Sie gehören zu einer der prominentesten Unternehmerfamilien Italiens. Ihnen ­gehören die Schuhmarke Geox, die Sportartikelmarke Diadora, ein internationales ­Immobilienportfolio und ein Weingut, das Prosecco produziert. Was macht am meisten Spass?
Mario Moretti Polegato: Alles. Wir sind eine alteingesessene Unternehmerfamilie aus der Nähe von Treviso, die mit der Weinproduktion begann. Wenn ich Sie korrigieren darf: Wir haben nicht ein Weingut, sondern deren sieben. Mein Bruder und ich sind die dritte Generation.

Das Geschäft läuft?
Sehr. Die Kellerei leitet Giancarlo, mein um fünf Jahre jüngerer Bruder. Wir produzieren im Jahr fünfzig Millionen Flaschen, das meiste Prosecco unter der Marke ­Moretti, dann Weiss- und Rotwein unter den Marken Villa Sandi und La Gioiosa. 70 Prozent geht in den Export. Was uns freut: Prosecco hat mengenmässig den Champagner überholt.

Sie liefern auch in die Schweiz.
Den Wein und den Prosecco; dafür haben wir einen grossen Vertrieb im Land aufgebaut. Der Prosecco ist zu einem der meistexportierten italienischen Weine geworden und die Schweiz ist eines der Länder, in denen er am meisten geschätzt wird. Das freut uns.

Sie haben sich auf die Schuhmarke Geox und auf Diadora verlegt.
Ich konzentriere mich auf Geox, mein Sohn Enrico auf Diadora. Die Sportmarke macht uns enorm Freude. Wir sind eingestiegen, als die Firma rund 80 Millionen Euro Umsatz machte, jetzt sind wir bei 350 Millionen. Und das innerhalb von zehn Jahren.

Gratulation, tolle Steigerung.
Das Lob gebührt meinem Sohn. Ich freue mich, wenn die nächste Generation anpackt und erfolgreich ist.

Wo ist Enrico besser als Sie?
Er ist Anwalt, sehr strukturiert, ich habe vermutlich mehr Innovationskraft und Fantasie.

«Ich wollte gar nicht in die Schuhproduktion einsteigen.»

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Sie konzentrieren sich auf Geox.
Ja, aber eher aus Zufall. Anfang der neunziger Jahre hatte ich die Idee mit den ­Löchern in der Sohle, die ich patentieren liess. Ich hatte am eigenen Leib gespürt, dass man Schuhe innen kühlen muss und kann. Aber ich wollte gar nicht in die Schuhproduktion einsteigen.

Sondern?
Ich suchte nach einem Käufer für meine Geschäftsidee und klopfte bei vielen Sportschuhfirmen an. Leider, oder besser: Zum Glück biss keine Firma an. So war ich gezwungen, die Idee vom atmenden Schuh selber umzusetzen (lacht). Also ­begann ich in Montebelluna mit fünf ­Mitarbeitern, heute haben wir 5500 Mitarbeitende. Wenn wir die Lieferanten dazu zählen, sind wir bei 30'000.

Alles begann, heisst es in der Firmen­chronik, mit einem Schweizer Sackmesser.
Sind wir präzis: mit einem Sackmesser von Victorinox. Mit dem habe ich Löcher in die Sohle gebohrt. Das habe ich mal ­irgendwo rumerzählt. Eines Tages bekam ich einen netten Brief von Victorinox-­Besitzer Carl Elsener. Er hat mir zwei neue Militärsackmesser geschickt, sehr liebenswürdig. Sagen Sie ihm einen herzlichen Gruss.
 

Dank Victorinox von null zu einer der grössten Firmen Italiens?
Es brauchte eine Idee und etwas Um­setzung (lacht). Tatsächlich sind wir heute die grösste Schuhfirma im Land und haben uns über die letzten Jahre schön entwickelt, der Umsatz beträgt heute rund 827 Millionen Euro. Besonders der E-Commerce wächst enorm, letztes Jahr um 35 Prozent.

Und wie läufts in der Schweiz?
Gut, unsere Markenbekanntheit ist extrem hoch. Vom Geschmack her ist die Schweiz Italien sehr ähnlich. Wir werden in den wichtigsten Städten sowohl über Monomarken- als auch über Mehrmarkenläden vertrieben.

