Es sind oft kleine Dinge, die in einem Hofstaat auf Veränderungen hindeuten: Wer nimmt neben dem Herrscher Platz? Wem erteilt dieser zuerst das Wort? Trägt jemand im Gefolge eine auffällige Krawatte? Oder wagt es ein Tiefergestellter, sich ungebeten in die Diskussion einzuschalten?

Um Verschiebungen in der Machtstruktur einer so grossen und komplexen Organisation wie des Life-Science-Konglomerats Novartis ergründen zu können, gilt es, die feinsten seismografischen Bewegungen zu registrieren. Gelegenheit für derlei Feldforschung bietet sich jeweils zu Jahresbeginn anlässlich der Bilanzmedienkonferenz des «streng hierarchisch-monarchisch strukturierten Konzerns» («Basler Zeitung»). Der protokollarische Ablauf hat sich seit Jahren nicht gross verändert. Im Zentrum des Podiums lächelt jeweils der unverwüstliche Exekutivpräsident in die Scheinwerfer – flankiert von loyalen Untergebenen in wechselnder Besetzung: Jerry Karabelas, Thomas Ebeling, Joseph Jimenez, um nur einige der Kandidaten zu nennen, die es in den letzten Jahren auf einen Sitz unmittelbar neben dem Novartis-Beherrscher geschafft haben. Über potenzielle Nachfolger von Daniel Vasella wird schon seit langem spekuliert. Alle Vorhersagen zielten bisher ins Leere, weil der gelernte Humanmediziner, der den Pillengiganten mit gegen 100  000 Mitarbeitern als CEO und VR-Präsident im Alleingang dirigiert, keinerlei Anstalten macht, seine geballte Macht zu teilen.

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Einzigartige Machtfülle. Stoff für neue Mutmassungen lieferte eine Telefonkonferenz vom 22.  Oktober, an der Novartis die Geschäftsergebnisse für das dritte Quartal bekanntgab. Überraschend schaltete sich Vasella in die fernmündliche Gesprächsrunde ein, nachdem er zuletzt der Nummer zwei in der Hierarchie, Chief Operating Officer Jörg Reinhardt, den Vortritt gelassen hatte. Bereits vor seiner Beförderung zum COO galt Reinhardt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für den Konzernleitungsvorsitz. Vasella selbst schlug ihn gleichsam zum Ritter, als er den langjährigen Weggefährten in einem Interview als «begabten Manager» bezeichnete. Ob der Stern des promovierten Pharmazeuten schon wieder am Sinken ist?

Mit der Nonchalance eines geübten Schachspielers versetzt Vasella seine Kadermitarbeiter, opfert hin und wieder einen Offizier oder nimmt personelle Rochaden vor, die selbst langjährige Beobachter überraschen. Vasellas einzigartige Machtfülle, die weit über Personal- und Organisationsfragen hinausreicht, sein exzessives Salär und seine hartnäckige Weigerung, sich überprüfbaren Spielregeln der Aktionärsdemokratie zu unterwerfen, lassen mitunter fast vergessen, dass es sich bei dem 56-Jährigen nicht um den rechtmässigen Alleineigentümer, sondern nur um einen fürstlich honorierten Angestellten handelt. Immerhin nennt der mit Abstand bestbezahlte Lohnempfänger der Schweiz, dessen jährliche Bezüge auch diejenigen aller Pharmamanager weltweit deutlich übertreffen, inzwischen die stattliche Anzahl von über 2,5 Millionen Novartis-Aktien sein Eigen. Aktueller Marktwert: 130 Millionen Franken. Dazu kommen laut Geschäftsbericht über 4 Millionen Optionen mit unterschiedlichen Ausübungspreisen und Laufzeiten. Inklusive 2009 und zu Marktpreisen gerechnet, wird Vasella, seit er bei Novartis das uneingeschränkte Sagen hat, zu Jahresbeginn über eine Viertelmilliarde Franken bezogen haben. Kein schlechter Deal für einen «Arbeitnehmer» (siehe «Der 250-Millionen-Mann» im Anhang).

