich, wie es der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter formulierte. Dabei werden alte Akteure – Google ist auch schon 25 Jahr alt – von neuen Ideen zerstört oder dazu angeregt, sich selber neu zu erfinden. Das bringt Wachstum und Fortschritt.