Knapp 10'000 bestätigte Fälle und 213 Tote: Die Ausbreitung des Coronavirus in China geht unvermindert weiter. Der chinesische Lungenexperte Zhong Nanshan erwartete am Mittwoch, dass die Epidemie in China erst in sieben bis zehn Tagen ihren Höhepunkt erreichen wird. 

«Das Bundesamt für Gesundheit BAG rät von Reisen in die Provinz Hubei ab», schreibt das Aussendepartement EDA in den Reisehinweisen zu China. Auch das deutsche Auswärtige Amt rät vor Reisen in die Provinz ab. Die USA und Japan gaben sogar eine Reisewarnung für ganz China heraus und raten von allen nicht-notwendigen Reisen ins Land ab.

Italien rief am Freitagnachmittag gar für sechs Monate den Notstand aus. Alle Flüge von und nach China wurden gestoppt. Was mit den zahlreichen chinesischen Touristen in Italien geschehen soll und wie sie nach Hause reisen sollen, war unklar.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief am Donnerstag wegen der Epidemie den internationalen Gesundheitsnotstand aus. Das bedeutet, dass die mehr als 190 Mitgliedsländer von der WHO empfohlene Krisenmassnahmen gegen eine weitere Ausbreitung untereinander koordinieren. Denn auch ausserhalb von China gibt es inzwischen mehr als 50 Infektionsfälle in mindestens 18 Ländern.

In der Schweiz gab es bisher mindestens 50 Coronavirus-Verdachtsfälle, die sich als negativ erwiesen. Näheres zu diesen Fällen, etwa aus welchen Kantonen die Getesteten stammten, gibt das BAG nicht bekannt. Das BAG hat eine kostenlose Hotline für die Bevölkerung aufgeschaltet, um Fragen zum Coronavirus aus der Bevölkerung zu beantworten.

Chinas BIP-Wachstum könnte einbrechen

Inzwischen tauchte eine erste ernsthafte Schätzung zu den Folgen fürs chinesische Wirtschaftswachstum auf: Das BIP-Wachstum der Volksrepublik China könnte im ersten Quartal unter 5 Prozent fallen. Diese Prognose gab Zhang Ming ab, ein Ökonom der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Auf der einen Seite stehe die Lähmung durch das Virus – auf der anderen Seite dürfte die Regierung allerdings bald stimulierende Massnahmen einsetzen. Auch die Wirtschaftsagentur Bloomberg rechnet mit einem möglichen Fall auf 4,5 Prozent im ersten Quartal.

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Die chinesische Zentralbank will mit verschiedenen geldpolitischen Massnahmen die Wirtschaft des Landes stützen und vom Virenausbruch betroffene Unternehmen helfen. Die People's Bank of China (PBOC) teilte in mehreren Erklärungen am Samstag mit, dass sie die Kreditzinsen angemessen senken werde, um damit betroffene Firmen zu unterstützen. Nach Einschätzung der Notenbank dürften die Auswirkungen der Epidemie auf die allgemeine Wirtschaft aber nur vorübergehend sein.

Auch Fed-Chef Jerome Powell sagte beim Zinsentscheid vom Mittwoch, dass die US-Notenbank die Lage «sehr sorgfältig beobachte».

Japan erwartet nach schlechten Wirtschaftszahlen im vierten Quartal 2019 zusätzlichen Druck durch die Ausbreitung des Coronavirus. China ist Japans zweitgrösster Exportmarkt.

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Eine ständig aktualisierte Übersicht über den Verlauf der Epidemie finden Sie hier.

Quelle: JHU CSSE

Quarantäne für Rückkehrer

Viele Länder haben derweil mit Repatriierung ihrer Landsleute in China begonnen. Eine Maschine mit französischen Bürgern hob Freitagfrüh (Ortszeit) von Wuhan ab. Auch die deutsche Bundesregierung will etwa hundert Deutsche aus Wuhan ausfliegen. Laut Medienberichten war dies für Samstag geplant.

Ein Dutzend Schweizer Staatsangehörige in China hofft derweil ebenfalls auf eine rasche Rückkehr in die Schweiz. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ist in ständigem Kontakt mit ihnen. Eine Repatriierung ist indes nicht geplant.

