Anruf statt Arztbesuch: Ein attraktives Modell für alle, die sich mit einer handelsüblichen Grippe nicht zum Doktor schleppen mögen. Der Telmed-Tarif der Schweizer Krankenkassen ist an sich eine fantastische Idee. Mit Erfolg: Rund jeder vierte Schweizer wählt dieses Modell mittlerweile bei seiner Krankenversicherung, wie eine Umfrage für den SRF zeigt.

Dennoch herrscht offenbar Ernüchterung. Die Hoffnungen, dank Telmed-Modell die Zahl der Arztbesuche wesentlich zu reduzieren und entsprechend Kosten zu sparen, erfüllt sich nur zum Teil. Die Steuerungsmöglichkeiten seien gering, räumt etwa Swica ein. Entsprechend zählen die Telemedizin-Tarife bei vielen Versicherern auch nicht mehr zu den günstigsten. Das Modell verliere also an Attraktivität, schlussfolgert der SRF.

Kontrollinstrument statt Mehrwert für den Patienten

Aber liegt die Anziehungskraft der Telemedizin am meisten im kleinen Preis? Läge sie nicht vielmehr im Nutzen für den Patienten? Wenn allein die Kostenersparnis im Fokus steht, wundert nicht, dass der Lenkungseffekt geringer ausfällt als erhofft. Die Versicherer verfolgen den Ansatz: Der Patient verpflichtet sich zum Anruf vor dem Arztbesuch und erhält dafür Prämienvergünstigungen. Der Telmed-Tarif wird so zum Kontrollinstrument, indem geprüft wird, ob eine physische Untersuchung tatsächlich nötig ist. In vielen Fällen – derzeit bei rund jedem zweiten – lautet die Antwort: Ja. Und auch wenn nicht, kann sich der Pflichtanruf anfühlen wie eine administrative Hürde vor dem Arztbesuch statt wie eine Beratung, bei der der Patient im Mittelpunkt steht.

Medgate und Medi24 sind die Dienstleister, die für die meisten Schweizer Krankenkassen die Telemedizin umsetzen. Sie suchen effiziente Wege der Patientenbetreeung. Zum Beispiel mit einer neuen App von Medgate, die telefonische Beratung zum Teil durch einen Algorithmus ersetzt. Auch Medgate und Medi24 sind aber vor allem dadurch motiviert, die Ausgaben pro Patient zu senken und nicht, den Nutzen für den Versicherten zu steigern. Medgate zum Beispiel hat mit immer mehr Krankenversicherungen leistungsbezogene Verträge. Das bedeutet, ihre Boni steigen, je geringer die Kosten durch Telemedizin-Patienten ausfallen.

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Es ist nichts falsch daran, Kosten senken zu wollen. Doch auf diese Weise werden die falschen Anreize gesetzt. Im Mittelpunkt sollte stehen, Patienten möglichst unbürokratisch zu unterstützen, zum Beispiel bei der vertrackten Facharztsuche. Wenn in Folge die Kosten für die Versicherer sinken, weil Patienten schneller den richtigen Arzt finden – umso besser.

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