Der Konflikt mit Nordkorea brodelte in der vergangenen Woche so heftig wie zuletzt vor Jahrzehnten. Das hat die Aktienmärkte und die Regierungen weltweit in Schrecken versetzt, die Angst vor einer Eskalation geht um.

Mitten im Krisengebiet in Korea produziert die Schweizer Firma Joya Gesundheitsschuhe. Gegründet von Ex-Mister-Schweiz Claudio Minder und seinem Geschäftspartner Karl Müller, entstehen die Joya-Schuhe in Busan im südlichsten Teil Südkoreas. Für zwei Jahre jedoch wagten sich Minder und Müller für die Produktion auch nach Nordkorea: Sie stellten ein Viertel ihrer Schuhe in der Sonderwirtschaftszone Kaesong her. Claudio Minder* erzählt, warum er diesen Schritt nicht wiederholen würde:

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«Würden es nicht noch einmal machen»

«Entstanden ist die Idee eines Produktionsstandortes in Nordkorea, als Südkorea die wirtschaftliche Öffnung des Nordens fördern wollte. Wir wurden immer wieder angesprochen, ob wir nicht neben unserem Produktionsstandort in Busan auch einen in Kaesong einrichten wollten.

Nachdem wir uns mit anderen Schuhherstellern ausgetauscht hatten, fanden wir das spannend. Wir machten uns an die Planung, waren wahrscheinlich aber doch etwas unbedarft, was die politische Lage und auch die Produktionsbedingungen anbelangte. Mit dem Wissen von heute würden wir das nicht noch einmal machen.

«Es war strikt verboten, mit den Arbeitern zu sprechen»

Wir haben von November 2012 bis Ende 2014 in Kaesong produziert. Das bedeutete: Die Arbeiter in den Schuhfabriken fertigen einen Teil unserer Schuhe. Wie viele Arbeiter es waren und welche genau für uns arbeiteten, war schwierig zu überblicken. Es waren Hunderte von Arbeitern in einer Produktionsstätte beschäftigt, die parallel für mehrere Firmen produzierten.

Es war strikt verboten, mit den Arbeitern zu sprechen. Nur die nordkoreanischen Teamleiter durften das. Unsere Mitarbeiter beziehungsweise Manager aus Südkorea wurden meist von einem «Aufpasser» begleitet, konnten aber frei mit den Teamleitern kommunizieren. Eine Besuchserlaubnis für die Produktionsstätte zu bekommen, war ungeheuer aufwendig. Mir ist es während unserer gesamten Zeit dort nicht gelungen, das ging immer über unsere südkoreanischen Mitarbeiter. Nach Nordkorea konnte ich nur im Rahmen einer Delegation des Swiss Economic Forum reisen, angeführt von alt Bundesrat Adolf Ogi

«Sie arbeiteten nur strikt nach Anweisung»

Die Produktion funktionierte ebenfalls über Südkorea: Die Materialien mussten wir von dort einführen, auch Strom und Wasser kamen aus dem Süden, ebenso die höher qualifizierten Arbeitskräfte. Die nordkoreanischen Mitarbeiter führten nur strikt nach Anweisung einzelne Arbeitsschritte aus. Diese erfüllten sie dann, im Rahmen einer genau festgesetzten Arbeitszeit.

Im Frühjahr 2013 hatten wir gerade unsere Sommerkollektion fertig gestellt, als die Sonderwirtschaftszone von jetzt auf gleich geschlossen wurde. Knapp ein Viertel unserer gesamten Ware hing in Nordkorea fest und wir kamen nicht an sie heran. Uns blieb nichts anderes übrig, als in grösster Eile in Südkorea nachzuproduzieren. Immerhin hatten wir Verträge mit unseren Partnern.