In Australien plant man die Rückkehrer erstmals zwei Wochen auf der Weihnachtsinsel unter Quarantäne zu stellen. Diese ist 2000 Kilometer vom Festland entfernt. Rückkehrer sollen beispielsweise auch in Grossbritannien, Deutschland und den USA unter Quarantäne gestellt werden. Japan dagegen empfiehlt den Ausgeflogenen lediglich zwei Wochen zu Hause zu bleiben.

Auch sonst ist die Angst vor einer Ansteckung und Verbreitung des Virus ausserhalb Chinas gross. Vielerorts in Asien sind medizinische Masken ausverkauft und auch in den USA gab es einen Run auf die Gesichtsmasken – obwohl ihre Wirkung gegen das Coronavirus umstritten ist.

Die Firma 3M, einer der grössten Hersteller der Masken, erhöht im Zuge des Ausbruchs die Produktion. Dies gab der Konzern nun bekannt. Auch der weltgrösste Einweghandschuh-Hersteller Top Glove erwartet eine Produktionssteigerung um 25 Prozent.

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Apotheke in Yokohama, Japan: Die medizinischen Mundschutze sind ausverkauft.

Quelle: Gabriel Knupfer
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Massnahmen von ABB bis Zurich

Immer mehr Firmen ergreifen zudem in Eigenregie Massnahmen zum Schutz der Mitarbeiter. UBS, Zurich, ABB, Schindler und andere Schweizer Firmen schränken Reisen von und nach China ein. Die Grossbanken UBS und Credit Suisse schicken Mitarbeiter, die in China waren, zudem für zwei Wochen ins Home Office.

Unter Druck geraten ist auch die MCH Group als Organisatorin der Art Basel Hongkong. Viele Aussteller drängen auf eine Absage des Events.

Eine Aufstellung der Wirtschaftsagentur «Bloomberg» zeigt die globalen Konzerne, die von der Krankheit in China betroffen sind. Dutzende Firmen mussten Filialen schliessen oder Probleme bei der Produktion hinnehmen.

  • Tesla erwartet eine Verzögerung der Produktion in Shanghai um eineinhalb Wochen.
  • Britisch Airways, Turkish Airways, Finnair und andere Airlines suspendierten ihre Flüge nach China
  • Auch Swiss und Lufthansa streichen ihre Verbindungen nach China – vorerst bis am 9. Februar.
  • Ikea schloss am Donnerstag alle Läden in China
  • Apple schliesst bis zum 9. Februar alle offiziellen Geschäfte und Firmenbüros auf dem chinesischen Festland. Das Unternehmen ist sowohl beim Verkauf von Smartphones als auch bei der Lieferkette und der Fertigung stark von China abhängig.
  • Chiphersteller Nvidia schränkt Reisen nach China ein und schickte lokale Angestellte nach Hause.
  • Toyota stoppt die Produktion in China bis am 9. Februar.
  • Facebook stoppte am Montag Geschäftsreisen nach China.
  • Honda und Nissan evakuieren die Mehrheit ihrer japanischen Mitarbeiter aus Wuhan.
  • Auch Autohersteller PSA holt das Expat-Personal aus Wuhan.
  • Walt Disney schloss am 25. Januar das Disneyland in Shanghai bis auf Weiteres.
  • Starbucks schloss 2000 seiner über 4000 Filialen in China und auch McDonald's und KFC schlossen Filialen in mehreren chinesischen Städten.
  • H&M schloss 13 Läden in der Region.
  • Cognac-Hersteller Rémy Cointreau reduzierte den Jahresausblick wegen dem Ausbruch.
  • Novartis hat seine Büros in China geschlossen, die Angestellten wurden aufgefordert, nicht zu reisen.
  • Die Credit Suisse schickt ihre Angestellten in Hongkong ins Home Office, wenn sie kürzlich in Festlandchina waren.
  • Die UBS und Goldman Sachs schränken Reisen nach China ein.
  • Insgesamt ist Wuhan mit mehr als 500 Fabriken und Firmenstandorten die 13. wichtigste Stadt in der Zulieferer-Datenbank der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Vor allem die Auto- und Transportindustrie ist hier stark vertreten.
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Coronavirus: Lufthansa und Swiss streichen alle Flüge nach China

Die Sperre gilt bis zum 9. Februar. Ein letztes Mal noch heben die Flieger ab, um Passagiere und Crews nach Hause zu holen. Mehr hier.

