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Projekt Victoria
Die schwierige Mission von Postfinance-Chef Köng

Hansruedi Köng: Mit allen auf Du. Keystone

Der Berner Hansruedi Köng soll die Staatsbank Postfinance ins digitale Zeitalter führen und umbauen. Doch er gilt als wenig entscheidungsfreudig.

Von Michael Heim
am 25.10.2017

Für viele ist er der «Housi». Als Hansruedi Köng vor fünf Jahren die Führung der Staatsbank Postfinance übernahm, führte er erst einmal das Duzis auf Konzernebene ein. Das ist es, was vielen Wegbegleitern in den Sinn kommt, wenn man sie nach Köng fragt. Er sei einer, der es mit den Leuten gut könne. Der ihnen auf Augenhöhe begegne. Einer, der lieber nicht den grossen Chef spielen will.

Die Postfinance hat Gewicht. Fast jeder zweite Schweizer hat bei ihr ein Konto, mit 120 Milliarden verwaltet sie eine der grössten Bilanzen, niemand wickelt mehr Zahlungen ab. Ihren Chef aber kennt kaum ­einer. Im Handelsregister wurde er jüngst als «König» eingetragen. Erst nach der ­Publikation fiel der Fehler auf. Ausserhalb seiner Bank nimmt man Köng wenig wahr. Und so weiss auch niemand so richtig, was er mit der Postfinance vorhat.

Besuch vor Ort: Bern, Mingerstrasse. Neben Messegelände und Eishockey­stadion steht als Solitär das Hauptsitzgebäude der Postfinance. Modern, schlicht, aber etwas ab vom Schuss. Köng empfängt im obersten Stock, um über das Projekt Victoria zu reden, mit dem sich die Post­finance derzeit beschäftigt. Dass es als Sparprogramm gesehen wird, ist ihm nicht recht. Es gehe darum, wie die Post­finance auch künftig nachhaltig profitabel sein könne. Dafür wolle man stärker weg von der historischen Rolle als Zahlungsverkehrsdienstleisterin für andere Banken. Die Postfinance solle die «führende digitale Retailbank» werden, sagt Köng. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Von 40 auf 110 Milliarden angewachsen

Die Postfinance kommt nicht recht vom Fleck. Zwar ist ihr infolge der Finanzkrise viel Geld zugeflossen. Zwischen 2006 und 2012 wuchsen die Kundengelder 
von 40 auf 110 Milliarden Franken an – Neugeld, von dem andere Banken träumen. Doch das Geld liegt brach, 100 Milliarden liegen als Liquidität auf den Konten. Das schmerzt. Denn anders als andere Banken darf die Postfinance das Passivgeld nicht als Kredite verleihen. Sie muss es am Markt anlegen oder bei der Nationalbank parkieren. «Mehr als 70 Milliarden unserer Bilanz bestehen aus Obligationen», sagt Köng. Dass er beim aktuellen Zinsniveau noch Geld verdient, ist wohl Köngs grösste Leistung. Zuletzt schrieb die Post-Tochter eine halbe Milliarde Franken Gewinn.

Längst nicht alle Probleme sind hausgemacht. Dass Köng keine Kredite ver­geben darf, ist ein politisch montierter Bremsklotz, für den die Lobbyisten der Konkurrenz immer wieder Mehrheiten in Bern finden. Ebenso gewollt ist, dass die Postfinance mit ihren Gebühren dafür sorgt, dass viele Schweizer ihre Einzahlungen weiter am Schalter tätigen.

300 Millionen Franken bezahlt die Postfinance pro Jahr an den Betrieb der Poststellen. Würde Köng den Kunden die Schaltergänge abgewöhnen, müsste die Post Filialen schlies­sen. Das wäre zwar effizient, politisch aber mehr als lästig. Und so stagniert auch der Anteil der Postfinance-Kunden mit Online-Banking bei 60 Prozent. Köng scheint sich damit abgefunden zu haben.

