Diese Kolumne um das bunte Feld der Drinks zu erweitern, ohne mit dem Spritz zu beginnen, käme einem Verbrechen gleich. Der Spritz ist aber nicht ein einzelnes Getränk, sondern eine ganze Familie mit Wurzeln in Italien. Der prickelnde Aperitif wurde um 1920 im norditalienischen Venetien entwickelt. Der Legende nach gab es den Spritz sogar schon in der Habsburgerzeit, als die österreichischen Soldaten die italienischen Weine mit Wasser «aufspritzten», weil ihnen diese zu stark waren. Noch heute bestellt man dort den «Gspritzt’n».
Die erste grosse Welle an Beliebtheit erlebte die Spritz-Kultur in den 1950er-Jahren. Aufgrund seiner Leichtigkeit ist der Spritz aber auch heute noch ein beliebter Drink – insbesondere in den Sommermonaten. Ein klassischer Spritz besteht aus drei Teilen Prosecco (oder anderem trockenem Schaumwein), zwei Teilen Likör und einem Teil Mineralwasser. Der wohl beliebteste Likör für den Spritz ist seit einem Jahrhundert der italienische Bitterlikör Aperol.
Die beiden Brüder Silvio und Luigi Barbieri entwickelten den Aperol im Jahr 1919 exklusiv für eine Messe in Padua. Es ist ein Destillat aus Bitterorange, Rhabarber, Chinarinde, gelbem Enzian und aromatischen Kräutern. Gemäss der Campari-Gruppe, zu der Aperol heute gehört, hat sich das Rezept nie verändert. Wieso auch: Aperol ist ein absoluter Kassenschlager. Getrieben von Sommerlaune und frivoler Après-Ski-Stimmung erlebt er insbesondere seit der Corona-Pandemie einen weltweit steigenden Absatz.
Mir ist der Aperol Spritz unterdessen etwas zu eintönig. In letzter Zeit greife ich daher lieber zur ruhigeren, komplexeren Alternative, dem Midi-Spritz. Der belgische Weinaperitif basiert auf französischem Roséwein der Sorte Syrah. Auch Schweizer Liköre wie Giselle (Quitte, Ingwer und Limette) und Viola Aperitivo (Blutorange, Mandarine und Grapefruit) haben sich inzwischen einen festen Platz in meinem Spritz-Roulette ergattert. Dass es mir bittersüss mehr mundet, erkannte ich beim Italicus Spritz: Das Rezept mit Aromen von Zeder, Kamille, Lavendel und Enzian stammt aus dem 18. Jahrhundert. Der Drink hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der an Wermut erinnert.
Was alles aus dem traditionellen Spritz-Format herausgeholt werden kann, beweisen derzeit Bars entlang der Aare, der Limmat und des Rheins. Die drei Teile Schaumwein und der Teil Mineralwasser sind unverhandelbar. Die beiden Teile Likör lassen jedoch viel Spielraum für Kreativität. Praktisch alles kann aufgespritzt werden und wird es auch. Und es scheint, als wäre ich nicht die Einzige mit Aperol-Fatigue. Die traditionell italienischen Klassiker Limoncello und Campari Spritz feiern weitum ein Comeback auf der Barkarte. Auch neue, ungewohnte Kombinationen werden ausprobiert – besonders gut gefallen mir die Spritz mit japanischem Likör aus Yuzu oder weissem Pfirsich. Mehr davon, bitte!
Typisch: Midi Spritz

Midi ist ein belgischer Aperitif, bei dem Zitronenkraut, Artischocke, Cassis und Bergamotte den Ton angeben. Als Basis dient ein französischer Rosé der Sorte Syrah, der durch Vakuumdestillation mit den mediterranen Noten versehen wird. Der bitter-süsse Aperitif kann pur mit Eis oder als Spritz serviert werden.
Midi Classic Red, Westflandern (Belgien), 21% vol. Alk., 33.90 Franken.