Wurde in den Jahren der Hochkonjunktur noch hinter vorgehaltener Hand über die Eigenarten des Novartis-Kommandanten gespöttelt, wird in Zeiten der Krise immer häufiger unverhohlene Kritik an Vasellas Auslegung gängiger Moralstandards laut. Und dies bis weit ins bürgerliche Lager hinein: «Herr Vasella fehlt die Tugend der Bescheidenheit», liess sich FDP-Chef Fulvio Pelli in der Presse zitieren – und provozierte damit Vasellas sofortigen Austritt aus dem Unterstützungsverein Freunde der FDP. Dem Pharmaboss mit den masslosen Salärbezügen fehle mittlerweile die Glaubwürdigkeit, sich öffentlich zu gesellschaftlich relevanten Fragen wie der allgemeinen Lohnentwicklung zu äussern, schreibt der Publizist Roger de Weck: «Eine krassere Illustration der Art und Weise, wie Vertrauen verspielt worden ist, gibt es nicht.»

Weniger plakativ, dafür umso wirksamer geht der Chef der Anlagestiftung Ethos, Dominique Biedermann, vor. Beflügelt vom Erfolg im Fall von Nestlé-Boss Peter Brabeck, der sich 2008 unter dem Druck der Aktionäre zur Aufgabe seines Doppelmandats bewegen liess, konzentriert er seine Anstrengungen nun auf den letzten und hartnäckigsten Verfechter dieses antiquierten und auch im Ausland zusehends verpönten Führungsmodells. Einen ersten Schuss vor den Bug des Basler Pharmagranden konnte Biedermann bereits an der letzten Novartis-GV platzieren: 31 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf den von Ethos eingebrachten Antrag, die Besitzer der Firma wenigstens konsultativ über die Höhe der im Novartis-Kader verteilten Lohnpakete mitreden zu lassen. Motiviert durch die beachtliche Zustimmungsquote, will der Aktionärsaktivist nicht locker lassen und an der kommenden Eigentümerversammlung erneut eine Abstimmung zum Thema «Say on Pay» traktandieren lassen. «Die Aktionäre haben jetzt verstanden, worum es geht», so Biedermann.

Kritiker im Vormarsch. In Analogie zum Nestlé-Fall wird Biedermann unter dem Titel «Stop Chairman CEO» erstmals auch eine Willensbekundung der Aktionäre hinsichtlich Vasellas Doppelmandat verlangen. Auch bei dieser zweiten, unter Corporate-Governance-Gesichtspunkten fast noch wichtigeren Forderung kann Biedermann mit breitem Sukkurs rechnen. Um die Kräfte beizeiten zu bündeln, hat er eine Unterstützungsgruppe ins Leben gerufen, der bereits gegen 30 Schweizer Pensionskassen sowie ein Dutzend ausländischer Grossinvestoren angehören sollen. In die wachsende Fraktion der Vasella-Kritiker eingereiht hat sich auch die einflussreiche Aktionärsorganisation Institutional Shareholder Services (ISS), die vorab die Interessen amerikanischer Novartis-Teilhaber vertritt. ISS sprach sich vor vier Jahren gegen das Doppelmandat von Nestlé-Boss Brabeck aus, weshalb auch im Fall des Novartis-Chefs mit ihrem Support zu rechnen sein wird. «ISS wird den Antrag ‹Stop Chairman CEO› mit Sicherheit auch bei Novartis unterstützen», freut sich Biedermann. Für Vasella könnte es am 26.  Februar also eng werden, wenn man bedenkt, dass es in den wenigsten Fällen einer absoluten Mehrheit bedarf, um eine festgefahrene Situation in Bewegung zu bringen. Bei Nestlé etwa genügten 36 Prozent der Stimmen, um Brabeck zur späteren Preisgabe des CEO-Postens zu bewegen.

