Im Hauptsitz von ABB in Oerlikon probt Konzernchef Ulrich Spiesshofer fleissig seinen Auftritt am Capital Markets Day am 4. Oktober. An diesem Tag will er die Ergebnisse der gut ein Jahr dauernden Revision der Konzernstrategie vortragen. Nicht nur der Anzug, jedes Wort muss sitzen.

Die einzige Botschaft, die ABB im Vorfeld zu den Ergebnissen der Strategie-Revision bislang durchsickern lässt: Die Stromnetzsparte wird weder abgespalten noch verkauft, wie sich das einige der grössten Kapitalgeber von ABB wünschen würden. Und das Kabelgeschäft aus dieser Sparte wird an die dänische NKT verkauft. Allenfalls das Transformatorengeschäft könnte demnächst auch noch veräussert werden, heisst es aus gut informierten Kreisen. Sonst soll Alles beim Alten bleiben.

Starke Abhängigkeit

Doch ganz so einfach kann ABB-Chef Ulrich Spiesshofer es sich nicht machen. Die Chinesen sitzen ABB im Nacken. Chinas grösster Stromkonzern State Grid Corporation of China greift nach der Top-Technologie von ABB im Hochspannungsbereich (HVDC). Gleichzeitig ist ABB aber stark abhängig von State Grid, einem seiner grössten Kunden. Mit State Grid macht die ABB-Stromnetzsparte das grösste Geschäft. Grösster Lieferant der HVDC-Technologie ist Noch-Weltmarktführer ABB. Diesem winken in den nächsten drei Jahren bis zu 40 HVDC-Aufträge aus China.

Was für den Konzern nach einem Geldsegen klingt, ist die Achillesferse: ABB ist auf solche lukrativen Aufträge angewiesen. Doch gleichzeitig droht der Konzern damit die Spitzentechnologie an einen Konkurrenten zu verlieren. ABB ist also im Würgegriff von State Grid. Denn der Staatskonzern ist nicht nur Netzbetreiber und Technologiekunde, sondern auch Hersteller und Lieferant von Strom-Infrastruktur – sowohl in China als auch international. Das Einzige, was State Grid noch nicht perfekt beherrscht, ist HVDC. Die Chinesen bezeichnen ABB daher schon länger als «preferred target».

Chinesen drohen ABB zu überholen

China ist drauf und dran, Infrastruktur und Know-how in der Energieversorgung massiv auszubauen. Gemäss Fünfjahresplan will es sein Territorium mit Tausende Kilometer langen Hochspannungsleitungen (HVDC) ausstatten und so auch gleich die Technologie einsacken, um selbst international als Stromnetz-Anbieter aufzutreten und damit Geld zu machen.

Die chinesischen Stromkonzerne mutieren von den grössten ABB-Kunden zu den grössten Konkurrenten. «Wenn ABB seine Stromnetzsparte an State Grid verkaufte, würde es damit aus strategischer Perspektive Kerntechnologien nach China verkaufen und State Grid würde als Akteur in der weltweiten Stromwirtschaft noch mehr Bedeutung gewinnen», sagt Jost Wübbeke vom Mercator Institute for China Studies.

Anzeige

Gerne hätte nun der aktivistische Investor und ABB-Grossaktionär Cevian Capital die Stromnetzsparte zumindest aus dem restlichen Konglomerat der ABB herausgelöst. Beziehungsweise die Sparte an State Grid verkauft. Denn so viele Käufer kommen für die ABB-Sparte nicht infrage.

State Grid wäre einer der wenigen Player, die sich die Stromnetzsparte überhaupt leisten könnten. Der Industrieriese sitzt auf einer Kriegskasse von 50 Milliarden Dollar. Der Staatskonzern könnte die ABB-Sparte also locker schlucken. Power Grids macht in etwa einen Drittel vom Umsatz von ABB aus, zwischen 10 und 15 Milliarden Dollar. State Grid würde dem Vernehmen nach bis zu 20 Milliarden Dollar hinblättern. Die Abspaltung hätte aus Sicht von Cevian den Vorteil, dass die Komplexität des Stromnetzgeschäftes aus dem Konzern fiele. «Die Gesamtstruktur ist zu komplex», sagte Cevian-Partner Christer Gardell kürzlich in schwedischen Medien, «das Konglomerat-Modell veraltet.»

Transformatorengeschäft nächster Verkaufskandidat?

Der Verkauf an State Grid hätte aber nicht nur Auswirkungen auf ABB. Es beträfe die gesamte Branche. Denn bei einem Kauf durch die Chinesen müsste State Grid wohl das Transformatorengeschäft der Stromnetzsparte abstossen – aus politischen Gründen. Denn dieses Geschäft ist primär in den USA zu Hause. Und die Amerikaner werden es kaum goutieren, dass sich die Chinesen in einem so sensiblen Bereich wie der Energieversorgung im US-Markt einnisten. Übrig bliebe Siemens als direkter nennenswerter Konkurrent für die Chinesen im HVDC-Geschäft. ABB würde in dem Fall zu einem direkten Konkurrenten einer Schneider Electric schrumpfen, die im Energieprodukte-Geschäft ebenbürtig wäre.

Anzeige

Aber auch ohne den ABB-State-Grid-Deal ist der chinesische Konzern bereits einer der mächtigsten Player im weltweiten Strom-Monopoly. Der Gigant kontrolliert mehr als vier Fünftel der Netze Chinas, kauft in der ganzen Welt Netzbetreiber auf und baut mit von westlichen Konzernen einverleibter Technologie Ultrahochspannungsleitungen bis nach Brasilien.

Mehr zum Thema lesen Sie in der neuen «Handelszeitung», am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.