Der neue Raiffeisen-Chef Patrik Gisel hat am Freitag gute Neuigkeiten verkündet. Die drittgrösste Bankengruppe des Landes hat einen Rekordgewinn erwirtschaftet: Den letztjährigen Gewinn übertraf das Institut um satte 48 Millionen Franken. Dazu beigetragen hat auch ein Beteiligungsverkauf. Unter dem Strich blieben 808 Millionen Franken. Das entspricht einer Steigerung um 6,4 Prozent zum Vorjahr.

Das Zinsengeschäft als wichtigstes Standbein der Gruppe legte um 41,5 Millionen Franken (+1,9 Prozent) zu. Markant gewachsen sind auch die Kundeneinlagen, die um 8,7 Milliarden Franken oder 6,2 Prozent gewannen. Raiffeisen verwaltete Ende 2015 total 207 Milliarden Franken. Auch bei den Hypotheken wuchs Raiffeisen um 5,2 Prozent.

Die Lorbeeren seines Vorgängers

Doch erntet Gisel damit die Lorbeeren seines Vorgängers. Am 1. Oktober übernahm er den CEO-Posten vom langjährigen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und tritt damit ein grosses Erbe ab. Denn seit Vincenz 1999 CEO wurde, ist die Gruppe enorm gewachsen. Keine andere Bank ist präsenter im Land: Mit einem Netz von über 1000 Filialen hat Vincenz die Schweiz überzogen, viel mehr als alle anderen, selbst die Grossbank UBS zählt nur 300 Dependancen. So gross ist Raiffeisen, dass sie inzwischen von der Nationalbank als systemrelevant eingestuft wurde, bei Problemen also die gesamte Volkswirtschaft in den Untergang reissen könnte.

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Dieses grosse Reich erbte ein Mann, von dem man vorher kaum gehört hatte. Dabei war er fast gleich lange bei der Bank wie Vincenz, als stellvertretender CEO eine treue Nummer zwei, stets im Schatten des omnipräsenten Chefs.

Zwölf Mandate und Lehrbeauftragter

Zwölf Mandate zählt sein Curriculum Vitae auf der Webpage auf, unter anderem als Präsident der Privatbank Notenstein, Verwaltungsrat bei der Versicherungspartnerin Helvetia, der Schweizer Börse Six und der Bankiervereinigung. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Universität Zürich.

In der Region war Gisel als langjähriger Interner kein Unbekannter und durchaus akzeptiert, «auch wenn das natürlich ein ganz anderer Planet ist als unter Vincenz», wie einer sagt. Auch Gisel kommuniziert direkt, ist hart im Nehmen und verkörpert damit das, was Vincenz einmal als «turnhallentauglich» bezeichnet hat. Einzelne belächelten den Neuen auch etwas für seinen demonstrativ zur Schau gestellten Hyperaktivismus. «Der Tag hat nur 24 Stunden», sagt ein Kadermitglied.

Ein passionierter Sportler

Gisel ist ein passionierter Sportler, wie er als einer der wenigen CEOs gerne bei Facebook, Twitter und Co. zur Schau stellt. Dort sieht man den 58-Jährigen auch schon mal in der Badehose beim Turmspringen.

Und in der Tat: Das wichtigste Arbeitsinstrument der Assistentin von Gisel ist die schweizweite Liste der Hallenbäder und Fitnessclubs. Denn dort muss sie für ihren Chef jeweils einen Slot buchen, damit der begeisterte Hobby-Triathlet, wo immer er im Raiffeisen-Reich auch unterwegs ist, zwischen zwei Meetings kurz trainieren kann.

Gisel setzt auf Geschwindigkeit

Doch Triathlon ist nur eines von mehreren zeitintensiven Hobbys des neuen Bankenchefs. Zweite Leidenschaft neben dem Ausdauersport ist die Geschwindigkeit. Er ist Hobbypilot und zusammen mit einem Freund Besitzer einer Aerostar, eines zweimotorigen Sportflugzeugs, «des schnellsten Kolbenmotorfliegers der Welt», wie Gisel stolz erzählt. Sogar das Instrumentenflugbrevet hat er gemacht: «Ich fliege in Europa alle Geschäftsflüge selber.»

Auch drei Autos stehen in seiner Garage, unter anderem ein Porsche GT3 RS, ein Rennwagen, der auch für die ­Strasse zugelassen ist. Damit geht er auf die Rennstrecke, meist auf die Nürburgring-Nordschleife, wo er inzwischen über 1000 Runden, rund 22’000 Kilometer, abgespult hat.

Verhaltende Erwartungen für 2016

All dies bringt er in der proppenvollen Agenda des Chefs im drittgrössten Bankenreich der Schweiz unter. Und das muss er auch. Denn der Koloss Raiffeisen ist zwar gross, aber nicht eben effizient. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis hat sich in der Ära Vincenz schleichend verschlechtert, ebenso die Eigenkapitalrendite. Der Markt ist schwieriger geworden und auch für 2016 sind die Erwartungen bei Raiffeisen verhalten.

Der Frankenschock wirke weiter nach, und das unsichere globale Umfeld sei für die Schweizer Exporteure eine zusätzliche Herausforderung, sagte Gisel. Die Hoffnungen lägen auf einem moderaten Wachstum in der Eurozone.

Zudem will die Bank in den nächsten fünf Jahren viele Filialen schliessen. «Wir werden bis in fünf Jahren unsere Standorte auf 700 bis 750 reduzieren», sagte Gisel gemäss dem «Blick». Als Grund für die Schliessung nennt der Bankchef die Digitalisierung.

(en/ccr mit sda-Material)

Raiffeisen-CEO Patrik Gisel im Video-Interview: