Es ist Veganuar. In vielen Ländern fordern gemeinnützige Organisationen die Menschen auf, einen Monat lang auf Fleisch- und Tierprodukte zu verzichten (siehe hier, hier und hier). Damit sollen unsere Konsummuster durchbrochen werden, und hinterfragt wird die Selbstverständlichkeit, mit der wir Hühner, Schweine oder Rinder vertilgen. 

Tatsächlich schrecken die oft abscheu­lichen Zustände in der Tierhaltung und die desaströse Umweltbilanz der Fleischindustrie mehr und mehr Menschen ab. Die Nachfrage nach veganen Nahrungsmitteln steigt; die grossen Lebensmittelhersteller und Handels­ketten setzen entschlossen auf diesen Boom-Markt. Denn wohl alle wünschen sich eine Landwirtschaft, in der keine eingesperrten Tiere leiden, gemästet mit Import-Soja, für das ferne Regenwälder niedergebrannt wurden.

Für die pflanzliche Grillwurst zu Unilever

Doch dabei zeigt sich, dass die vegane Rettung nicht etwa vom ortsnahen Blümchenhof kommen wird. Im Gegenteil: Der Trend zum Veganismus, so sagen die Experten, ist ein Trend zum «processed food» – also zur industriell gefertigten Hightech-Nahrung. Es ist eine Entwicklung, bei der sich Grosskonzerne wie Unilever und Nestlé oder hochfinanzierte Startups wie Beyond Meat an die Spitze schwingen: Nur sie sind in der Lage, die nötigen Extrakte- und Proteinketten aufzubauen und perfekte Imitationen zu ­bilden.

Wenn es um die pflanzliche Grillwurst geht, ist der Kleinbauer am Ende bloss noch für die Beilage zuständig. Und wer sich voll vegan ernähren will, gerät rasch in Konflikt mit dem Öko-Anspruch, lokal einzukaufen.

«Womöglich verschwindet die heutige Milch- und Fleischindustrie bis 2030 gänzlich. Und die Landwirtschaft steht vor der grössten Umwälzung der Geschichte.»

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Dies spricht überhaupt nicht dagegen, den Verbrauch von Fleisch oder Käse zu bremsen. Es erinnert einfach wieder mal daran, dass die hehrsten Absichten stets ungeplante Folgen haben. Falls der ­Veggie-Markt so gross wird, wie seine Anhänger hoffen und die Food-Riesen erwarten, dann geschieht wirklich etwas. So prognostiziert eine kalifornische Denkfabrik – RethinkX –, dass die heutige Milch- und Fleischwirtschaft bis 2030 verschwinden wird. Und überhaupt, dass die globale Agrikultur vor der grössten Umwälzung der Geschichte steht. 

Wer den Weg in die bessere Zukunft sucht, landet auf Seitenstrassen. Ein hübsches Fallbeispiel legte die Ökonomin Rebecca Taylor von der Universität Sydney vor: Sie eruierte, dass das Verbot der Rascheltüten in Kalifornien nicht etwa zu einem tieferen Plastiksack­verbrauch führte, sondern zu einem höheren. Der Grund: Die Kunden ­hatten die «Carryout bags» für allerlei Zwecke benutzt – zum Einwickeln von Windeln, als Abfalltüte, zum Aufbewahren von Gemüse… Und nach dem Verbot wichen sie auf Alternativ-Plastiksäcke aus, die grösser und ­dicker waren.

Ein weiteres Beispiel bot soeben eine Studie von US-Ökonomen. Sie überprüften den Kampf gegen den Tabak in Minnesota: Der Midwest-Staat hatte schon 2010 begonnen, E-Zigaretten zu besteuern. Ein Vergleich mit ähnlichen Regionen ohne Steuer zeigte nun, dass die Zusatzkosten viele Raucher davon abhielten, zu wechseln und später ganz loszukommen vom Tabak. Konkret: Wären die Steuern nicht gewesen, so das ökonometrische Ergebnis, hätten rund 32'000 erwachsene Raucher zusätzlich es geschafft, ihr Laster aufzugeben.

Quellen

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