Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Auch wenn die Kursstände vieler Aktienindizes es vielleicht auf den ersten Blick nicht vermuten lassen, das Coronavirus ist weiterhin eines der Kernthemen an den Finanzmärkten. Der Blick der Investoren ist jedoch grösstenteils bereits auf die sogenannte Post-Covid-19-Zeit gerichtet, ein Umfeld also, in dem genügend und wirksame Impfungen oder Therapien zur Verfügung stehen werden.

Doch immer wieder richtet sich das Augenmerk auf die Neuinfektionen in den wichtigsten Volkswirtschaften. Die nach wie vor hohen Unsicherheiten dämpfen sowohl den Konsum als auch die Investitionslust der Unternehmen. Dies wird sich auf die Umsätze und Gewinne der Firmen auswirken – für dieses Jahr und womöglich auch das nächste.  Entsprechend ist an den Aktienmärkten ein gewisses Enttäuschungspotenzial nicht wegzudiskutieren.

Die anstehenden US-Wahlen, die erneuten Brexit-Querelen oder die US-China-Sticheleien im Techsektor stellen sich im Sorgenbarometer weit hinten an.

 Valiant-CIO Renato Flückiger

Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.

Quelle: ZVG
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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
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er Schweizer Aktienmarkt hat seit anfangs September einen stetigen Aufwärtstrend gezeigt. Zuvor hatte sich der SMI rund drei Monate lang in einer Bandbreite zwischen 10'000 und 10'500 Punkten bewegt. Auffallend dabei ist, dass der Index eine starke Stützung durch die 200-Tages Linie erhalten hat.

Mit etwas Rückenwind sind die Chancen intakt, dass der Widerstand gegen einen weiteren Anstieg nun endgültig durchbrochen werden kann. Somit wäre der Schlussstand von Ende 2019 bei 10'617 anschliessend nicht mehr weit entfernt, womit auf Jahressicht sogar noch ein positives Abschneiden des SMI im Corona-Jahr 2020 möglich werden würde.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Ich erwarte, dass sich das Tiefzinsumfeld über die nächsten zwölf Monate unverändert fortsetzt, was die Aktienmärkte grundsätzlich stützen dürfte. Auf der einen Seite also, gemessen an der Risikoprämie, welche die relative Attraktivität von Aktien gegenüber Obligationen reflektieren, sind Aktienanlagen nach wie vor attraktiv. Auf der anderen Seite ist in den aktuell erhöhten absoluten Börsenbewertungen ein klares Positivszenario eingepreist.

Rückschläge und temporäre Enttäuschungen sind somit jederzeit möglich, doch das erwähnte Tiefzinsumfeld und die hohe Liquidität werden sich abfedernd auswirken. Solche Rückschläge würden wir übrigens für taktische Zukäufe nutzen, denn ich bin der Meinung, dass sich die Nachfrage nach Sachwerten wie Aktien fortsetzen dürfte. Deshalb sehe ich im SMI ausgehend vom aktuellen Niveau einen Anstieg auf etwa 11'100 Punkten. Dies entspräche dem Niveau vor Ausbruch der Corona-Krise.  

Der Softwarekonzern Oracle übernimmt das US-Geschäft der chinesischen Kurzvideo-Plattform TikTok. Wie viel Sinn ergibt dieser Deal?
Der Oracle-Mitgründer Larry Ellison gilt als einer der wichtigsten Trump-Freunde im Silicon Valley. Es scheint, dass Ellison mit der Partnerschaft zwischen TikTok und Oracle Präsident Trump einen Gefallen getan hat. Oracle war bis jetzt auf Software für Unternehmen spezialisiert und hat keine Erfahrung mit sozialen Medien.

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Der aktuelle Vorschlag sieht die Ansiedlung des globalen Tiktok-Geschäfts in den USA mit rund 20'000 Arbeitsplätzen vor. Ein möglicher Nutzen für Oracle stellt die Speicherung der Daten amerikanischer Tiktok-Nutzer dar. Dies könnte für das Cloud-Geschäft von Oracle zu einem grossen Volumenanstieg führen und der Deal ist somit durchaus nachvollziehbar. Für Trump sind die 20'000 potenziell neu geschaffenen Arbeitsplätze in den USA zudem ein gutes Wahlkampfthema.

Apple hat diese Woche neue Produkte präsentiert. Zeigt sich der US-Techkonzern genügend innovativ, um seine Börsenbewertung als teuerster Konzern der Welt zu rechtfertigen?
Der US-Technologiekonzern stellte am Dienstag neue Produkte vor. Es wurden aber nicht - wie um diese Zeit üblich - die neuen iPhone-Modelle vorgestellt, da diese wegen der Corona-Krise wohl erst im Oktober veröffentlicht werden, sondern neue Modelle der Apple-Watch, neue iPads und Abonnemente. Das «neue» iPhone soll in diesem Jahr erstmals für den superschnellen 5G-Datenfunk gerüstet sein, nachdem Apple die Streitigkeiten mit Qualcomm beigelegt hatte.

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Ausserdem wird von Apple noch in diesem Jahr ein erstes Modell der Mac-Computer mit Prozessoren aus eigener Entwicklung statt der bislang verwendeten Intel-Chips erwartet. Ich rechne damit, dass das erste 5G-iPhone sehr beliebt sein wird. Der Markt rechnet schon jetzt mit höheren iPhone-Absatzprognosen. Daher dürfte das Interesse der Anleger an der Aktie, ungeachtet der eher hohen Bewertung, anhalten. Zudem sind die umfangreichen Aktienrückkäufe, die sehr starke Bilanz und der hohe operative Cashflow positiv zu werten.

