Thomas Gottstein, Chief Executive Officer der Credit Suisse Group, glaubt nicht, dass Banken jemals zur Vollzeitarbeit im Büro zurückkehren werden.

«Das ist unrealistisch und nicht das, was die Mitarbeiter wollen», sagte er in einem Bloomberg-Interview am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos am Montag. «Wir versuchen auf sanfte Weise, die Leute zur Rückkehr zu ermutigen, aber es ist kontraproduktiv, wenn man zu sehr drängt.»

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Europäer sind konzilianter als Amerikaner

Die Kommentare reihen sich ein in die wachsende Zahl von Stimmen in Europa, die sich für flexible Arbeitsbedingungen aussprechen, während Banken versuchen, Mitarbeiter anzuziehen und zu halten. Sie stehen auch in krassem Gegensatz zu dem eher strengen Ton einiger US-amerikanischer Unternehmen, die im Allgemeinen weniger bereit sind, sich an die Forderungen ihrer Mitarbeiter anzupassen.

In Europa ansässige Unternehmen wie die BNP Paribas, die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria und die UBS Group haben ihre Regeln zur Telearbeit bereits entsprechend angepasst.

Wenig Bürozwang bei der Credit Suisse

«Wir werden nie wieder zu den alten 80 bis 90 Prozent der Mitarbeiter im Büro zurückkehren», sagte Gottstein. Nach den Richtlinien der Bank sollten etwa 60% der Mitarbeiter vom Büro aus arbeiten, aber die tatsächliche Zahl liegt bei 37 Prozent, und Gottstein wies darauf hin, dass nicht allzu viel getan werden kann, um die Mitarbeiter zur Rückkehr zu zwingen.

«Ich denke, in bestimmten Städten wie London - wo das Pendeln mühsam ist - ziehen es die Leute deshalb vor, ein oder zwei Tage von zu Hause aus zu arbeiten, um nicht pendeln zu müssen», sagte der 58-Jährige und verwies auf einen kürzlichen Aufenthalt in der britischen Hauptstadt.

«Es ist schon komisch, wenn man sich die Wochenstatistiken anschaut: Montags und freitags ist es ziemlich ruhig, und Dienstag, Mittwoch und Donnerstag sind sie dann im Büro. Und ich denke, das wird auch so bleiben», sagte Gottstein.

«Klares Mandat» des Verwaltungsrats

Gottstein, sieht sich als Chef der Credit Suisse weiterhin mit einem «klaren Mandat» des Verwaltungsrats, obwohl er aufgrund einer Reihe von Skandalen und finanziellen Rückschlägen unter Druck geraten ist, die den Ruf der Bank während seiner zweijährigen Amtszeit beschädigt haben.

Er konzentriere sich auf die Umsetzung der Strategie und arbeite gut mit den anderen Vorstandsmitgliedern und dem Verwaltungsratschef zusammen, sagte er in einem Interview mit Francine Lacqua von Bloomberg TV in Davos auf Fragen zu seiner Zukunft.

Credit Suisse erwartet tiefere Gewinne

Gottstein steht in einer turbulenten Zeit an der Spitze der Schweizer Grossbank. Ein Jahr nach dem Zusammenbruch von Archegos Capital Management, der die Credit Suisse mit Verlusten in Höhe von rund 5,5 Milliarden Dollar belastete, kämpft die Bank damit, eine Reihe von Gewinnwarnungen und negativen Schlagzeilen hinter sich zu lassen. Das Vertrauen der Aktionäre ist erschüttert, wichtige Geschäftsbereiche scheinen geschwächt und Leistungsträger sind abgewandert. Die Gewinne würden dieses Jahr niedriger ausfallen als 2021, so Gottstein.

Aus informierten Kreisen war zu hören gewesen, der Verwaltungsrat habe in Sondierungsgesprächen eine mögliche Ablösung Gottsteins erörtert. Ein Wechsel an der Konzernspitze werde möglicherweise noch in diesem Jahr erfolgen, hatten mit den Erwägungen vertraute Personen berichtet. Während der Verwaltungsrat öffentlich weiter seine Unterstützung für Gottstein bekunde, seien einige Mitglieder zunehmend besorgt, dass er die Probleme der Bank nicht in den Griff bekommt, so die Personen.

Credit Suisse «zurück im Business as usual»

«Es ist ganz klar, dass die Leute Fragen stellen, wenn die Ergebnisse ausbleiben», antwortete Gottstein, auf seine Zukunft angesprochen. «Aber ich habe ein klares Mandat, und mein Mandat und das des restlichen Vorstands lautet: Erstens, die Strategie umzusetzen. Zweitens, das Risikomanagement zu stärken und drittens, für unsere Kunden da zu sein. Wir sind zurück im Business as usual.»

Unter dem vorigen Verwaltungsratspräsidenten Antonio Horta-Osorio hat sich die Credit Suisse stärker auf das Wealth Management ausgerichtet und aus Teilbereichen der Investmentbank verabschiedet, die im Zentrum des Archegos-Desasters stand. So zieht sich das Geldhaus aus dem Prime-Brokerage-Geschäft zurück und verlagert Kapital in Höhe von 3 Milliarden Franken von der Investmentbank in die Privatbank.