Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Ende März hatten die Märkte ihre Tiefpunkte erreicht. Seitdem sind die Aktienmärkte fast wie an einem Faden gezogen gestiegen.

Die Pandemie und die damit verbundene Rezession scheinen eine Nebenrolle einzunehmen. Neuinfektionen in China und in diversen Staaten der USA haben deutlich gemacht, dass in der Sache Covid-19 noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Sollte eine zweite Infektionswelle die ersten konjunkturellen Vorzeichen in Frage stellen, würden die Märkte sicherlich erneut nachgeben.

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Franz Wenzel ist Anlagestratege für Institutionelle Kunden bei AXA Investment Manager.

Quelle: Danny Mejia

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Kurzfristig werden sich die Investoren auf die Entwicklung der Pandemie und die Konjunkturdaten konzentrieren. Sowohl in China als auch in den USA mehren sich die Indizien, dass die Weltwirtschaft ihre Talsohle im zweiten Quartal erreicht hat. Dies gibt auch der Schweizer Börse die notwendige Unterstützung.

Mit einem aktuellen KGV von 19 ist die Schweizer Börse fair bewertet. Die Fundamentaldaten sprechen also eher für Kursavancen. Das letzte Wort hat aber die Entwicklung der Pandemie.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Schweizer Wirtschaft und die Börse werden sich der globalen Rezession nicht entziehen können. Gleichwohl ist die extrem expansive Geld- und Fiskalpolitik in Europa eine wichtige Stütze für die Märkte und untermauert die konjunkturelle Erholung im zweiten Halbjahr.

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Die Schweizer Börse profitiert ferner von einem attraktiven Sektormix, der die relative Stärke weiter begünstigt. Wir erwarten weitere Kursavancen bis zum Jahresende und in das erste Halbjahr 2021 hinein. Die US-Wahlen implizieren aber weiter hohe Unsicherheit.

Sollten Anleger in diesen unsicheren Zeiten bei ihren Investitionen auch Gold berücksichtigen?
Wer in Gold investiert, sollte sich über dessen Zwitterfunktion im Klaren sein. In Krisenzeiten ist Gold eine sinnvolle Diversifikation, wird es doch gerne als krisensicher qualifiziert.

Allerdings wohnt diesem Vermögenswert eine weitere Qualität inne, nämlich die eines Rohstoffs und die damit einhergehende höhere Volatilität, die sich auch daraus ableitet, dass Gold als solches keinen Ertrag erwirtschaftet und keine Dividenden ausschüttet. Investitionen in Gold sind primär als Versicherung zu werten.

Sehen Sie drei US-Aktien, denen Sie eine starke Entwicklung zutrauen?
Das Stock-Picking sollte man lieber erfahrenen Fondsmanagern überlassen. Thematisch sind unseres Erachtens mehrere Themen auf Sicht erfolgversprechend.

Hierzu gehören unter anderem Aktien, die ein stabiles und nachhaltiges Gewinnwachstum aufweisen können (sogenannte Growth-Aktien), auch wenn sie sich bereits seit mehreren Jahren gut entwickelt haben, ausserdem die Digitalisierung, die zweifellos von der Notwendigkeit zum dezentralen Büro (Home-Office) profitieren wird, sowie das Thema Healthcare, dem insbesondere hier in Europa , beziehungsweise der Schweiz, ein hoher Stellenwert zukommt.

Jede Krise schafft auch Chancen. Welche neuen Möglichkeiten erkennen Sie in der aktuellen Wirtschaftskrise?
Die aktuelle Wirtschaftskrise hat den Regierungsverantwortlichen sowie den Unternehmensvorständen die Grenzen der Geschäftsverlagerung sehr deutlich aufgezeigt.

Die Renditeoptimierung ging eindeutig zu Lasten der Bedarfssicherung in den unterschiedlichsten Industriezweigen, allen voran im Gesundheitswesen. In den kommenden Jahren wird man zweifellos dieses Manko beheben und wichtige Industriezweige, sei es in der Zulieferindustrie oder in der Endproduktion, repatriieren und damit Arbeitsplätze schaffen.

Derzeit sind rund 7 Prozent der Aktien an Chinas Börsen in ausländischer Hand. Der Anteil dürfte steigen. Ist der chinesische Aktienmarkt attraktiv für Schweizer Anleger?
China wird sich ökonomisch weiter öffnen und seine Bedeutung im internationalen Wirtschaftsgeschehen stärken. Das wird sich auch an den chinesischen Börsen spiegeln. Die Börsengewichtung wird zweifellos weiter steigen und damit das Interesse internationaler Anleger.

Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von um die 14 (MSCI China) ist der Markt im Vergleich mit anderen Schwellenländern keinesfalls überteuert und bietet gleichzeitig attraktive Perspektiven. Allerdings muss man eine deutlich höhere Volatilität akzeptieren.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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