Liebe Leserin, lieber Leser

Nun ist er abgetreten: Rainer E. Gut, Exponent einer Managergeneration, die in den siebziger Jahren in die Topetagen der Schweizer Wirtschaft hineingewachsen ist, als sich die Multis in der Schweiz mit der Beschleunigung der Globalisierung auseinander zu setzen hatten. Gut gehörte neben Helmut Maucher, dem langjährigen Nestlé-Lenker, und Fritz Gerber, dem ehemaligen Roche- und «Zürich»-Präsidenten, zu jenem Triumphirat, das jahrzehntelang einen prägenden Einfluss ausübte. Die drei verbindet auch persönlich einiges: Sie sind Kinder einer Generation, welche die Kargheit der Kriegsjahre noch erlebt hat und deren Aufstieg in die Topetage eines Blue-Chip-Unternehmens nicht vorgezeichnet war. Maucher ist Sohn eines Molkereimeisters, Gerbers Vater war Schreiner, und Gut ist Sohn eines Kantonalbank-Direktors aus Zug. Und alle drei agierten im Spannungsfeld zwischen lokaler Verwurzelung und globalem Business.

Insbesondere bei Gut hat dieser Dualismus stets das unternehmerische Handeln geprägt. Persönlich hat er sich innerhalb und ausserhalb der Credit Suisse immer mit vertrauten Persönlichkeiten umgeben, eben mit einem Maucher, einem Gerber. Dies führte zu einer Machtballung bei einer kleinen Zahl von Managern, dem typisch helvetischen Filz. In Zeiten der Krise mögen wenige Köpfe, eine «unité de doctrine» und kurze Entscheidungswege von Vorteil sein. So hat Rainer E. Gut mit einer kleinen Crew im Jahre 1977 die Chiasso-Affäre erfolgreich gemeistert, und dies war das Gesellenstück zu seinem einzigartigen beruflichen Aufstieg. Dieses Handlungsmuster ist freilich stets auch sein grösstes Handicap gewesen: Mit der Öffentlichkeit und ihren Transmissionsriemen, den Medien, hat Gut nie auf Augenhöhe agiert. Im Jahre 1996, als er seine Credit Suisse mit der Bankgesellschaft fusionieren wollte, wählte er den Weg der Geheimdiplomatie; als er vergangene Woche bei Nestlé Peter Brabeck als Nachfolger im Präsidium durchboxen wollte, wählte das Unternehmen das Mittel der Rücktrittsdrohung, um widerspenstigen Aktionären den eigenen Willen aufzuzwingen. Es sind dies Methoden einer längst verflossenen Zeit. Wem das Sensorium für den Dialog mit der medialen Öffentlichkeit abgeht, ist zumindest in dieser Hinsicht ein Auslaufmodell.

In krassem Gegensatz zu diesem verengten Blickwinkel steht Guts strategischer Weitblick in der Finanzindustrie: Bei der inländischen Konsolidierung der Branche spielte die frühere Kreditanstalt mit der Übernahme von Bank Leu, Volksbank und Neuer Aargauer Bank eine führende Rolle – dasselbe auf dem internationalen Parkett durch die Akquisition der US-Investment-Bank First Boston zu einer Zeit, als die Konkurrenz noch Lichtjahre von einem solchen Schritt entfernt war. Dennoch ist auch auf diesem Feld die Bilanz von Rainer E. Gut durchzogen: Die Integration dieser Unternehmen ging einher mit einer stattlichen Kapitalvernichtung. Das Ende der Ära Gut wird als Zäsur in die Wirtschaftsgeschichte eingehen; nichts illustriert dies präziser als die Tatsache, dass es ihm gerade wegen seiner grossen persönlichen Autorität nicht gelungen ist, gleichwertige Nachfolger zu installieren. Es sind andere Zeiten heute, in denen Öffentlichkeit, Grossaktionäre und die Regeln der Corporate Governance ihren Tribut fordern. In diesen «modern times» verfängt der Stil von Rainer E. Gut nicht mehr.

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