Wiederverkäuferin fremder Ideen

Das Hauptproblem der Postfinance ist, dass viele in ihr noch immer das Postcheck-Amt sehen, bei dem man Einzahlungen macht und dafür ein Konto unterhält. Mehr aber nicht. Versuche, sich im Anlagegeschäft zu positionieren, trugen wenig Früchte. Zwar haben die Depot­volumen unter Köng leicht zugenommen. Mit 7 Prozent der Kundenvermögen sind sie aber noch immer dürftig. Seit einem Jahr wird der Handel über die Swissquote Bank abgewickelt. Die Postfinance bleibt Wiederverkäuferin fremder Ideen.

Nur bedingt erfolgreich war Köng im Kerngebiet Zahlungsverkehr. Einst hatte die Post mit der Zahlkarte Postcard den Schweizer Markt aufgemischt. Weniger berauschend ist der Leistungsausweis des digitalen Pendants Twint. Zwar gelang Köng vor zwei Jahren ein flotter Start. Jeder sprach über die App. Doch mittlerweile ist ihm Twint entglitten. Köng liess sich auf eine Partnerschaft mit den Banken ein. Das Zahlungsmittel wurde teurer und komplizierter, die UBS entscheidet nun, wo es lang geht.

Köng hat durchaus Drive. An internen Anlässen könne er auch aufdrehen, sagt ein Bänkler. Einst war der Berner Spitzenhandballer. Er spielte in der National­liga A, hatte Einsätze in der Nationalmannschaft. Köng war im Rückraum, wo sich die Spieler blind vertrauen müssen. Wo das Zusammenspiel so schnell und eng ist, dass nie lange Zeit zum Nachdenken bleibt. Handballer sind Teamplayer, die sich auf eingeübte Spielzüge verlassen. Es ist ein taktischer Sport, kein strategischer.

Entscheide werden lange diskutiert

Bei der Arbeit hat Köng die Taktik im Griff. Bei der Volksbank war er einst fürs Bilanzmanagement zuständig, bei der Basler Kantonalbank für Obligationen. Über die Tresorerie kam er zur Post-Tochter. Finanzen beherrscht Köng wie ein Handballer die Körpertäuschung. «Wenn man ihm einen Bericht vorlegt, erkennt er sofort, wo die Schwachstellen sind», erzählt ein früherer Kollege. Doch nun muss er selber Berichte schreiben. Und strate­gische Entscheide fällen. Das liege ihm weniger, hört man. Vor allem zu Beginn habe er Mühe mit dem Rollenwechsel ­gehabt, berichten Wegbegleiter. Man habe Entscheide lange diskutiert, statt dass er irgendwann entschieden habe.

Im Gespräch mit Köng fällt oft das Wort Digitalisierung. Er erwähnt Beispiele wie das Debitorenmanagement für KMU und spricht darüber, wie man Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts – stärker auswerten wolle, «wenn die Kunden zustimmen». 
Bezahlen Postfinance-Kunden, die ihre Transaktionen zu Werbezwecken analysieren lassen, bald weniger Gebühren? Nein, dazu gebe es keine Pläne. Noch bleibt das gros­se Bild unscharf.

«Neuausrichtung» im Backoffice

Und so scheint man sich in Bern vor ­allem mit zwei Dingen zu beschäftigen: Mit dem neuen Informatiksystem, das im Frühling veraltete Systeme ablösen soll. Und mit dem Victoria-Programm. Ein Drittel der Belegschaft der Postfinance arbeitet heute im Backoffice und beschäftigt sich mit Kundenanfragen oder Transak­tionen. Diese Zahl will Köng senken. «Ich gehe davon aus, dass wir aufgrund der Neuausrichtung in diesen Bereichen bis 2020 weniger Mitarbeiter haben werden», sagt Köng.

Ansagen, die bei den Gewerkschaftern für Unruhe sorgen. 45 Stellen will er aufs nächste Jahr streichen, 120 Jobs sollen zur Konzernschwester Swiss Post Solutions ausgelagert werden. Für die kommenden Jahre gilt ein Sozialplan. Jeweils im Herbst kommuniziert Köng, mit welchem Personalbestand er ins Folgejahr starten möchte. Victoria als Sparprogramm wird er so schnell nicht los.

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