Lange war von ihm nichts zu hören. Allenfalls über Anlagestrategien redete er öffentlich, er, der in der New Economy reich geworden war. Jetzt meldet sich Daniel Aegerter umso lauter. Der 47-Jährige will verhindern, dass bei der Volksabstimmung vom 27. November ein Verbot von Atomkraftwerken in der Schweizer Verfassung verankert wird.

Dabei spart er nicht mit deutlichen Worten: «Wer die Atomenergie verbieten will, ist der Feind des Klimas», sagt er. Oder: «Die von der Anti-Atom-Lobby geschürte Hysterie hat dazu geführt, dass irrationale Angst herrscht und die Vorteile der Technologie ausgeblendet werden.» Oder: «Verglichen mit dem Klimaproblem, das Hunderte Millionen Menschen bedroht, waren Fukushima und Tschernobyl Kleinigkeiten.»

Den meisten Umweltpolitikern links des Medians dürften darob die Haare zu Berge stehen. Doch Aegerter legt noch ein paar Schippen drauf. Fukushima war für ihn ein Erdbeben, kein Atomunfall: «16'000 Menschen sind gestorben wegen der Flutwelle, aber niemand wegen der Radioaktivität.» Die 50 Strahlentoten von Tschernobyl sind für ihn «so viel wie ein mittleres Minendesaster», Langzeitschäden ein Mythos: «Nach Tschernobyl wurden Millionen Todesopfer prophezeit. Das ist nicht eingetroffen.» Dass die Atomenergie auch gravierende Nachteile hat, ist ihm bewusst. «Aber die Vorteile überwiegen. Man muss die Grössenordnungen sehen.»

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Not Everybody’s Darling

Mit seiner dezidierten Meinung wird sich Aegerter in weiten Kreisen der Schweiz keine Freunde machen. Das kümmert ihn nicht. «Daniel ist nicht darauf bedacht, Everybody’s Darling zu sein», sagt Anwalt Thomas Ladner, ein Freund Aegerters und mit ihm Gründungsaktionär des Clubs zum Rennweg. «Ich liebe es, wenn die Fakten auf meiner Seite sind», nennt es Aegerter.

Pascal Forster, Headhunter bei Kienbaum und ebenfalls ein langjähriger Freund, sagt: «Er recherchiert viel tiefer als viele andere und geht den Dingen auf den Grund. Man muss sich warm anziehen, wenn man mit ihm diskutiert.» In seinem direkten Umfeld hat der gebürtige Berner seine kontroversen Ansichten schon länger gepredigt. Jetzt äussert er sie auch in der Öffentlichkeit.

Gesellschaftliche Fragen rücken in den Vordergrund

Ein Freund erklärt das Coming-out so: Als Unternehmer und Investor habe Aegerter alles erreicht, als Vater habe er ausgedient (seine beiden Söhne studieren in den USA), der 50. Geburtstag sei in Sichtweite. Nun rückten gesellschaftliche Fragen in den Vordergrund. Dabei will Aegerter nicht als Atomfan dastehen. Nur sieht er keinen anderen Weg, den Verbrauch fossiler Brennstoffe erheblich zu reduzieren.

«Deutschland hat 500 Milliarden investiert in alternative Energien. Die Bilanz in Sachen Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit ist vernichtend.» Strom sparen ist für ihm keine Alternative: «Wir finden für Elektrizität immer mehr Anwendungen wie Mobilität, und man kann auch den Inderinnen nicht verbieten, sich Waschmaschinen zu kaufen.» Sein Fazit: Ohne AKWs ist das Klimaproblem nicht zu lösen, solange Batterien nicht leistungsfähig genug sind, um die Speicherproblematik zu lösen.

Aegerters Votum erscheint naheliegend, schaut man sich die Vergangenheit seiner Eltern an (Jahrgang 1938 und 1940). Als beide in den fünfziger Jahren Physik studierten, galt Kernkraft als Zukunftstechnologie. Beide kämpften in den Achtzigern gegen den Atomausstieg, Mutter Irene gründete gar zwei Lobbyorganisationen, «Frauen für Energie» und «Women in Nuclear». «Ich hatte vielleicht schon radioaktive Muttermilch», lacht Aegerter.

