Das renommierte Basler Friedrich Miescher Institut (FMI), eine Einrichtung der Novartis-Forschung und der Universität Basel, ist offenbar Schauplatz eines Falls von Industriespionage. Ein am FMI tätiger chinesischer Wissenschaftler soll Erkenntnisse aus der Krebsforschung weitergegeben haben. Das zeigen Recherchen der «Handelszeitung», basierend auf US-Gerichtsunterlagen. Zudem soll der Mann für eine vom chinesischen Staat mitfinanzierte Biotechfirma Tests an Antikörpern im Labor des Basler Instituts durchgeführt haben.

Nun soll die Schweiz den chinesischen Staatsbürger an die USA ausliefern. Dies geht aus einem Urteil des Bundesstrafgerichts hervor. Das Gericht stützte den Auslieferungshaftbefehl des Bundesamts für Justiz  und wies eine Beschwerde von Tian Wang (Name von der Redaktion geändert) ab.

In den USA geht es um Milliardensummen

Der heute knapp 50-jährige chinesische Wissenschaftler wird von den US-Strafverfolgern beschuldigt, zwischen 2010 und 2014 vertrauliche wissenschaftliche Dokumente an seine in den USA lebende Schwester weitergeleitet haben. Die Spitzenforscherin gilt als Schlüsselfigur in einem Verfahren der amerikanischen Justiz, bei dem es um Wirtschaftsspionage im grossen Stil geht. Das Opfer dort: GSK. Dem britischen Pharmariesen soll ein Schaden in Milliardenhöhe entstanden sein.

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Die Vorwürfe der US-Justiz sind weitergehend: Der am FMI als Postdoktorand beschäftigte Tian Wang soll für die chinesische Renopharma die Labors des Instituts missbraucht haben, um für die chinesische Biotechfirma Renopharma Antikörper zu testen. Bei Renopharma handelt es sich um ein chinesisches Biotechunternehemn, das von Wangs Schwester mitgegründet und vom chinesischen Staat 2014 und 2015 mehrmals finanziell unterstützt wurde. Ziel von Renopharma sei es gewesen, «gestohlene Geschäftsgeheimnisse und andere vertrauliche Informationen zu verkaufen und zu vermarkten», schreiben die amerikanischen Strafverfolger.

GSK-Dokumente nach Allschwil

Als Gegenleistung zu den Informationen, die von seinem E-Mail-Account in die USA gingen, wurde der damals in der Basler Vorortsgemeinde Allschwil wohnende Tian Wang von seiner Schwester im grossen Stil mit Material versorgt, das diese zuvor aus der GSK-Forschung abgezogen haben soll. 

Laut den Gerichtsunterlagen soll der FMI-Angestellte nicht weniger als zehn GSK-Dokumente vollständig und eines teilweise erhalten haben. 

Friedrich Miescher Institut hat «Fragen beantwortet»

Das Friedrich Miescher Institut (FMI) und Novartis beantworteten keine Fragen zu Tian Wang und seiner mutmasslichen Spionagetätigkeit. Das FMI schreibt lediglich, man habe mit der Staatsanwaltschaft des Eastern District of Pennsylvenia im Rahmen der Ermittlungen zusammengearbeitet; «konkret haben wir Fragen zu Tian Wang beantwortet».

Weitere Auskünfte seien nicht möglich, da es sich um eine laufende Untersuchung handle.

Damit bleibt insbesondere die Frage offen, wann das FMI beziehungsweise die Novartis Instituts of Biomedical Research NIBR  – also die konzernweite Forschungsorganisation von Novartis, zu der das FMI gehört – vom verdächtigen Verhalten ihres Mitarbeiter erfuhren, warum sie von einer strafrechtlichen Verfolgung absahen und und wer die Entscheidung dazu traf. 

US-Staatsanwälte klopfen bei Novartis an

Aufschluss dazu geben die amerikanischen Gerichtsunterlagen. Danach war man bei Novartis  spätestens ab Herbst 2017 informiert über die mutmasslich kriminellen Machenschaften des Dr. Wang. Laut den Unterlagen setzte sich die Staatsanwaltschaft von Pennsylvenia im Oktober 2017 mit Robert Haney in Verbindung, Partner bei der New Yorker Kanzlei Covington und Anwalt von Novartis; dies, «um Novartis’ Interesse an einer strafrechtlichen Verfolgung» an Tian Wang auszuloten, wie es in den Unterlagen heisst.

Auch die  Schweizer Behörden waren spätestens ab Juli 2016 im Bild. Grund war ein Rechtshilfeersuchen der Amerikaner, dem die Schweizer im Mai 2017 stattgaben. Das von den Schweizer Behörden gelieferte zusätzliche Material diente dazu, Ni Wang in Pennsylvenia anzuklagen. 

Doch der Pharmakonzern scheint nicht interessiert, den chinesischen Wissenschaftler zur Rechenschaft zu ziehen. Das zeigt ein Treffen zwischen dem FBI, einem Vertreter der Staatsanwaltschaft von Pennsylvenia und Scott Brown, dem General Counsel des Novartis Institute for BioMedical Research vom Januar 2018. 

Dabei brachte der Novartis-Verteter «zusätzliche Informationen» bei, welche die Untersuchung gegen Tian Wang betrafen. Zugleich zeigen die Unterlagen das Bild eines Rechtsvertreters, der sich bemühte, den Ball flach zu halten. So bestätigte Scott Brown zwar, dass Tian Wang weder befugt war, Informationen an seine Schwester zu schicken noch die Einrichtungen des Friedrich Miescher Instituts zu verwenden, um für Renopharma zu arbeiten. 

Diebstahl oder nicht?

Aber: «Wie auch immer, Scott Brown deutete an, dass der Verlust für Novartis vernachlässigbar sei», heisst es in den Unterlagen. Mehr noch: Der Novartis-Anwalt stelle zwar fest, dass Tian Wang mit seinem Verhalten gegen die Regeln des Unternehmens verstossen habe, er betrachte die Weitergabe der Informationen aber nicht als «Diebstahl», heisst es da. 

Aus den Unterlagen geht auch hervor, dass Novartis darauf verzichtete, die Forschungsergebnisse von Tian Wang patentieren zu lassen.

Soweit die Sicht von Novartis. Die Strafverfolgung von Pennsylvania aber verfolgt den Basler Wissenschaftler als Mitverschwörer im Fall GSK. Sollte Wang ausgeliefert und in den USA verurteilt werden, so droht ihm eine Freiheitsstrafe von bis zu 20 Jahren.

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