Ein Personalentscheid Vasellas, der die Gerüchte über die Nachfolgefrage neu anheizen dürfte, betrifft den Ersatz des altershalber ausscheidenden Finanzchefs Raymund Breu. Nachdem sich Vasella bereits 2007 vergeblich um Breus vorzeitige Ablösung bemüht hat, scheint er in der Person von Jonathan Symonds jetzt einen valablen Kandidaten für diesen Posten gefunden zu haben. Die Position des Finanzchefs spielt im Kalkül Vasellas eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mit Blick auf den Tag, an dem er sich aufs Präsidium zurückziehen wird, benötigt er ausser einem druckresistenten, anpassungsfähigen CEO auch einen loyalen CFO. Nur so bleibt gewährleistet, dass er alle wichtigen Informationen auch weiterhin aus erster Hand erhält und die Geschicke von Novartis somit noch Jahre über seinen Rücktritt als Konzernchef hinaus kontrollieren kann – ganz nach dem Vorbild des legendären Sandoz-Dominators Marc Moret.

Doch so weit ist es noch nicht. Derzeit läuft sich der neue Finanzchef erst einmal warm – als Stellvertreter von Breu, der im März nach 35 Dienstjahren in Pension gehen wird. Symonds soll ihn dann nahtlos ersetzen. Der 50-jährige Brite gilt als ebenso tough wie flexibel: Er verfügt über einschlägige Erfahrungen in der Pharmabranche und hat die Finanzkrise im Sold der US-Investmentbank Goldman Sachs überdauert. Unter Analysten eilt ihm zudem der Ruf eines kompromisslosen Kostenoptimierers voraus. Die «Wahrscheinlichkeit aggressiver Kostendisziplin» nehme mit Symonds’ Anstellung zu, prophezeit die US-Bank Morgan Stanley in einer aktuellen Studie, überschrieben mit dem wenig verheissungsvollen Titel «Novartis needs to run fast to keep still».

Einsicht bei Roche. Von 1999 bis 2007 leitete Symonds die Finanzabteilung beim Konkurrenten AstraZeneca und war zugleich für das Merger-und-Akquisitions-Geschäft zuständig. In den Beginn seiner achtjährigen Amtszeit fiel die Fusion der schwedischen Astra mit dem Pharmateil des britischen Chemiekonglomerats Zeneca. Das letzte grosse M&A-Geschäft, das Symonds im Frühjahr 2007 für AstraZeneca orchestrierte, betraf die Übernahme der US-Biotechfirma Medimmune. Nach dem 15-Milliarden-Dollar-Deal, der wegen des hohen Kaufpreises kritisiert wurde, wechselte Symonds behende die Fronten und stieg bei Goldman Sachs als Partner ein – ausgerechnet bei jenem Institut, das zuvor Medimmune bei der Suche nach einem kapitalkräftigen Käufer unterstützt hatte. Sein zweijähriges Intermezzo als Banker habe er unter anderem dazu genutzt, «die Rolle von Private-Equity-Firmen in der Pharmaindustrie besser zu verstehen», erklärte der Breu-Ersatz der Londoner «Times».

Spannende Einsichten dürfte Symonds auch anlässlich der Genentech-Vollübernahme durch Roche gewonnen haben, zumal das Biotechunternehmen sich seinerseits von Goldman Sachs beraten liess. Kurz: Der Deputy im Finanzressort verfügt über eine Menge praktisches Fusions-Know-how und branchenspezifisches Insiderwissen, was ihn für einen Dealmaker wie Vasella ausgesprochen wertvoll macht. Wie sein neuer Chef ist auch der finanztaktisch beschlagene Brite kein Freund übertriebener Transparenzregeln. Weiterer Pluspunkt: Er kennt Pharmachef Joseph Jimenez, der von 2002 bis 2007 im Verwaltungsrat von AstraZeneca sass.