Modell: Wie sich ein tödliches Grippevirus von China aus über die Erde ausbreitet

Bill Gates warnte unlängst vor dem, was jetzt drohen könnte: Was geschieht, wenn eine tödliche Influenza um die Welt geht? Den Ablauf finden Sie hier.

Medikamente: Globale Lieferketten bedroht?

Zunehmend Besorgnis herrscht über die Sicherheit des Medikamenten-Nachschubs. China ist mit Abstand der führende Lieferant von Rohstoffen, die zur Arzneimittelherstellung benötigt werden. Der wichtigste Standort dafür ist die Provinz Zhejiang im Osten des Landes. Dort wurden bis am Freitag rund 540 Fälle gemeldet – also relativ wenige. Andererseits befahl die Regierung auch in Zhejiang zahlreiche Schliessungen von Unternehmen und Märkten. 

«Die Zeit, sich Sorgen zu machen, ist jetzt», sagt Steven Lynn, ein ehemaliger Direktor des FDA Office of Pharmaceutical Quality, gegenüber dem Fachportal «Statnews». Man müsse sich nun dringend ein Bild verschaffen über die Lagerbestände – und vor allem über die Folge, dies es hätte, wenn die Volksrepublik ihre Grenzen schliesst.

Die Konsequenzen könnten allerdings erst in Wochen oder gar Monaten spürbar sein, da die Pharmaproduzenten gewisse Lagerbestände im Ausland halten. Insbesondere die grossen Markenhersteller des Westens achten darauf, mehrspurige Lieferketten zu pflegen. So zeigte sich Novartis-Konzernchef am Mittwoch in Basel «sehr zuversichtlich»: Novartis habe Reservelager bei allen wichtigen Produkten.

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Die Grafik von Statista zeigt, welche Länder am besten auf eine Pandemie vorbereitet sind – und welche am schlechtesten.

Quelle: Statista

Tourismus: Deutlich tiefere Gästezahlen erwartet

Wegen des Verbots von Gruppenreisen erwartet Schweiz Tourismus, dass die Gästezahlen aus China in den kommenden Wochen und Monaten um 30 bis 50 Prozent zurückgehen, so eine Sprecherin gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.

Zum Vergleich: 2018 buchten chinesische Gäste (inklusive Hongkong) rund 1,5 Millionen Hotelübernachtungen hierzulande, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen. Damit sind Chinesen für rund 4 Prozent aller Logiernächte verantwortlich. Insgesamt erwirtschaftete die Schweiz laut 2018 mit Touristen aus Festlandchina, Hongkong und Taiwan einen Umsatz von 656 Millionen Franken.

Stärker als die Schweiz dürften indes Thailand und Japan betroffen sein. Die beiden Länder sind bei Chinesen die beliebtesten Reiseziele ausserhalb Chinas und wären von einem Ausbleiben der Touristen besonders betroffen. Doch in beiden Staaten ist die Angst vor einer Ausbreitung des Virus gross, nachdem sich erste Verdachtsfälle bestätigt haben.

In Japan sorgte letzte Woche ein Geschäft im Touristenort Hakone für Aufsehen, weil der Besitzer aus Angst vor einer Ansteckung keine Chinesen mehr in seinen Laden lassen wollte. Das japanische Fernsehen zeigt Berichte, in denen chinesische Touristen ihr Unwissen und Desinteresse zum Virus kundtun und beispielsweise keinen medizinischen Mundschutz tragen wollen.

Von den zehn beliebtesten Ländern bei chinesischen Touristen wurde das Virus bisher einzig in Russland und Indonesien noch nicht im Menschen nachgewiesen (siehe Grafik unten).

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Mit Agenturmaterial von SDA, Reuters und Bloomberg. Dieser Artikel erschien zuerst am 29. Januar 2020 und wird laufend aktualisiert.

(gku/rap)