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Balkon-Gärtner erobern die Schweizer Städte

Balkon-Gärtner erobern die Schweizer Städte
Pflanzplatz Balkon: Für Migros, Coop und Co. eine Goldgrube. Suzette/CC/flickr

Immer mehr Balkon-Gärtner ziehen nicht mehr nur Kräuter, sondern sogar ihr eigenes Gemüse. Dieser Trend freut die Detailhändler – sie haben ihr Sortiment ans Urban Gardening angepasst.

Nicht nur Basilikum und Schnittlauch, auch immer mehr Salate, Kürbisse und Zucchetti wachsen auf Schweizer Balkonen. Die Branche hat auf den Trend reagiert und ihr Sortiment angepasst. Das zahlt sich aus. Mit der «Kalten Sophie», der letzten Eisheiligen, ist am Pfingstsonntag der Startschuss für alle Hobbygärtner und -gärtnerinnen gefallen. Angepflanzt wird längst nicht mehr nur im Garten auf dem Land, sondern auch auf Balkonen mitten in der Stadt.

«Wir merken, dass Urban Gardening in der Bevölkerung angekommen ist», sagt Othmar Ziswiler, Leiter Gärtnerischer Detailhandel beim Unternehmerverband Gärtner Schweiz. Das Sortiment habe sich verändert, es würden mehr Kräuter und Gemüse verkauft. Das zeigt sich bei den Detailhändlern: Bäume und Sträucher sind bei der Migros weniger gefragt, wie Sprecherin Monika Weibel auf Anfrage mitteilt. Dafür seien Balkonpflanzen sehr beliebt. Das Interesse an Pflanzen, die man selbst ernten könne, sei stark gestiegen, teilt Coop-Sprecher Urs Meier mit.

«Der Basilikum ist sehr heikel»

Ihre Hobbygärtner-Karriere fangen laut Ziswiler viele mit Kräutern an, zum Beispiel mit Basilikum. «Leider haben sie dann vielfach Pech, denn der Basilikum ist sehr heikel.» Inzwischen schon fast Standard seien die Küchenkräuter Petersilie und Schnittlauch. Auf Schweizer Balkonen wächst aber auch Gemüse. In den letzten Jahren an Beliebtheit zugelegt haben laut Ziswiler Salate. Auch Zucchetti, Kürbisse und anderes Gemüse wird vermehrt in Hochbeeten angepflanzt. Nach wie vor beliebt sind die verschiedensten Sorten von Tomaten.

Bei Migros verkauft sich zudem die sogenannte «TomTato» gut - eine Hybridpflanze, oben Tomate, unten Kartoffel. Gleichzeitig setzen jedoch viele auf Bio, regionale Sorten oder ProSpecieRara-Pflanzen. Die Detailhändler bauen diese Segmente daher aus. Urban Gardening sei weit weg von Selbstversorgung, sagt Ziswiler: «Es geht darum, Spass und Freude zu haben. Etwas mit den Händen zu erschaffen, das weiterwächst, ist sehr befriedigend - und ein guter Ausgleich zur täglichen Arbeit.»

Gärtnereien und Grossverteiler

Damit der Balkon schön farbig aussieht, pflanzen viele neben Gemüse auch Blumen an. Hier lauten die Devisen «bewährt» oder «praktisch». Die Klassiker Geranien verkaufen sich bei der Landi auch 2016 noch gut. Ebenfalls beliebt sind Petunien, Margeriten, Hortensien oder Lavendel. Sehr gut verkauft sich zudem - aus praktischen Gründen - die Dipladenia. Dank Speicherwurzeln könne diese auch mal eine Woche ohne Wasser auskommen, sagt Ziswiler. Auch verkaufsfertige Mischbepflanzungen seien ein Trend, teilt Landi-Sprecherin Sonja Schild mit. Dabei werden mehrere Blumen, die gut zusammenpassen, in einem Topf verkauft.

Egal ob Blumen oder Gemüse: Bei Balkongärten wird kaum ausgesät, die meisten pflanzen Setzlinge an. Eingekauft werden diese entweder in Gärtnereien oder bei den Grossverteilern Coop, Migros und Landi. Laut Ziswiler wird etwa die Hälfte des Umsatzes von diesen dreien erwirtschaftet. Insbesondere die Landi habe in den letzten Jahren stark zugelegt. Umsatzzahlen nennen die Detailhändler nicht. Bei der Landi heisst es aber, man sei im Pflanzenbereich in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Auch Coop verzeichnet gemäss eigenen Angaben einen steigenden Umsatz mit Gartenpflanzen.

Urban Gardening «sehr erfreulich»

Anders die Migros: Der Umsatz sei in den letzten vier Jahren leicht rückläufig, heisst es. Der Grund seien die tieferen Durchschnittspreise und der aggressivere Preiskampf, besonders bei Aktionen. Das Thema Urban Gardening entwickle sich aber ebenfalls «sehr erfreulich», heisst es bei der Migros.

Gemäss dem neusten Geschäftsbericht von Jardin Suisse hat auch der Garten- und Landschaftsbau zuletzt an Terrain gewonnen. Der Branchenumsatz stieg von 2,74 Milliarden Franken im Jahr 2010 auf 3,27 Milliarden Franken im Jahr 2013. Das zeige, dass mehr in den Garten investiert werde, hiess es bei Jardin Suisse. Die Menge der importierten lebenden Pflanzen nahm zwischen 2004 und 2015 gar um 40 Prozent zu. Der Produktionswert im Schweizer Zierpflanzenbau blieb in dieser Zeit in etwa stabil.

Internet statt Beratung

Das Potential für Urban Gardening sei noch riesig, sagt Ziswiler. Viele Balkone seien nach wie vor kahl und unbelebt. Er freut sich über die zunehmende Lust am Ausprobieren. So steckten manche Töpfe in SBB-Palette, andere pflanzten in Petflaschen an. Einfacher mache dies das Gärtnern aber nicht, sagt Ziswiler. Bei Petflaschen und kleinen Töpfen im Allgemeinen müsse man mehr giessen.

Manche Hobbygärtner bringen jahrelange praktische Erfahrung mit oder sie informieren sich im Internet, so dass sie kaum Beratung benötigen, sagt Ziswiler. Andere hingegen zeigen sich beratungsresistent und setzen auf Pflanzen, die wohl nicht lange überleben werden. «Da blutet das Gärtnerherz manchmal etwas.»

(sda/gku/hon)

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