Chef über Schuhe und Weintrauben

Dem 1952 geborene Mario Moretti Polegato gehört einer bekannten italienischen Unternehmerfamilie an. Er ist Gründer und Chef von Geox; ausserdem gehören die Sportartikelmarke Diadora und Weingüter zum Unternehmen. Laut Forbes Magazin lag Polegato 2014 auf Rang 13 der reichsten Männer Italiens. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

Geox hat erst vor einigen Jahren mit der Produktion von Jacken begonnen. Zu spät?
Bekleidung macht etwa 10 Prozent un­seres Umsatzes aus. Aber wir haben ehrgeizige Pläne. Mit der Jacke bieten wir dem Konsumenten dieselbe Philosophie an wie bei unseren Schuhen: italienischer Stil, Qualität und atmungsaktive Technologie, die speziell für die Bekleidung entwickelt wurde. Und das in allen unseren Märkten zu einem erschwinglichen Preis.

Finden Sie überhaupt genug Schuhfacharbeiter in Norditalien, wo Marken wie Lotto, Nike, Crispi oder Scarpa produzieren?
In der Gegend von Montebelluna gab es bis vor ein paar Jahren viele Wintersportschuhhersteller und entsprechend viel qualifiziertes Personal. Dann ging die Nachfrage etwas zurück. Das macht es für uns einfach, Fachleute anzuheuern. Dann haben wir unsere eigene Ausbildung, wo wir jüngere Leute qualifizieren. Schliesslich produzieren wir auch in Serbien und Fernost. Weil wir näher an unseren Filialen sein wollen und regionale Risiken so minimieren.

Sie haben Ihren Hauptsitz noch immer in Italien. Ist das nicht anstrengend ­angesichts eines Arbeitsgesetzes, das ­Hunderte von Seiten lang ist?
Alle Märkte haben ihre Herausforderungen. In Grossbritannien ist es der Brexit, in der Schweiz der starke Franken, in China aktuell der Coronavirus. Es gibt viele ­Dinge, auf die man wenig Einfluss hat. In Iran, ebenfalls einem wichtigen Markt für uns, müssen wir mit dem Embargo durch die Amerikaner leben. Das macht es für uns ganz schwierig, Schuhe zu liefern. Da macht es keinen grossen Unterschied, wo man den Hauptsitz hat.

Wird der Corona-Virus Ihr Chinageschäft tangieren?
Klar ist, dass die gesamte Modewelt kurzfristig negativ betroffen ist. Aber es ist ­heute sehr schwer abschätzbar, was die Auswirkungen auf den Absatz in China und weltweit sein werden.

Bieten Sie in Asien andere Modelle an als in Europa?
Asiatische Käufer mögen europäische Mode, speziell italienische. Das gilt auch für Schuhe, die neben Stil, Qualität und Komfort für ihre Technologie bekannt sind. Der Geschmack ist derselbe wie in Europa, der einzige Unterschied besteht in der Passform. Ergo produzieren wir gleiche Kollektionen für Asien, aber in ­anderen Grössen.

Mario Moretti Polegato vor Geox-Sortiment.

«Mit dem Taschenmesser habe ich Löcher in die Sohle gebohrt»: Mario Moretti Polegato über die Anfänge von Geox.

Quelle: Keystone
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Was sind die Trends im Schuhgeschäft?
Im Bereich der braunen Schuhe sucht man nach smarten Produkten, die zeit­gemässen Stil mit Komfort verbinden. Ein Stil also, den man während des Arbeits­tages, beim Abendessen und am Wochenende beim Flanieren tragen kann. Das ist der Grund, warum Sneakers in der ganzen Welt sehr erfolgreich sind. Auch die kann man vielseitig tragen.

Sie haben sich immer für den Standort ­Italien stark gemacht. Doch der Rechts­populist Matteo Salvini hängt wie ein ­Gespenst über Italiens Politik, obwohl er kürzlich in der Emilia-Romagna eine Niederlage hinnehmen musste.
Der grassierende Populismus macht es uns Unternehmern nicht einfacher, weil er Unsicherheit verbreitet. Was uns auf der anderen Seite hilft, ist das stabile Finanzsystem. Im Gros sind die Banken nicht übermässig verschuldet, über die Finanzkrise vor zehn Jahren kamen sie recht gut. Und was mich freut: Italien und seine Produkte geniessen weltweit hohe Reputa­tion. Exportprodukte «Made in Italy» verkaufen sich sehr gut. Und der Tourismus floriert. Weil wir viele schöne Städte mit historischen Schätzen haben – Venedig, Florenz, Parma –, werden wir von ausländischen Touristen regelrecht überrollt. Sie kaufen gerne bei uns ein, aber für die Städte ist dieser Verkehr nicht nur lustig.