Dass der designierte Finanzchef das Zeug zum operativen Gesamtleiter hat, muss gleichwohl bezweifelt werden. Symonds könne zwar geschliffen präsentieren, heisst es. Ein herausragender Kommunikator sei er deshalb aber nicht. Weggefährten beschreiben den zierlichen Engländer als eher wortkarg und introvertiert. Er arbeite vorzugsweise als Solist und ziehe die Fäden im Hintergrund, versichert ein Branchenexponent, der mit dem künftigen CFO zusammengearbeitet hat: «Personalführung gehört nicht zu seinen Stärken.» In Symonds einen chancenreichen Anwärter für die Vasella-Nachfolge sehen zu wollen, wäre absurd. Tatsächlich sucht man in der Vita des Kapitalmarktspezialisten vergeblich nach Glanzlichtern, die ihn zu einem ernst zu nehmenden Anwärter für den CEO-Posten machen würden. Bei der Fusion von Astra und Zeneca blieb Symonds der ersehnte Sprung an die Spitze verwehrt. Zwei Jahre danach wechselte er das Betätigungsfeld, um bei Novartis in seinen angestammten Bereich zurückzukehren. Die Karrieren von Siegertypen sehen anders aus.

Auch was die Chancen von Joe Jimenez (49) betrifft, hegen Beobachter Zweifel. Überraschend liess sich der gewöhnlich eher schmallippige Konsumgüterfachmann, der weite Teile seiner Laufbahn beim US-Ketchup-Giganten Heinz verbrachte, vor drei Wochen in der «Financial Times» zum Thema «Generierung von substanziellem zusätzlichem Cashflow» vernehmen. Zur Reduktion des hohen Fixkostenblocks im Konzern empfahl Jimenez ein «effizienteres Management der Lagerbestände» und die Rekrutierung zusätzlicher Key Account Manager. Ob dem langjährigen Tomatensaucenverkäufer dereinst das gleiche Schicksal blühen wird wie seinem Vorgänger Thomas Ebeling? Nach einer Reihe von Flops bei Produktlancierungen war Ebeling – zeitweise einer der heissesten Aspiranten auf den Konzernleitungsvorsitz – 2007 von der Spitze der Pharmadivision in die eher unbedeutende Geschäftseinheit für rezeptfreie Aufbaupräparate und Tiermedizin relegiert worden. Monate später kehrte er dem Konzern den Rücken. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr Andreas Rummelt, dem Ex-Chef der als Sorgenkind geltenden Generikasparte. Weil er Vasellas Ansprüchen nicht genügte, wurde er vor Jahresfrist aus dem Machtzentrum verstossen. Heute figuriert er als Leiter des konzernweiten Qualitätsmanagements.

Bündner Connection. Ein Nachwuchsmann mit hervorragenden Chancen auf den Topjob ist Andrin Oswald. Als Ersatz für Jörg Reinhardt setzte Vasella den 38-Jährigen vor Jahresfrist an die Spitze der Impfstoff- und Diagnostiksparte und machte ihn damit zum mit Abstand jüngsten Divisionschef im Team. Gerade einmal vier Jahre steht Oswald im Dienst des Multis und nimmt bereits wie selbstverständlich an allen Sitzungen des Excutive Committee teil. Vasellas heimlicher Kronfavorit hat einen atemberaubenden Karriereaufstieg hinter sich. Nach dem Studium in Genf war Oswald zuerst drei Jahre in Nepal tätig – als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Zurück in der Schweiz, holte er sich bei McKinsey den nötigen Schliff fürs Geschäftsleben. Über ein Beratungsmandat kam er mit Vasella in Kontakt, dem der junge Stratege so gut gefiel, dass er ihn 2005 zu seinem persönlichen Assistenten machte. Wie sein Förderer ist auch Oswald studierter Mediziner und stammt zufälligerweise auch noch aus dem gleichen Landesteil. Jedenfalls scheinen sich die beiden Bündner sowohl auf persönlicher wie auch auf fachlicher Ebene ausgezeichnet zu verstehen.

