Das Coronajahr 2020 ist gemäss dem Chef des Reiseveranstalters Tui Suisse, Philipp von Czapiewski, nicht mehr zu retten. Im Sommer hat die Reisebürokette einen drastischen Umsatzeinbruch hinnehmen müssen. Zu einer Normalisierung komme es frühestens 2022.

Bis die Menschen in der Schweiz wieder so viel Ferienreisen buchen wie vor der Krise, dürfte es gemäss von Czapiewski konkret noch mindestens zwei Jahre dauern, sagte er am Donnerstag gegenüber den Medien. «2020 wird aber ein tiefrotes Geschäftsjahr», betonte er.

Fluggesellschaften wie etwa die Swiss gar noch pessimistischer als der Tui-Chef: Sie erwarten eine Rückkehr auf ein Vorkrisen-Niveau erst 2023 bis 2024. Die Reisebürobranche dürfte sich allerdings schneller erholen als das Airlinegeschäft, laute die Erklärung von Czapiewskis für diesen Unterschied.

Während die Airlines auch stark von Geschäftsreisenden abhängig sind, buchen bei Tui nämlich vorwiegend Feriengäste. µDie Reiselust ist da! Darum wird sich das Feriensegment wohl deutlich schneller erholen als der Bereich Geschäftsreisen», sagte er.

Das habe man auch bei den Kunden gemerkt, die eine Reise auf die Balearen gebucht hätten. Nachdem die spanischen Inseln im Mittelmeer Mitte August auf die Quarantäneliste des Bundes aufgenommen wurden, hätten die Kunden meist gratis umgebucht statt ihre Reisen ganz storniert.

Umsatz auf Tiefstand

Im gesamten Sommer, der Hauptsaison von Tui, seien die Umsätze um 80 Prozent gesunken, so von Czapiewski. Viele Reisen seien ganz ausgefallen oder höchstens eingeschränkt möglich gewesen. Es habe aber auch Lichtblicke gegeben: «Das Segment Eigenanreise, also die Destinationen, die mit dem Auto erreicht werden können, entwickelte sich positiv.» Dieses Geschäft mache aber nur einen kleinen Teil des gesamten Angebots aus und habe deshalb die Einbrüche bei weitem nicht kompensieren können.

Um die Kosten zu reduzieren, gab das Unternehmen bereits Anfang Juli eine Redimensionierung bekannt. Acht Geschäftsstellen werden geschlossen und im Zuge der Schliessungen auch 70 Stellen gestrichen. «Ende August schliessen wir als erstes unseren Standort in Cham, die anderen sieben Standorte werden dann per Ende September geschlossen», so von Czapiewski.

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Zudem sei bereits früh im Betrieb Kurzarbeit eingeführt worden. Auch aktuell leiste noch immer ein grosser Teil der Belegschaft Kurzarbeit.

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Unterstützt politische Forderungen

Zu den ausbleibenden Buchungen kam bei vielen Reisebüros seit der Krise noch hinzu, dass Partner wie die Airlines stornierte Reisen nicht zurückbezahlten. Vor allem die Swiss wurde wegen ausstehender Zahlungen in der Branche stark kritisiert.

Bei Tui drücken ausstehende Rückerstattungsbeträge der Swiss derzeit allerdings fast nicht mehr auf die Liquidität: «Wir haben von der Swiss zwar noch nicht alles zurückerhalten, aber der Erstattungsprozess läuft.»

Auch Tui Suisse selbst schuldet seinen Kunden nur noch wenige Rückerstattungsbeträge. «Wir haben fast alle ausstehenden Beträge von Stornierungen in der Zwischenzeit an unsere Kunden zurückbezahlt.» Dass der Bund den Rechtsstillstand bis Ende Jahr verlängerte, habe auf Tui Suisse deshalb keinen grossen Einfluss, sagte von Czapiewski.

Man unterstütze aber die Forderungen des Schweizer Reiseverbands SRV. Dieser verlangt vom Bund finanzielle Hilfen für die Reisebürobranche. «Ich kann gut nachvollziehen, dass es die Notwendigkeit gibt, zum Beispiel den Inhabern von Reisebüros Kurzarbeitsentschädigung zu zahlen.»

Positive Zukunft

Längerfristig sieht von Czapiewski für die Branche wieder eine positive Zukunft. Die Menschen wollten reisen, auch wenn das Reisen künftig wohl anders aussehen werde wie bisher - zum Beispiel wegen der Schutzkonzepte.

Bei Tui habe man ausserdem diverse Lehren aus der Krise gezogen. Beispielsweise habe man das Buchungsfenster für die kommende Sommersaison, die bis am 31. Oktober 2021 dauert, schon viel früher geöffnet, damit die Kunden ihre Reisen auch auf das nächste Jahr verschieben konnten. Dieses frühere Buchungsfreigabe werde auch in Zukunft fortgeführt, so von Czapiewski.

Zudem habe man die Reisen sehr flexibel gestaltet, so dass Reisen im Falle einer Stornierung sehr einfach und schnell umgebucht werden könnten. Auch eine Coronaversicherung soll bei allen Buchungen bis Ende Jahr integriert werden. Diese garantiere etwa die medizinische Versorgung von Erkrankten vor Ort und die Rückreise der Angehörigen.

«Die Krise hilft uns auch, uns als Unternehmen weiterentwickeln», so von Czapiewski. Tui Suisse werde nun vor allem die Digitalisierung vorantreiben. Drei Geschäftsstellen wurden bereits umgebaut und als Concept Stores mit digitalen Beratungsangeboten ergänzt.

(awp/tdr)