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Alternativenergien reichen nicht

Dennoch liegt seinem Engagement ein bemerkenswerter Wandel zugrunde. Einst setzte ­Aegerter auf Alternativenergien. Als «Solar Impulse» noch weitgehend unbekannt war, lud er Journalisten in seine Villa Bechtler in Zumikon zu einem Kaminfeuer­gespräch mit Bertrand Piccard, um das Projekt anzuschieben. Und er beteiligte sich mit einem sechsstelligen Betrag an der solargetriebenen Weltumrundung. Heute ist er überzeugt, dass Alternativenergien nicht reichen. Während alle Welt Piccard feiert, weil er bewiesen hat, was mit Solarkraft möglich ist, kommt Aegerter zum gegenteiligen Schluss: «Piccard hat die Grenzen der Solarkraft aufgezeigt. Das sage ich als sein Freund und Bewunderer.» Trotz extremen Aufwands sei die Innovationskurve viel zu flach geblieben.

Dass ein Atombefürworter mit Umweltschutz argumentiert, wirkt seltsam. «Nur für jemanden, der jahrzehntelang von der grün-romantischen Idee gegen Kernkraft berieselt wurde», kontert Aegerter. Dieses Denken ist typisch für ihn. Er ist das, was man in Anlegerkreisen als Contrarian bezeichnet: einer, der gegen den Strom schwimmt. Ladner sagt es so: «Daniel ist sehr unabhängig im Denken. Der Mainstream interessiert ihn nicht.»

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So etwa, als er 1999 auf dem Höhepunkt des New-Economy-Hypes seine Internetfirma Tradex an den Softwarekonzern Ariba (heute Teil von SAP) verkaufte. Aegerter wurde in Aktien bezahlt, der Kurs explodierte, zeitweise war sein Paket 1,4 Milliarden Dollar wert. Fast alle Analysten empfahlen die Titel zum Kauf, doch Aegerter stiess sie ab. Als später der Börsenwert von Ariba massiv einbrach, hatte er eine halbe Milliarde ins Trockene gebracht.

Menschenscheu

«Ich bin sicher nicht konventionell», sagt er selber. «Wenn man die Marktmeinung nachkaut, kommt auch nur Durchschnittliches raus.» Das zeigte er 2013, als er in gros­sem Stil in Immobilien investierte: 9300 Wohnungen kaufte er in Ostdeutschland zu einem Zeitpunkt, als niemand etwas von Plattenbauten wissen wollte. Letztes Jahr, als sich die Rendite jenseits der acht Prozent herumsprach und viele in den Markt drängten, verkaufte er. «Im Grunde ist Daniel eine introvertierte Person», sagt Forster. «Deshalb kann er unabhängig seine Meinung bilden.» Andere nennen ihn gar «menschenscheu mit autistischen Zügen».

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Den Kampf gegen das Anti-AKW-Lager kann Aegerter allerdings nicht alleine gewinnen. Er gründete deshalb mit dem Dokumentarfilmer Robert Stone («Earth Days») und der Umweltaktivistin Kirsty Gogan die Stiftung Energy for Humanity. Diese will den Klimawandel bekämpfen und dazu die CO2-neutralen Energiequellen ausbauen, vor allem jenseits der Landesgrenzen.

Im Patronatskomitee sitzen unter anderen Ex-UBS-Chef Marcel Rohner, Unternehmer Jobst Wagner (Rehau Gruppe), Buchautor Rolf Dobelli («Die Kunst des klaren Denkens») und Thomas Ladner. Einen sechsstelligen Betrag hat Aegerter bislang in die Stiftung investiert, «über die Jahre werden es wohl ein paar Millionen werden». 10 bis 15 Prozent seiner Zeit opfert er dafür, «ähnlich viel wie bei einem VR-Mandat».

«Daniel wird oft unterschätzt»

Hauptberuflich widmet er sich der Führung seines Family Office, das sein Vermögen (600 bis 700 Millionen Franken) verwaltet. Es investiert an der Börse, in Immobilien und Start-ups, etwa die Schweizer Softwarefirma Bexio. Der Erfolgsausweis ist nicht bekannt. Sein Engagement für Philanthropie hat Aegerter zugunsten der Stiftung zurückgefahren. «Energie und Ausbildung sind der Kern fast aller Probleme, ich will mich fokussieren», sagt er. «Das ist eine seiner Qualitäten», sagt Eventunternehmer Schoscho Rufener: «Er kann unglaublich fokussiert sein. Das ist eigentlich nicht schweizerisch.»

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Um Erfolg zu haben, muss ­Aegerter die Mehrheit des Stimmvolkes auf seine Seite ziehen. Kaum vorstellbar in der atomfeindlichen Schweiz. Andererseits: «Daniel wird oft unterschätzt, weil er sehr schnell sehr viel Geld gemacht hat», sagt Ladner. «Aber das war kein Glück. Er ist hochintel­ligent und vor allem extrem hartnäckig.»