Legacy ist out. Agility ist in. Legacy ist von gestern. Agility ist die Zukunft. Wenn man von Unternehmen spricht, mag diese Theorie stimmen.

Doch gilt sie auch für Nationen? Und was heisst das für ein Modell mit Entstehungsdatum 1291?

Es ist unübersehbar: Wir sind im Konflikt der Tech-Systeme. Im Clash um die Vorherrschaft in der digitalen Welt.

Agile US-Tech-Giganten

In der blauen Ecke: die USA. Langfristig bestrebt, ihre wirtschaftliche Spitzenposition und Machtstellung zu erhalten. Kaum etwas hat die agilen, amerikanischen Tech-Giganten in ihrem rasanten Wachstum aufgehalten.

Weder im Heimmarkt noch im Rest der Welt. Auch die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen dürften kaum mehr als Retuschen zur Folge haben; denn es geht um sehr viel. Zu lukrativ und einflussreich sind die ­weitestgehend unregulierten Kräfte im Silicon Valley.

Chinas Erkennungssoftware

In der roten Ecke: China. Durch High-End-Innovationen, gepaart mit zügiger, autoritärer Politik, will das Reich der Mitte seinen Aufstieg an die Spitze weiter vorantreiben.

Wirtschaftswachstum nach strategischem Kalkül und operativer Cleverness.

Doch der digitale Machtanspruch der Volksrepublik geht darüber hinaus. Nicht nur Daten im eigenen Land werden umfassend erhoben und ausgewertet: Chinesische Unternehmen haben ihre ausgeklügelte Erkennungssoftware samt Nutzungsalgorithmen bereits auch in anderen Staaten verwandter Couleur platziert.

Big Brother is going to watch everybody.

Die bedachtsame Schweiz

Und die Schweiz? Konsensorientierung und Bedachtsamkeit sowie eine föderalistische, partizipative Politkultur charakterisieren unser Tun und Lassen.

Nicht eben adäquate Attribute, um sich in einem Zeitalter der hohen Veränderungsgeschwindigkeit und der agilen Anpassungsprozesse zwischen hart konkurrenzierenden Tech-Mächten behaupten zu können. Oder ist dies zu kurz gedacht?

Diese Faktoren sind entscheidend

Kommt es bei der Beurteilung der Wettbewerbs­fähigkeit nicht mindestens ebenso auf die Nachhaltigkeitspotenziale einer Gesellschaft an? Die Antwort hängt wohl vom Betrachtungszeitraum ab.

Ich bin überzeugt, dass nur Konsens, Chancengleichheit und Vertrauen langfristig Erfolg zeitigen.

  • Eine Kultur, in welcher Co-Creation Tradition hat und nicht ein Buzzword ist.
  • Eine Rechtsordnung, welche Freiheit, Gleichberech­tigung und Solidarität verbindet.
  • Eine Bevölkerung, die immer wieder durch Diversität, Bildungsstärke, Findigkeit und Engagement auffällt.
  • Eine Volkswirtschaft, die in ihrer Dezentralität immer wieder Flexibilität beweist.
  • Ein Staat, der eine im internationalen Vergleich hervorragende öffentliche Verwaltung aufweist.
  • Ein System, welches sich die Zeit nimmt, umfängliche Regulierungen mit Schutzrechten für das Individuum durchzudenken.
  • Eine Staatsform, die selten die schnellste ist, dafür generationenübergreifend wirkt, und die hohen internationale Bewunderung findet.

Die positiven Puzzleteile hierzulande reichen zwar nicht aus, ein Spital in zehn Tagen hinzuklotzen oder ­innert weniger Jahre einen demokratiegefährdenden Technologiegiganten entstehen zu lassen.

Sie reichen ­jedoch aus, ein stimmiges Bild zu schaffen, das auch in Jahrzehnten noch sehens- und lebenswert ist.

Auf die Vorteile bauen

Bauen wir also auf die Vorteile, die wir als System/Gesellschaft/Nation Schweiz haben. Setzen wir darauf, entwickeln wir sie und stärken wir unsere Wettbewerbsfähigkeit im Zusammenhang mit digitalen Technologien nach un­serer Façon.

Unsere Swiss Legacy war, ist und bleibt die ­Erfolgsformel zum Bestehen neben den Giganten.

* Manuel P. Nappo ist Director Institute for Digital Business an der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ).