Die aktuellen Marktpreise für Strom liegen bei 2 bis 3 Rappen pro Kilowattstunde. Doch die Atomkraftwerke Gösgen und Leibstadt erzeugen Strom für 4,5 bis 5,5 Rappen. «Das geht nicht gut», sagt deshalb Jasmin Staiblin, seit 2013 Chefin des Stromhandelskonzerns Alpiq. Bei der Wasserkraft rechnet sie mit sogenannten Gestehungskosten von 6,5 Rappen, ohne genau offenzulegen, was alles eingerechnet wird. Klar aber ist: Die Schweiz droht zu einer Hochpreis-Strominsel in Europa zu werden.

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Politisch wird derzeit über die Atomausstiegsinitiative der Grünen hoch kontrovers diskutiert – vielleicht überflüssigerweise. Denn der Ausgang der letzten Atomabstimmung ist bereits absehbar, wenn – wie sich zeigen könnte – für zu teure Kernkraftwerke verstaatlichte Auffanggesellschaften gegründet werden müssen.

«Bad Bank» für Meiler

Im Bundesamt für Energie (BFE) jedenfalls läuten die Alarmglocken. Was, wenn die Strompreise auf ihrem aktuellen Niveau verharren? Was, wenn eine toxische Mischung aus geringer Nachfrage in Europa, billiger Kohle und CO₂-Verschmutzungsrechten sowie den politisch geförderten erneuerbaren Energien die Strompreise im Keller hält? Werden die Schweizer Kraftwerke – insbesondere die Kernkraftwerke – zu finanziellen Zeitbomben? BFE-Direktor Walter Steinmann kündigte bereits an, vertiefte Abklärungen zu treffen. Nicht nur die Landesversorgung steht auf dem Spiel, sondern auch die Finanzen der Kantone und Gemeinden, die rund 85 Prozent der inländischen Elektrizitätswirtschaft kontrollieren.

Sicher: Solange die variablen Kosten der Kraftwerke hereingespielt werden, fliesst immerhin Cash, wie es ein Finanzexperte formuliert. Aber lange geht das nicht gut, wie das Beispiel Alpiq zeigt. Das Unternehmen ging 2009 aus der Fusion der Oltner Atel und der zuvor mit Milliarden Franken an öffentlichen Geldern sanierten EOS Holding hervor. Alpiq steht dabei für «Alpen» und «IQ». Doch der Kunstname könnte bald für ein elektrizitätswirtschaftliches Desaster stehen.

«Wir öffnen die Bücher»

Also sollen nun keine Tabus mehr gelten, wie Chefin Staiblin diese Woche erklärte. Alpiq muss saniert werden und sie verwende sich für eine Klärung der Situation. Dabei machte sie eine für eine Konzernchefin einmalige Aussage: «Wir setzen uns als Experten dafür ein, dass man die Fakten zeigt. Wir öffnen die Bücher und zeigen, in welcher Situation wir sind mit den heutigen Marktpreisen

Nimmt man einen diese Woche von diversen Medien publizierten, an sich aber vertraulichen Public-Affairs-Strategieentwurf einer PR-Agentur für Alpiq zum Massstab, so betrachtet das Unternehmen insgeheim eine Art «Bad Bank» für die Stilllegung der hiesigen Atommeiler als Option. Zwar legte Staiblin den Fokus auf die wirtschaftliche Situation der Wasserkraft. Relevanter aber sind die Kernkraftwerke. Denn sie bleiben auch nach ihrer Stilllegung eine Zeitbombe – eine finanzielle Zeitbombe.

Die Kosten für den langfristig gesicherten Betrieb der Kernkraftwerke, deren Stilllegung und Entsorgung sind hoch. Dies gilt auch für die Atomstrom-Bezugsverträge, welche diverse schweizerische Energieversorger mit dem französischen Stromkonzern EDF eingegangen sind.

Geheime Lieferverträge

Das Problem dabei: Gerade im Hinblick auf die seit den 1980er-Jahren existierenden Lieferverträge tappt selbst Bundesbern im Dunkeln. Man kennt ungefähre Zahlen, aber niemand ausser ein paar Eingeweihten kennt die Bedingungen der Verträge im Einzelnen.

Neben diesen mittelfristig relevanten Fragen droht auch akutes Ungemach: Das zu 40 Prozent der Alpiq gehörende Atomkraftwerk Gösgen stellte die Bilanzierungsmethode für den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds auf Marktwerte um. Was harmlos klingt, hat es in sich. Denn die Umstellung führt im laufenden Jahr zu einem Mittelabfluss von 151 Millionen Franken (auf Stufe Ebitda). So steht es im aktuellen Geschäftsbericht der Alpiq. Zum Vergleich: Der für 2015 ausgewiesene Betriebsgewinn (Stufe Ebitda) beläuft sich auf 480 Millionen. Allein schon der Gösgen-Effekt auf die Alpiq-Zahlen im aktuellen Jahr ist also happig.

Staiblin: «Ja oder nein?»

Doch für Chefin Staiblin gibt es kein Alpiq-Thema, sondern ein «Gesamtthema». Sie sagt: «Das ist ein Gesamtthema. Wir müssen uns in der Schweiz überlegen: Brauchen wir Versorgungssicherheit? Ja oder nein? Verstehen wir unter Versorgungssicherheit, dass wir eine bestimmte Produktion im eigenen Land haben? Ja oder nein?»

Ein Problem ist dabei besonders brisant: Noch vor wenigen Jahren wurden die französischen Atomstrom-Bezugsverträge als profitabel dargestellt und verteidigt, etwa durch den Präsidenten der Energiedirektorenkonferenz Beat Vonlanthen. Heute aber gelten die Verträge als Last. Insbesondere die Hoffnung der Stromchefs, die Bezugsrechte elegant durch ein EU-Stromabkommen loszuwerden, erwies sich als trügerisch.

Bei einem Stromabkommen müssten die Stromverträge dem übergeordneten EU-Stromrecht angepasst werden, was eine vorzeitige Kündigung erlaubt hätte. Aber solange das Verhältnis mit der EU ungeklärt ist, gibt es auch kein bilaterales Elektrizitätsabkommen – und damit keine Ausstiegsmöglichkeit aus den Lieferverträgen. Sie bleiben eine weitere tickende Zeitbombe in den Bilanzen von Alpiq und Axpo.