Nein, schnelle Entscheide sind von Richemont-Patron Johann Rupert nicht zu erwarten. Nach den Turbulenzen der vergangenen Woche, die sich daran entzündeten, dass Richemont Gehälter und Boni von vielen höheren Angestellten kürzen wollte, während die oberste Führungsriege deutlich mehr verdiente, ist Rupert erst einmal an Ruhe gelegen.

Dass die Wogen der internen Gehaltsquerelen an die Öffentlichkeit gelangten und in der Entmachtung der obersten Personalchefin gipfeln mussten, ist dem starken Mann bei Richemont unangenehm. Damit soll nun erst einmal Schluss sein; die Leute sollen wieder über den exquisiten Schmuck, die vorzüglichen Uhren und die ­edlen Schreibwaren der Maisons – von Cartier über IWC bis Montblanc – sprechen.

Investoren wollen Klarheit

Doch Rupert wird in den kommenden Monaten nicht darum he­rumkommen, dahin zu gehen, wo es weh tut. Er muss eine Antwort finden auf die Frage, wer die Nummer drei im globalen Geschäft mit Luxusgütern in die Zukunft führen soll. Mitten in der grössten Krise der Branche, die selbst sehr reiche ­Klienten die Frage stellen lässt, wofür sie ihr Geld ausgeben, wollen ­Investoren Klarheit, wohin die Reise gehen soll. Gerade bei einem Unternehmen, bei dem ein Mann – eben Rupert – zwar die Mehrheit der Stimmrechte auf sich vereint, nicht aber die Mehrheit des Kapitals. Gerade bei einem Konzern, bei dem im Vergleich zu den grösseren Rivalen LVMH und Kering mehr strategische Fragen offen sind und bei dem in der Krise mehr organisatorische Unzulänglichkeiten offen zutage treten.

Bei Richemont ist die Frage nach der künftigen Führung eine doppelte. Sie betrifft die Rolle des Konzernchefs und die Spannweite seiner Macht. Und sie betrifft Rupert selbst als Präsidenten des Verwaltungsrates.

Vor einem Monat feierte Rupert seinen siebzigsten Geburtstag. Er ist damit in einem Alter, in dem Patrons an eine Stabsübergabe denken sollten. Natürlich möchte Rupert die Leitung von Richemont in den Händen seiner Familie belassen: Doch zwei seiner drei Kinder – die Schwestern Hanneli und Caroline – haben mit Richemont nichts zu tun.

Die Frage nach der künftigen Führung stellt sich Johann Rupert doppelt.

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Caroline Rupert beschäftigt sich mit Filmen und Wohltätigkeit, die in London lebende Hanneli Rupert betreibt eine Boutique in Kapstadt und hat ein eigenes kleines Lederwaren-Label namens Okapi gegründet.

Nur Hannelis und Carolines Bruder, Anton Rupert, ist direkt in die Geschäfte des Vaters involviert. Er ist seit 2017 Mitglied des Richemont-Verwaltungsrates und ein sogenannter Partner der Compagnie Financière Rupert, in welcher die grössten Teile der Familienanteile an Richemont parkiert sind. Anton Rupert sitzt auch im Aufsichtsgremium von Remgro, der südafrika­nischen Beteiligungsgesellschaft der Familie, in der überwiegend ­Assets in Afrika, aber auch die in­direkte Beteiligung an der Schweizer Klinikkette Hirslanden zusammengefasst sind. Schliesslich war Anton Rupert anderthalb Jahre lang Verwaltungsrat bei Watchfinder, ­einem Händler für Occasions-Uhren aus dem Richemont-Portfolio. Derzeit sitzt er im Board von MQA, einem Unternehmen, das im technischen Bereich des Musik-­Streaming aktiv ist.

Auf der Website von Richemont wird die berufliche Erfahrung von Anton Rupert so umrissen: «Er bringt wertvolle Einblicke in das sich ändernde Konsumentenverhalten, das digitale Marketing und den E-Commerce. In den letzten acht Jahren pflegte er umfangreiche Kontakte zu allen Geschäftsbereichen der Gruppe.» Was das Unternehmen damit suggerieren will, ist klar: Anton Rupert kennt den Konzern in- und auswendig und wäre damit ein valabler Kandidat als neuer Präsident.

Das Problem: Anton ist mit 33 Jahren noch sehr jung. Und offenbar selbst noch nicht sicher, ob er überhaupt in die Fussstapfen des Vaters treten will. «Ich bin mir nicht sicher, dass es mit Anton so gut läuft wie erwartet», sagt ein Richemont-­Manager zur Nachfolge-Frage im Verwaltungsrat zum Branchen-Portal «Miss Tweed». «Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Anton wirklich dort sein will, wo er ist.» Ein Investor, der sich in der Luxusgüterindustrie bestens auskennt, sagt es noch etwas deutlicher: «Anton hat nicht das Zeug zum Präsidenten. Zumindest noch nicht.»

Auf seinen Sohn als Nachfolger angesprochen, reagierte Johann Rupert an der Telefonkonferenz zum letzten Geschäftsjahr brüsk: «Die Antwort ist, dass wir uns immer alles ständig anschauen. Punkt und Schluss.»

Was passiert mit Lambert?

Bevor Rupert den Stab übergibt, dürfte er ohnehin noch die Nachfolge auf den Stuhl des Konzernchefs klären. Offiziell sitzt Jérôme Lambert fest im Sattel. Hinter den Kulissen wird aber offenbar nach einer Nachfolgelösung gesucht. Jedenfalls dringen seit einigen Wochen immer wieder entsprechende Verlautbarungen nach aussen. So soll Lambert nach Mailand zur E-Commerce-Tochter Yoox Net-a-Porter (YNAP) verschoben werden, wo Gründer Federico Marchetti ­seinen nächstes Jahr auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängert, wie er im März bekannt machte.

Mit 14,2 Milliarden Euro aufs Podest

Nummer drei: Mit einem Umsatz von knapp über 14,2 Milliarden Euro ist Richemont die Nummer drei im globalen Geschäft mit Luxusgütern – und folgt damit den beiden Rivalen aus Frankreich, LVMH und Kering.

Stärken: Im Geschäft mit Schmuck ist Richemont klar die Nummer eins. Cartier gehört ebenso zum Konzern wie Van Cleef & Arpels. Kürzlich haben die Genfer die kleine italienische Marke Buccellati übernommen.

Schwächen: Während Kering und LVMH ihr Geld vor allem mit Mode machen, ist Richemont im grössten Marktsegment für Luxusgüter seit Jahren untervertreten. Mit Chloé gehört nur eine renommierte, aber kleine Marke zum Portfolio.

Für Lambert wäre es natürlich ein Abstieg. Zudem wäre seine Ernennung für den Online-Riesen – YNAP ist im Luxussegment der weltweit grösste Anbieter – wohl nicht das richtige. Kaum jemand, der ihn kennt, traut ihm zu, die ­strategischen Probleme von YNAP im Konkurrenzkampf mit anderen, agiler arbeitenden Online-Luxusplattformen lösen zu können. Zudem gilt Lambert als Manager, der weniger mit grossen Ideen, sondern mehr mit Excel-Tabellen führt. Das passt nicht zu einem noch jungen Unternehmen, das seine Markt­anteile gegen Angreifer verteidigen muss. Einer, der Richemont seit Jahren bestens kennt, sagt deshalb: «Lambert wird wohl mit einem hübschen goldenen Fallschirm ­verabschiedet.»

Jedenfalls werden bereits mög­liche Nachfolger herumgereicht. In der Pole Position ist Cyrille Vigneron, Chef von Cartier. Er ist Ruperts mit Abstand wichtigster operativer Mann. Weil er die grösste und dem Vernehmen nach auch profitabelste Marke des Konzerns erfolgreich führt. Und weil Cartier mit der ­zweiten grossen Schmuckmarke Van Cleef & Arpels für Richemont entscheidend ist, den Angriff von LVMH im Schmuckgeschäft (mit Bulgari, bald mit Tiffany) zurück­zuschlagen. Scheitert das, verliert Rupert im Kampf der grossen drei Luxuskonzerne seinen Trumpf im Ärmel.

No-Go: Ein Vakuum bei Cartier

Will heissen: Vigneron wird Konzernchef, wenn Rupert ein Vakuum bei Cartier verhindern kann. Das könnte er: Etwa durch die Beförderung von Marie-Laure Cérède, aktuell Kreativchefin der Cartier-­Uhrensparte, die zuletzt grosse Erfolge feierte und mit gut 1,8 Milliarden Dollar Umsatz die drittgrösste Schweizer Uhrenmarke ist.

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