Das Thema Nachhaltigkeit hat die Modebranche erfasst. Auch Geox?
Die Modebranche schloss kürzlich den Fashion Pact. Da einigten sich sechzig Firmen mit gegen 300 Marken auf Nachhaltigkeitsziele. Es machen Firmen wie Artémis, Bally, Decathlon, El Corte Inglés, Mango oder Geox mit. Wir wollen auch die Unterlieferanten einbinden, um gemeinsam gegen die globale Erwärmung zu kämpfen. Bei Geox setzen wir auf nachhaltige Energiequellen: 40 Prozent des Stromkonsums ­unserer Logistik stammen aus Sonnenenergie. Dann haben wir ein Projekt mit dem WWF, wo wir nachhaltig gefertigte Kinderschuhe produzieren, von deren Verkaufspreis wir einen Teil für WWF-Projekte zur Verfügung stellen. Schliesslich arbeiten wir mit recycelten Rohstoffen. Eine Schuhreihe, die Nebula-­Kollektion, basiert auf wiederverwendeten Plastikflaschen. Um unsere Anstrengungen gegen aussen sichtbar zu machen, stiegen wir bei der Formula E als Sponsor ein. Einer unserer Fahrer ist Nico Müller, ein Schweizer.

Sie investieren neu auch viel Geld in ­Startups. Weshalb?
Ich habe meine Finanzholding LIR in Treviso. Sie hat einen Wert von 1 Milliarde Euro und hält 420 Millionen Cash. Sie besitzt 71 Prozent an Geox und 100 Prozent von Diadora.

Fast eine Milliarde Franken

Aus einer spontanen Idee geboren entstand 1995 mit Geox ein Unternehmen, das voll auf atmungsaktive Schuhe setzte. 1999 wurde das Sortiment auf Kleider ausgeweitet, 2004 ging Geox an die Mailänder Börse. Das Unternehmen erwirtschaftete zuletzt (2018) einen Umsatz von rund 880 Millionen Franken. Mario Moretti Polegato präsidiert nebst Geox auch die LIR, die als Familienholding die Mehrheit an Geox kontrolliert. Daneben gehört zur LIR seit 2009 auch die Sportmarke Diadora, die von Polegatos Sohn Enrico geführt wird. Daneben investiert die Gesellschaft in Startups und Liegenschaften.

Sie meinen, da bleibt etwas für Startups übrig?
Es gibt gerade im Bereich Fintech und Insurtech interessante Projekte. Weiter fokussiere ich mich auf Smart Mobility und Medtech. Wissen Sie, ich habe eine Mission.

Da sind wir gespannt.
In Italien gibts viel Kreativität, seit Hunderten von Jahren. Schauen Sie die Erfindungen an, die Bauten, den Stil, das Essen. Die grossen Probleme heute sind Ausbildung und Umsetzung. Es genügt eben nicht, mal eine tolle Idee zu haben. Es geht auch um Finanzierung und um Execution, also darum, eine Idee auf den Boden zu bringen und durchzuziehen. Nehmen Sie den Kaffee. In Neapel brauen sie den besten Espresso der Welt, einverstanden?

Absolut.
Aber der grösste Espressoverkäufer der Welt heisst Starbucks und ist an der Ostküste der USA domiziliert. Da läuft etwas falsch. In anderen Ländern gibt es Uni­versitäten mit Labors, wo Ideen von Unternehmern weiterentwickelt werden, wo eine gegenseitige Befruchtung stattfindet. Diese Funktion hat auch die Stanford ­University im Silicon Valley. Ich will in Italien dieses Zusammenspiel verstärken. Mein kleiner Beitrag: Ich habe an unserem Hauptsitz die Geox School aufgebaut, die Talente ausbildet und das Unternehmertum fördert.

