Noch wiegeln die Kreditmanager routiniert ab. Von verstärkten Anstrengungen, in Indien Fuss zu fassen, wollen weder die Credit Suisse noch die UBS offiziell etwas wissen. Kaum zu glauben, bei der beeindruckenden Börsenperformance und dem steigenden Investitionsappetit, den der Subkontinent bei institutionellen Anlegern und so genannten «high net worth individuals» rund um den Globus hervorruft.

Während die Grossbanken offenbar bemüht sind, ihr Exposure in der Ganges-Region herunterzureden, rekrutieren sie vor Ort munter Spezialisten und stocken ihre Belegschaften mit Blick auf die langfristige Bedeutung des südasiatischen Marktes konsequent auf.

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Frage an die Pressestelle der CS-Gruppe: «Wie viele Personen beschäftigen Sie derzeit in Indien?» Antwort: «Das geben wir nicht bekannt.» Aktenkundig ist immerhin, dass seit letztem Jahr Ajeya Singh als neuer Länderchef von Credit Suisse First Boston (CSFB) India firmiert. Singh, der zuvor bei der US-Investment-Bank Lehman Brothers auf der Payroll stand, ist der Sohn des früheren Premierministers von Indien, Vishwanath P. Singh (1989–1990). Bis zum Auffliegen der Bofors-Schmiergeldaffäre hatte V.P. Singh im Kabinett von Rajiv Gandhi den Posten des Finanzministers bekleidet. In Indiens Presse geistert in diesem Kontext bis heute die – allerdings unbewiesene – Vermutung herum, Ajeya Singh habe seinem Vater seinerzeit geholfen, 21 Millionen Dollar auf einem karibischen Offshorekonto ins Trockene zu bringen.

Von den Schweizern mit einem Traumsalär geködert, soll der Filius sein Kontaktnetz von nun an für die CSFB fruchtbar machen. Bei einer Reihe von grossen Privatisierungsvorhaben, die in den nächsten Jahren namentlich in der Zivilluftfahrt, im Energiesektor und im Finanzbereich anstehen, könnten sich Singhs Beziehungen auf höchster Regierungsebene für die Bank als Trumpfkarte erweisen.

Im Moment hat, was Indien betrifft, aber die Konkurrenz die Nase vorn. Seit 1997 verfügt die UBS über eine Börsenlizenz und setzt im Wertpapierhandel für institutionelle Anleger rund fünfzig zumeist indische Händler ein. Ohne Details verraten zu wollen, spricht Daniel Grob, der die UBS-Repräsentanz in der Finanzmetropole Mumbai leitet, auf Anfrage denn auch von einem «sehr guten Business».

Verglichen damit, hat die CS auf dem Subkontinent einigen Nachholbedarf. Nachdem im Frühjahr 2001 ruchbar geworden war, dass sich die CSFB mit anderen Finanzmarktakteuren abgesprochen und die Kursbildung an der Börse von Mumbai in illegaler Weise manipuliert hatte, sprach die indische Börsenaufsicht ein zweijähriges Handelsverbot aus. Ein Grossteil der Belegschaft verlor damals die Stelle. Den Wertschriftenboom der Folgejahre verfolgte man bei der CSFB von der Seitenlinie aus. Obschon der zweijährige Bann im April 2003 auslief, wartet die Investment-Bank bis heute auf die Erneuerung ihrer Lizenz. Bis es so weit ist, konzentriert man sich notgedrungen auf das klassische Finanzierungsgeschäft und die Beratung bei Fusionen und Übernahmen.

Verantwortlich für die von London aus geführten internationalen CSFB-Aktivitäten – zur Hauptsache die Betreuung wichtiger Grosskunden – war bis Anfang 2004 David C. Mulford, einst Unterstaatssekretär im US-Finanzministerium. Der Spitzenlobbyist und Handelsreisende im Namen freier Kapitalflüsse gilt als ausgewiesener Privatisierungsexperte, beriet jahrelang das saudische Herrscherhaus und machte sich als Troubleshooter bei Zahlungskrisen von Mexiko über Russland bis Argentinien einen Namen. So sass Mulford auch an der Seite von Ex-CS-Boss Lukas Mühlemann im VR des wegen Beihilfe zu illegaler Kapitalflucht in die Schlagzeilen geratenen argentinischen Finanzinstituts Banco General de Negocios (siehe BILANZ 4/02).

Als langjähriger Freund der Familie Bush wurde Mulford von George W. Bush vor Jahresfrist zum US-Botschafter in Indien ernannt. Was zuoberst auf seiner Agenda steht, machte Mulford kurz nach seinem Amtsantritt klar: «Indien benötigt dringend eine rasche Entwicklung seiner Märkte für langfristige Kredite, Rohstoff-Futures und Derivative», diktierte der neoliberale Falke vor ein paar Monaten den Delegierten der indischen Handelskammer ins Textbuch. «Grosse und effiziente Kapitalmärkte sind eine unabdingbare Notwendigkeit für ökonomisches Wachstum und nachhaltigen Wohlstand in Indien.» Auch wenn Mulford als vormaliger CSFB-Chairman nichts mit den widerrechtlichen Kursmanipulationen in Indien zu tun hatte und sich als US-Diplomat, zumindest formell, von der Credit Suisse gelöst hat, wird die Börsenaufsicht in Mumbai gut daran tun, den Aktivitäten der CSFB auch inskünftig ihr besonderes Augenmerk zu schenken.