«Das hat uns geschätzt 200'000 Dollar gekostet»

Es gelang uns dann doch noch, diese zu beliefern, aber wir konnten nicht alle Lieferfristen pünktlich erfüllen. Ausserdem war die fertige Ware in Nordkorea für uns verloren, schliesslich arbeiten wir in einem Saisongeschäft. Geschätzte 200’000 Dollar hat uns das gekostet.

Allerdings sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen: Die liegengebliebenen Schuhe konnten wir letzten Endes ein Jahr später auf Märkten verkaufen, an denen wir zum ersten Mal aktiv waren. Da wir noch ein kleines Unternehmen sind, fiel das nicht auf.

«Willkürlich für stundenlange Befragungen festgehalten»

Trotz dieser Erfahrung haben wir zunächst weitergemacht - doch die Zustände waren unberechenbar. Nachdem Kaesong wieder eröffnet worden war, erhielten auf einmal unsere südkoreanischen Mitarbeiter keine Arbeitsgenehmigung mehr. Ohne sie war aber eine Produktion nicht möglich, weil sie die höher qualifizierten Arbeiten übernahmen. Wurde eine Arbeitsgenehmigung ausgestellt, konnte ein Mitarbeiter dennoch willkürlich für stundenlange Befragungen an einem Checkpoint festgehalten werden. Manchmal kamen die Arbeiter auch gar nicht, weil durch die Regierung ein ‹ausserordentlicher Feiertag› ausgerufen wurde.

Auch Südkorea trug seinen Teil zur Unberechenbarkeit bei – indem es zum Beispiel den Strom abdrehte oder das Wasser. Für mich waren diese Aktionen zum grössten Teil, Entschuldigung, einfach Kindergarten.

«Es ging nur um Devisen»

Dazu kam, dass uns zunehmend die Intransparenz störte. Ein Arbeiter in Südkorea verdient im Monat um die 1800 US-Dollar. In Nordkorea haben wir runtergerechnet 500 US-Dollar pro Arbeiter bezahlt, allerdings an die Organisation, die Kaesong verwaltet hat und natürlich von der Regierung gesteuert war. Welchen Lohn der einzelne Arbeiter ausgezahlt bekommen hat, wissen wir nicht. Nach dem was man so hört, dürften es zwischen 70 und 200 US-Dollar gewesen sein, je nach Quelle.

Uns war also klar, dass wir mit unserer Produktion indirekt ein Regime mit Dollars fütterten, das wir nicht unterstützen wollten. An der Öffnung Nordkoreas mitzuwirken, das war eine Wunschvorstellung. Es ging nur um Devisen. Wir haben uns dann 2014 entschieden, die Produktion dort einzustellen, lange bevor sie 2016 stillgelegt wurde. Selbst wenn sie wiedereröffnen würde, würden wir dort nicht wieder hingehen. Das Risiko ist zu gross.

«Südkoreaner sind deutlich entspannter als Westeuropäer»

Wie es jetzt weitergeht, werden wir sehen. Wir produzieren nach wie vor in Südkorea. Nachdem wir, ebenfalls durch politische Schwierigkeiten bedingt, unseren Standort in der Türkei auf Ende Sommer schliessen müssen, liegt unsere Produktion wieder vollständig in Südkorea. Sollte tatsächlich ein Krieg ausbrechen, wäre das eine echte Herausforderung.

Allerdings ist deutlich zu merken, dass die Südkoreaner noch entspannter sind als die Westeuropäer. Sie glauben innerlich nicht daran, dass es zu einer Auseinandersetzung kommt, weil sie seit 60 Jahren unter diesem Damoklesschwert leben. Hoffen wir, dass sie recht behalten.»

*Claudio Minder ist Co-Gründer von Joya-Schuhen, ein Unternehmen mit Hauptsitz in Roggwil (TG). Er hat die Firma 2006 gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Karl Müller gestartet, der aus einer Schuhmacher-Familie stammt. Claudio Minder wurde im Jahr 2000 zum schönsten Schweizer gewählt.

 
 
 
 


US-Comedian John Oliver fasst die Nordkorea-Eskalation zusammen: