Jetzt hat auch Grossbritannien seinen Chopfab-Moment. Die umtriebige Brauerei Brewdog ist am Ende und wird für ein Butterbrot verkauft. Internationale Aktivitäten werden eingestellt, übrig bleiben das schottische Stammhaus und eine Handvoll Pubs auf der Insel. Brewdog stand lange für den Erfolg der Craftbier-Bewegung. Die Schotten setzten nicht auf klassisches britisches Ale oder Lagerbier, sondern auf Biere mit wildem Charakter. Mit seinem hervorragenden «Punk IPA» machte Brewdog das hopfige India Pale Ale massentauglich, sein «Dead Pony» war ein Session IPA, bevor man diesen Stil kannte. Die selbst ernannten Punks machten gutes Bier, aber auch gutes Marketing. Über Jahre leistete sich Brewdog mit der deutschen Schorschbräu einen Streit um das stärkste Bier der Welt. Zuletzt verkaufte die Brauerei pro Jahr hundert Millionen Liter Bier.
Diese Kolumne reicht nicht, um aufzuzeigen, woran es scheiterte. Das Ende von Brewdog erinnert aber an das zunehmend kolportierte «Ende des Craftbiers». Auch der Schweizer Bierbrauerverband teilte diese These an seiner letzten Jahreskonferenz. Die Nachfrage nach Craftbier «flache ab», konstatierte er. Und feierte den Pils-Boom.
Sehen wir nicht auch in der Schweiz die Signale? Vor zwei Jahren musste sich die Winterthurer Chopfab – quasi das Brewdog der Schweiz – in die Appenzeller Arme von Locher retten. Kleinere Brauereien gaben auf, Traditionsbetriebe wie Rugen begaben sich unlängst in neue Hände. Die Zahl der Brauereien nahm zuletzt von 1400 auf 1100 ab.
Hier kommt viel zusammen: Der Alkoholkonsum sinkt, die Kundschaft kauft zunehmend alkoholfreies Bier. Das Ausgehverhalten verändert sich. Man kauft Dosen statt Flaschen. Das fordert Brauereien mit Nachholbedarf und wenig Finanzreserven.
Bei den Amateuren trennt sich die Spreu vom Weizen: Wer bleibt Hobbybrauer, wer wagt den Schritt zur Grossproduktion, und wer gibt auf?
Zwei Dinge jedoch sollte man nicht überbewerten: Der Rückgang der Anzahl Brauereien in der Statistik hat wohl weniger mit Marktveränderungen zu tun als mit einer Konsolidierung im Amateurbereich. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Wer bleibt Hobbybrauer, wer wagt den Schritt zur Grossproduktion, und wer gibt auf? Man darf nicht vergessen: Das meiste Bier wird von den Top vierzig der Schweiz gebraut. Der Rest bewegt sich in der Grössenordnung von ein paar Hundert bis ein paar Tausend Litern pro Jahr.
Und das Ende des Craftbiers? Stimmt nur zur Hälfte. Ja, viele Junge, die mit Biersorten wie IPA aufwuchsen, entdecken gerade die Bierstile ihrer Eltern neu – ein Trend, der vor längerem in den USA begann. Aber ist das ein Ende der Craft-Bewegung? Ich sage: nein. Denn Craft hat nicht primär mit Biersorten, sondern mit einer Einstellung, also handwerklich zu brauen, zu tun. Es ist bedingt durch kleinere Sudhäuser, die Experimente zulassen. Und den Mut, das zu nutzen. Nur weil Grossbrauereien in ihren Werbespots nicht mehr mit bärtigen Hipstern werben, heisst das noch lange nicht, dass diese Werte veraltet wären.
Typisch: Punk IPA

Dieses Bier hat Brewdog bekannt gemacht: Ein amerikanisch inspiriertes India Pale Ale mit Hopfen wie Chinook, Simcoe und Cascade, das vielen erstmals zeigte, wie fruchtig ein Bier schmecken kann, ohne dass Fruchtsäfte eingesetzt werden. Viele europäische Brauerinnen und Brauer liessen sich von diesem Bier inspirieren.
Punk IPA, Brewdog, Ellon (GB), India Pale Ale, 5,6% vol. Alk., 3dl für ca. 3.50 Fr.
In dieser Kolumne schreiben HZ-Redaktor Michael Heim, HZ-Redaktorin Olivia Ruffiner und Autorin Tina Fischer alternierend über Bier, Wein und Drinks. Heim ist an einer Vereinsbrauerei beteiligt.

