Der deutsche Unternehmer Götz Werner gründete 1973 in Karlsruhe den ersten Drogeriemarkt – kurz dm. Heute ist dm die grösste Drogeriekette in Europa. Nun sondiert das Unternehmen den Markteintritt in die Schweiz

Neben seinem Geschäftserfolg fällt Götz Werner vor allem auf, weil er sich immer wieder mal in die Debatte ums bedingungslose Grundeinkommen einmischt – der Unternehmer wurde einer der prominentesten Verfechter dieser Idee. Dabei trat er auch mehrfach in der Schweiz auf, als es hier um die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen ging (sie wurde im Juni 2016 abgelehnt).

«Ich bin in den Jahren als Unternehmer zur Einsicht gelangt, dass – wenn die Menschen frei sein sollen, wie das in der deutschen und auch in der Schweizer Verfassung steht – sie ein Einkommen benötigen, das an keinerlei Bedingungen geknüpft ist», sagte er 2014 in einem Interview mit der «Handelszeitung».

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Deutscher Marktführer

Götz Werner, geboren 1944 in Heidelberg, wurde bereits in eine Drogistenfamilie hineingeboren, und er arbeitete auch nach der Handelsschule und einer Drogistenlehre in der Branche. Als in Deutschland die Preisbindung für Drogerieprodukte 1973 aufgehoben wurde, witterte er die Chance: Er brachte bei einem Arbeitgeber die Idee auf, das Discount-Prinzip einzuführen. Er stiess auf Ablehnung. Also machte er sich selbstständig.

Mit Preis- und Hochdruck baute er seine Drogeriekette zum Marktführer in Deutschland aus. Werners «unkonventionelle Methoden, Liebe zum Detail und ein Sinn für das grosse Ganze» trugen dabei zum Erfolg von dm bei, wie das «Handelsblatt» anlässlich seines 75. Geburtstags schrieb.

Die Zentrale ist fern

Speziell ist dabei, dass die dm-Filialen sehr dezentral geführt werden: Die Leute vor Ort bestimmen ihr Sortiment, die Dienstpläne – und teilweise sogar die Gehälter. Wer etwas verbessern will, kann ohne Rücksprache mit irgendwelchen Chefs im dm-Hauptsitz loslegen. Allerdings gibt die Konzernzentrale in Karlsruhe Wachstumsraten vor.

Heute hat dm 1400 Niederlassungen in Deutschland und 3700 Läden in zwölf weiteren europäischen Ländern. Im Heimatland arbeiten mehr als 40'000 Beschäftigte für die Drogeriekette, im Rest Europas sind es rund 62'000. Zuletzt erwirtschaftete das Unternehmen einen europaweiten Jahres-Umsatz von rund 20 Milliarden Euro.

Im Jahr 2008 zog sich Werner aus der Geschäftsleitung zurück und wechselte in den Aufsichtsrat, in dem der 77-Jährige heute noch sitzt. Seit fast zwei Jahren führt sein Sohn Christoph Werner die Geschäfte der Drogeriekette

Vom «Zahnpasta-Verkäufer» zum Milliardär

Sein eigener Erfolg überraschte den Unternehmer wohl selbst. Vom «Zahnpasta-Verkäufer», wie er sich selbst einmal bezeichnete, stieg er zum Vorbild-Unternehmer mit sozialer Ader auf. In seiner Biografie beschreibt er seinen Werdegang so: «In der Schule sitzengeblieben, nach elf Schuljahren abgegangen. Deutscher Jugendmeister im Rudern, Drogist gelernt, Prokurist geworden. Verstossener Sohn. Realträumer. Gründer wider Willen.»

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Werner ist bekennender Anthroposoph, seine Unternehmensphilosophie wird geprägt von Werten, Vertrauen und einem unautoritären Führungsstil. «Wenn Sie keine Kollegen finden, die sagen, es lohnt sich, in diesem Unternehmen zu arbeiten, können Sie nicht erfolgreich sein», sagte er im HZ-Interview.

«Der Mensch ist ein Tätigkeitswesen. Er will etwas Sinnvolles machen. Denken Sie doch an die vielen Mütter und die vielen Ehrenamtlichen.»

Werner Götz

Für das bedingungslose Grundeinkommen setzt sich der dm-Gründer seit langem ein. Das habe für ihn etwas mit der Würde des Menschen zu tun, erklärte er in seinem Buch «Einkommen für alle» von 2007. So könne man ja an den Kindern sehen, dass ein Grundeinkommen die Menschen nicht faul machen würde, hat er einmal bemerkt: Sie seien lernbereit und neugierig auf die Welt.

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Und im HZ-Interview sagte er: «Der Mensch ist ein Tätigkeitswesen. Er will etwas Sinnvolles machen. Denken Sie doch an die vielen Mütter und die vielen Ehrenamtlichen.» Eine Frage lautete dann:

Was hätten Sie denn gemacht, wenn es das bedingungslose Grundeinkommen schon gegeben hätte? Möglicherweise wäre dm so gar nie entstanden.

Werner: dm wäre fast nicht entstanden, gerade weil es kein Grundeinkommen gab.

Wie das denn?

Werner: Als ich als 29-Jähriger zu meinen Schwiegereltern kam und sagte, ich habe meinen Job gekündigt und werde mich selbstständig machen, sind die an die Decke gegangen. Sie sagten: «Bist Du wahnsinnig, wie willst Du jetzt unsere Tochter und unsere zwei Enkel ernähren? Du hast gar kein Einkommen mehr.» Ich wurde unter Druck gesetzt. Wenn ich ein Grundeinkommen gehabt hätte, wäre das gar kein Problem gewesen. Das gibt einem den Raum, etwas zu riskieren.

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Kinder erben sein Vermögen nicht

Götz Werner hat selber sieben Kinder, denen der Milliardär seine dm-Anteile nicht schenken oder vererben wollte, weil er glaubt, sie müssten sich selbst beweisen. Stattdessen überliess Werner seine Unternehmensanteile bereits 2005 einer gemeinnützigen Stiftung, die zur Hälfte der Familie gehört.

Welchen Zweck die dm-Werner-Stiftung verfolgt, hält die Familie bewusst geheim, sagte dm-Chef Christoph Werner in einem Interview mit dem «Manager Magazin». Er ist der einzige von Götz Werners Kindern, die im Unternehmen tätig sind.