Das Jahr startet mit voller Wucht. Strategie und Ziele werden kundgetan – doch was fehlt, ist das Bewusstsein für ein Frühwarnsystem auf allen Ebenen. Es bleibt die kollektive Blindheit.

Die Welt beschleunigt. Radikale Veränderungen kommen schneller. Sie erfordern mehr Wachsamkeit und Offenheit. Beides fehlt nur allzu oft. Die tägliche Hektik verengt den Blick. Man hastet von Termin zu Termin und ertrinkt in der Informationsflut. Um nicht unterzugehen, konzentriert man sich auf das, was heute schon läuft und gross ist. Hier beginnt das Problem.

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Technologien und Innovationen entwickeln sich rasant. Wer glaubt, als «Fast Follower» aufzuholen, wenn Pioniere aus Fehlern lernen, irrt sich gewaltig. Der Lebenszyklus ist keine langgezogene S-Kurve mehr. Er gleicht heute einem Hockey-Stick mit kurzer Startphase, gefolgt von vertikalem Wachstum. Eine erfolgreiche Aufholjagd erfordert sofortige Anpassung – sonst wird man abgehängt.

Die Gastautorin

Die Gastautorin coacht Führungskräfte bei der Managing People AG.

Früher prägte ein «Geht nicht gibts nicht!» die Gedanken. Daran müssen wir uns erinnern. Jahre des Erfolgs verführen zu einem falschen Sicherheits- und Überlegenheitsgefühl. Dazu kommt die Angst. Man spürt, dass die Welt unberechenbar ist. Gefahren werden verdrängt und ausgeblendet. Dieser Schutzmechanismus führt zu kollektiver Blindheit. Es herrscht Einigkeit: «Die KI funktioniert nicht, sie macht Fehler. Bei uns spielt sie keine Rolle.» Zustimmung folgt, statt dass Warnlampen angehen.

Damit wir aufwachen, muss das Wörtchen «noch» ins Rampenlicht: «Autonome Fahrzeuge sind bei starkem Wetter noch unzuverlässig», «die KI-Modelle neigen noch zu Halluzinationen», «humanoide Roboter agieren im Haushalt noch fehlerhaft». Dann wird deutlich, dass etwas zwar noch nicht perfekt ist, aber kommen kann. «Noch» benennt Grenzen, ohne die Zukunft zu leugnen. Es zwingt zur Frage: «Was, wenn es funktioniert? Welche Auswirkungen hat es dann?»

Es sei daran erinnert, wie schnell etwas besser und disruptiv wird: Das Team von Crowdstrike wurde als «Gamer» belächelt. Kurze Zeit später lehrte es die etablierten Riesen wie Norton und McAfee das Fürchten. Deepl galt als zu klein, um gegen die Datenmengen von Google Translate bestehen zu können. Weit gefehlt. Auch Vertical Farming wurde lange als «teure Salat-Disco» verspottet («niemals wachsen Grundnahrungsmittel ohne Ackerboden und echte Sonne»). Mit Sprüngen in der LED- und KI-Technik wird aus Spott plötzlich Nachfrage. Von Amazon und Airbnb über Netflix und Nvidia bis hin zu Xiaomi zeigen unzählige Beispiele, dass «niemals» ein gefährlicher Reflex ist. Kleine Anfänge sind keine Entwarnung, sondern oft der Startpunkt einer neuen Realität mit rasantem Aufstieg.

Wir müssen dringend der Realität ins Auge schauen und der eigenen Angst sowie der Arroganz die Stirn bieten. Das geht über einen Strategiebeschluss hinaus. Es muss zur DNA werden. Wirksame Frühwarnsysteme starten mit Routinen im Denken. Voraussetzung ist die Akzeptanz, dass nichts sicher und unverändert bleibt. Drei Fragen helfen: Was irritiert uns, obwohl es klein ist? Welche Annahme stimmt nicht mehr? Was wird besser, obwohl es noch Fehler hat? Herrscht Respekt, Offenheit und Demut, wird nichts vorschnell abgewertet. Man entgeht der «Funktioniert niemals»-Falle. Stattdessen hören wir zu und folgern: «Nehmen wir mal an, es könnte funktionieren.» Oder: «Was wäre, wenn es besser gelingen würde?» So verschwindet ein grosser blinder Fleck, und es öffnen sich Horizonte für Neues – denn «Geht nicht gibts nicht»!