Wo ist Jack Ma? Einer der reichsten Männer Chinas ist von der Bildfläche verschwunden, seit er im Herbst auf einem Kongress in Schanghai den Staatsbankern die Leviten las. Er beklagte sich über die Pfandhausmentalität der Finanzinstitute und über die innovationsfeindliche Regulierung.

Was Ma sagte, gehört in westlichen Demokratien zum rhetorischen Standardrepertoire eines jeden Fintech-Entrepreneurs. Für Ma bedeutet die harmlose Kritik wohl das Ende seiner Bilderbuchkarriere. Dabei trug der Selfmade-Milliardär wie kein Zweiter ein Positivimage der Volksrepublik hinaus in die Welt.

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Mit seinem Alibaba-Konglomerat schuf er ein Tech-Imperium, das seinen US-Pendants wie Amazon oder Google in nichts nachsteht. So hat Mas Firma Ant Financial Vorbildcharakter für Finanzhäuser rund um Globus. Alipay gilt gar als Blaupause fürs elektronische Zahlen.

Illusion des Wandels

Dass dieser Vorzeigeunternehmer Jack Ma – eine Art chinesischer Jeff Bezos – vom kommunistischen Parteiapparat einfach kaltgestellt wird, sollte auch Schweizer Konzernchefs zu denken geben. Die Illusion, in China Wandel durch Handel herbeizuführen, ist längst geplatzt.

Mit dem stetig wachsenden wirtschaftlichen Gewicht in der Welt zeigt die Führung um Generalsekretär Xi Jinping immer unverhohlener ihr wahres Gesicht: Ganz in marxistisch-leninistischer Tradition duldet die Partei keinen Widerspruch.

Gerieten früher vor allem Regimekritiker und Menschenrechtsaktivisten in die Repressionsmühlen, kann es mittlerweile auch verdienstvolle Parteisoldaten wie Jack Ma treffen. Vorausgesetzt, sie wagen es, aus der stummen Masse herauszuragen.

In ihrem Allmachtsanspruch stellen die Pekinger Parteitechnokraten längst auch kapitalistische Grundwerte wie Wirtschaftsfreiheit oder Rechtssicherheit zur Disposition. Die zunehmende Einflussnahme von kommunistischen Parteizellen auf Privatunternehmen offenbart dabei ein grundlegendes Problem.

Der langfristige Masterplan

China verfolgt ein langfristiges Wirtschaftsprogramm, das mittels Technologie- und Know-how-Transfer die Volksrepublik in Schlüsselindustrien zur führenden Volkswirtschaft machen soll. In diesem Masterplan ist die Kooperation mit West-Firmen bloss Mittel zum Zweck.

Die vorherrschende Meinung in Schweizer Konzernzentralen, man könne sich mit den Verhältnissen in China schon arrangieren, zeugt dabei von einem naiven, kurzfristigen Opportunismus. Die Zeit der Unschuld ist längst vorbei. Die Zumutungen nehmen zu.

Auf längere Sicht vermag der Zugang zu Chinas Binnenmarkt die staatliche Willkür nicht aufwiegen. Die hiesigen Konzerne sind gut beraten, sich auf die bipolare Weltordnung einzustellen.

Oder wie es Ökonomin Beatrice Weder di Mauro im Sommer hier formulierte: Europäische Unternehmen werden sich fragen müssen, wie sehr man noch in China und ebenso in Amerika sein kann.

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