Die rasche Kadenz, in der Vasella seinen Protégé mit immer anspruchsvolleren Aufgaben eindeckt, scheint Oswalds überdurchschnittliche Managementbegabung zu belegen. Kaum hatte er bei Novartis «eingecheckt», schickte ihn Vasella auch schon als Länderchef nach Südkorea. Der Südostasieneinsatz war nur als erster Wurf ins kalte Wasser gedacht. Bald wurde Oswald wieder in die Zentrale zurückbeordert, um Jimenez bei der Reorganisation der weltweiten Pharmaentwicklung zu unterstützen. Zum Lohn durfte er sich fortan mit dem Titel Global Head of Development Franchises schmücken. Zu Übungszwecken vermachte ihm Vasella parallel dazu den CEO-Posten bei der Biotech-Tochter Speedel. Mit dem schwierigen, noch im Aufbau befindlichen Impfstoffgeschäft wurde Oswald vor einem knappen Jahr bereits die nächste, noch anspruchsvollere Aufgabe übertragen. Sollte er auch diese Bewährungsprobe zur Zufriedenheit seines fordernden Vorgesetzten bestehen, dann könnte Oswald auf seiner Karriere-Direttissima tatsächlich bis zur Konzernspitze gelangen. Kollegen beschreiben Vasellas Ziehsohn als ebenso hochintelligent wie hochambitioniert – ein geradezu optimaler «Fit». Oswald benötige vermutlich noch ein, zwei Jahre und ein paar zusätzliche Erfolgserlebnisse, damit er noch selbstsicherer auftreten könne, meint ein Informant aus Oswalds Umfeld: «Es fehlt ihm nur noch das nötige Gewicht.»

Endlich scheint Vasella einen Kandidaten identifiziert zu haben, der das Potenzial hat, ihn als CEO zu beerben, und der offenbar erst noch aus ähnlichem Holz geschnitzt ist. Gleichwohl spricht vieles dagegen, dass sich der Konzerndominator bereits im Februar aufs Präsidialamt zurückziehen wird. Wahrscheinlicher ist die Annahme, dass Vasella alles daransetzen wird, den strategischen Umbau noch vor der Machtteilung selbst zu beenden. In diesem Kontext ist vorab an die noch ausstehende Mehrheitsübernahme und die allfällige spätere Integration des US-Augenheilmittelkonzerns Alcon zu denken, an dem Novartis eine 25-Prozent-Beteiligung hält. Weitere 52 Prozent der Aktien kann Novartis im Rahmen eines zweistufigen Handänderungsabkommens mit Nestlé im Zeitraum von Anfang 2010 bis Mitte 2011 erwerben. Darüber hinaus traut man Vasella zu, dass er auch bei der sich beschleunigenden Branchenkonsolidierung ein Wörtchen mitreden möchte. Womöglich trachtet er, wie ein langjähriger Beobachter wissen will, bereits nach dem nächsten strategischen Zukauf. Diesmal vielleicht im Medtech-Bereich, um die Vision einer europäischen Kopie des erfolgreichen Johnson-&-Johnson-Modells noch als CEO auf den Boden zu bringen?

Detailversessen. Beim Versuch, den idealen Rücktrittszeitpunkt zu erwischen, spielt zudem der mittelfristige Ertragstrend eine wichtige Rolle, insbesondere die Lebenszyklen von Schlüsselpräparaten wie dem Blutdrucksenker Diovan und der Anti-Krebs-Pille Glivec. Morgan Stanley warnt schon heute vor einem empfindlichen Einbruch der Nettoeinkünfte von gegen 30 Prozent, wenn Glivec ab 2015 den Patentschutz verliert. So lange wird der Exekutivpräsident mit dem Teilen seiner Befugnisse kaum zuwarten.

Er fühle sich an eine übervolle Agenda gekettet und schleppe jeden Abend mit Dokumenten gefüllte Einkaufstaschen nach Hause, klagte Vasella dem «Wall Street Journal» vor anderthalb Jahren sein Leid. Einiges habe er in letzter Zeit nicht mehr so wahrnehmen können, wie er dies möchte, begründete er kurz darauf Reinhardts Beförderung auf den eigens geschaffenen COO-Posten. Und stellte in Aussicht, über einige wichtige Punkte «vertieft nachdenken» zu wollen. Es erinnert fast schon an eine klassische Tragödie, aber der Mann, der seit über einem Jahrzehnt bei Novartis alles auf sich zentriert, um jedes noch so kleine Detail selber zu entscheiden – vom Design der Medikamentenverpackungen bis zum Bodenbelag auf dem Novartis Campus –, scheint sich für unersetzlich zu halten. «Tief in seinem Inneren ist Vasella davon überzeugt, dass niemand diese Aufgabe besser bewältigen kann als er selbst», sagt einer, der ihn gut kennt. «Warum sollte er früher als unbedingt nötig einen ‹Second Best›-Kandidaten nominieren?»

Über die Frage, ob Vasellas Anstellungsvertrag als CEO um ein Jahr verlängert wird, entscheidet indes der VR, und zwar bis im Februar. Zugleich läuft auch Vasellas VR-Mandat ab, wobei niemand daran zweifelt, dass ihn das handzahme Aufsichtsgremium zur Wiederwahl nominiert. «Leider verhält sich der Verwaltungsrat sehr ruhig», sagt Ethos-Chef Biedermann. «Man spürt kaum, dass er unabhängig ist.» In der Fachliteratur werden Konstrukte, die es Individuen oder Gruppen ermöglichen, sich gegenüber Kontrollinstanzen und -prozessen zu immunisieren, als Risiko-Soziotope bezeichnet. Die Basis solcher «soziotopischen Feuchtgebiete», wie Erwin Heri, Dozent für Finanztheorie an der Universität Basel, diese leicht abgewandelt nennt, sind Organisationen wie der Gesundheitsriese, wo der CEO höchstpersönlich ein ihm wohlgesinntes Kontrollgremium zusammenstellt und seine Entscheide von diesem und dann von der Generalversammlung nur noch durchwinken lässt (siehe «Vasellas Universum» im Anhang).

Kaum abtrittswillig. Auf das heikle Rücktritts-Traktandum angesprochen, gab sich Vasella bisher stets sibyllinisch: «Ich sehe viele Gründe, die dafür sprechen zu gehen. Aber ich sehe noch mehr Gründe, um weiterzumachen», gab er der Nachrichtenagentur Reuters zu verstehen. Fakt ist: Niemand ausser ihm hat den 1996 aus Ciba und Sandoz hervorgegangenen Pharmakonzern jemals geführt. Dieser Umstand mag dafür mitverantwortlich sein, dass sich Vasella und mit ihm der gesamte VR bisher konsequent um die Nachfolgefrage gedrückt haben. Klar ist aber auch, dass die letztlich unvermeidliche Stabübergabe mit jedem zusätzlichen Jahr, das Vasella verstreichen lässt, firmenkulturell gesehen nicht einfacher wird. Gut möglich, dass der standhafte Kapitän auf der Kommandobrücke des zweitgrössten Industrieunternehmens der Schweiz in Erwartung auffrischenden Gegenwinds, der ihn an der kommenden GV erwartet, einen Mittelweg wählt. Um Zeit zu gewinnen, könnte der Novartis-Boss die geforderte Ämtertrennung erst einmal nur in Aussicht stellen, dafür aber verbindlich, sagen wir, für das Frühjahr 2012. Jeder frühere Termin wäre bei seinem Selbstbild und seinem Gestaltungsfuror schon fast eine Sensation.