Die Zürcher Immobilienfirma Epic will als drittes Unternehmen in diesem Jahr an die Schweizer Börse. Wie attraktiv ist die Börsenkandidatin?
Kommt der Börsengang von Epic Suisse zustande, wird es der erste echte Börsengang an der SIX im 2020 werden. Die Immobiliengesellschaft will im Rahmen eines IPO noch in diesem Jahr neue Aktien mit einem Bruttoerlös von rund 200 Mio. CHF emittieren. Der Nettoerlös aus dem Börsengang soll zur Finanzierung künftiger Akquisitionen und laufender Entwicklungsprojekte verwendet werden.

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Das Portfolio der 2004 gegründeten Epic beinhaltet 24 Immobilien mit einem Marktwert von rund 1.3 Mrd. CHF, hauptsächlich in den Bereichen lebensmittelorientierte Detailhandelsimmobilien und Büroimmobilien. Epic erscheint mir zwar als interessanter und seriöser IPO-Kandidat, doch der anspruchsvolle Immobilienmix könnte sich bremsend auf die Preisfindung auswirken. Bei der Valiant bevorzugen wir zum heutigen Zeitpunkt Immobiliengesellschaften mit einem hohen Portfolioanteil von Wohnliegenschaften.

Bürogebäude  Epic

Das Bürogebäude com.West an der Förrlibuckstrasse 70/72 in Zürich: Dieses und andere Gebäude sind im Portfolio der Immobilienfirma Epic.

Quelle: Epic
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Ende Dezember ist es zehn Jahre her, dass sich das Staatengebilde BRICS formierte. Was ist auch diesem Verbund aufstrebender Schwellenländer geworden – haben die BRICS ihr ökonomisches Versprechen eingelöst?
Die BRICS bestehen aus den fünf Ländern Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Diese Länder beheimaten mittlerweile fast 40 Prozent aller Menschen auf unserem Planeten und tragen gegen 50 Prozent des globalen BIPs bei. Die Länder haben sich in den letzten zehn Jahren jedoch äusserst unterschiedlich entwickelt. Entsprechend ist eine generalisierende Aussage nicht möglich.

China und Indien waren zweifellos die Erfolgsgeschichten. Sie verbuchten beeindruckende Wachstumsraten und trugen im letzten Jahrzehnt einen Grossteil zum globalen Weltwirtschaftswachstum bei. So wuchsen sie auch zur zweit- und viertgrössten Volkswirtschaft der Welt heran und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie die ersten beiden Plätze der Rangliste einnehmen werden.

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Weniger erfreulich waren die Entwicklungen Brasiliens, Russlands und Südafrikas. Ihr Wachstum betrug einen Bruchteil des Aufschwungs in China und Indien und ihre jeweiligen strukturellen und politischen Herausforderungen bleiben weiterhin gross. Mein Fazit lautet also, dass nur zwei der fünf Nationen ihr ökonomisches Versprechen gehalten haben.

Neben den Zentralbanken fluten nun auch die Staaten mit ihren enormen Budgetdefiziten die Wirtschaft. Wann werden wir die Inflation zu spüren bekommen?
Im Unterschied zur mehrheitlich reinen geldpolitischen Expansion der Zentralbanken während der Finanzkrise vor zwölf Jahren haben in diesem Jahr die Regierungen mit ihren Konjunkturprogrammen bis hin zur Verteilung von Helikoptergeld ihre Geldschleusen enorm weit geöffnet. Mit den damit verbundenen immensen Budgetdefiziten ist das Thema Inflation erneut in aller Munde.

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Grundsätzlich sehe ich zwei Effekte. Erstens: Die erhöhte Zentralbankengeldmenge wird wie in der Vergangenheit wenig Inflationsdruck auslösen. Zweitens: Das für die Realwirtschaft, respektive den Konsum, direkt verteilte Geld wie die sogenannten Paychecks in den USA sind inflationsfördernd. Dazu kommt auch die Gefahr der zunehmenden Deglobalisierung. Allerdings werden die deflationären Trends wie Automatisierung, Digitalisierung und Roboterisierung entgegenhalten. Ich erwarte daher, dass die Inflation leicht anziehen, jedoch auf tiefem Niveau bleiben wird.

Ein Nullzinsumfeld und eine leicht steigende Inflation führt uns in ein Umfeld negativer Realverzinsung. Was bedeutet dieser Umstand für die Anleger?
Negative Realzinsen resultieren dann, wenn die Inflation höher ist als die nominellen Zinsen. Dieses Szenario kennen wir bereits aus der Schweiz und der Eurozone, und bahnt sich nun auch in aller Deutlichkeit in den USA an. Für Käufer von Obligationen würde dies vereinfacht bedeuten, dass die erhaltenen Coupons von der Inflation komplett weggefressen würden. Dies macht Nominalwerte wie Obligationen in einem solchen Umfeld wenig attraktiv, da Kaufkraft vernichtet wird. Als Alternativen können inflationsgeschützte Anleihen, sogenannte TIPS, in Betracht gezogen werden.

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Im Umkehrschluss ist zu erwarten, dass sich die bereits seit einiger Zeit erkennbare Flucht in die sogenannten Sachwerte wie Aktien, Immobilien und auch Rohstoffe wie Gold noch stärker akzentuieren dürfte und hier die Preise in einem für Jahre ausgerichteten Nullzinsumfeld noch weiter steigen könnten. In der Konklusion sprechen wir daher nicht von einer Preisinflation, sondern von der mittlerweile sehr deutlich spürbaren Assetinflation.

Das Interview wurde schriftlich geführt.