Beim Ease of Doing Business Index, der die Zukunftsfähigkeit eines Landes misst, liegt Italien auf Rang 40. Das heisst, Italien ist ein schwieriges Umfeld, um Jungfirmen zu lancieren.
Italien hat sehr gute Unternehmer, die sich durchzusetzen wissen. Ich sehe das Pro­blem in der Ausbildung. Da muss viel mehr auf die Bedürfnisse der Wirtschaft geschaut werden, es müssen neue Technologien wie etwa die Digitalisierung ­vorangetrieben werden.

Die Bürokratie ist kein Problem?
Doch. Ich staune schon, dass die Büro­kratie wächst und wächst und wächst. Dass mit Digitalisierung Effizienzgewinne erzielt werden, ist beim Staat leider noch nicht angekommen. Aber soll ich mich ­jeden Tag darüber ärgern?

Und wenn auch noch der Italexit kommt?
Das glaube ich in keiner Weise.

Weshalb so optimistisch?
Italien gehört zu Europa seit der Gründung des Einheitsmarktes in Rom. Die ­Bevölkerung hat sich trotz allem immer für Europa ausgesprochen und eine grosse Mehrheit ist für eine Integration.

EU-Gegner Salvini erreicht mittlerweile 30 Prozent.
Es ist bei uns immer viel in Bewegung. Es gibt zwar verschiedene Ansichten über dies und das, aber in der Politarena ist ­niemand für einen Italexit. Die grosse ­Herausforderung wird sein, wie sich die Wirtschaft in einer Welt behauptet, die weniger von Multilateralismus geprägt ist. Je besser sie das schafft, desto stärker ist der soziale Zusammenhalt in Italien und die Beziehung zu Brüssel.

«Ich bin für eine einheitliche Verfassung und einen Präsidenten in Europa, der vom Volk gewählt wird.»

Sie wollen nicht in die Politik?
Per favore, ich will unabhängig sein und meine Freiheit geniessen.

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Ist es nicht Ihre Pflicht? Schliesslich sind Sie von Italiens Präsident mit dem Orden «Grande Ufficiale della Repubblica» ­ausgezeichnet worden.
Ich bin ein Unternehmer mit Visionen, aber ich bin nicht auch noch Politiker. Die Märkte sind heute genug herausfordernd, damit man sich auf eine einzige Aufgabe konzen­trieren kann. Und dann gibt es schon ein paar Initiativen in die richtige Richtung, etwa den Rückbau des Parlaments. Aber es geht alles viel zu langsam. Für einen international tätigen Unternehmer ist dieses Schneckentempo schwer nachvollziehbar. Immerhin engagiere ich mich beim Indus­trieverband Confindustria.

Den grössten Wirtschaftsverband Italiens. Aber weshalb hört niemand in Rom hin?
Weil parteipolitische Streitereien und ­Manöver eine längerfristig ausgerichtete Politik kaum möglich machen. Es wird atemlos agiert.

Bringt es Ministerpräsident Giuseppe Conte mit seiner bunten Regierung auf die Reihe?
Ich halte mich bei der Politik raus und ­mische mich nur gelegentlich ein.

Die Steuern bleiben also hoch.
Niemand zahlt gerne Steuern, auch in Italien nicht. Das grössere Problem sind für mich die riesigen Differenzen bei den Steuern in Europa. Im selben Währungsraum gibt es sehr unterschiedliche Steuersätze. Es gibt Steuerhöllen und es gibt Steuerparadiese wie Malta oder Luxemburg oder Irland. Ich hoffe, dass es da eine Anpassung gibt.

Sie glauben immer noch an ein inte­griertes Europa?
Ja, ich bin für eine einheitliche Verfassung und einen Präsidenten in Europa, der vom Volk gewählt wird. Wie in den USA. Dann muss sich Europa zusammenraufen, um sich besser verteidigen zu können. Sehen Sie, die USA oder China an: Das sind Länder, die fast mit allen Mitteln ihre Interessen durchsetzen wollen. In Europa haben wir 450 Millionen Konsumenten, aber wir sind zersplittert. Deshalb sage ich: Wir brauchen eine europäische Antwort auf diesen Druck von Ost und West.

Konkret?
Ich sehe sie in einer vereinten Armee, ­einer koordinierten Wirtschafts- und Fiskalpolitik, einer koordinierten Hochschulpolitik und in einer gemeinsamen Aussenpolitik. Sie sehen, ich glaube an die Idee von Europa.