Frau Wünsche, Sie sind die Erste Solistin des Ballett Zürich. Ist das ein grosser Druck?
Ob Sie die Erste Solistin oder eine Tänzerin in der Gruppe sind, der Druck ist immer gleich. Es spielt keine Rolle, auf welcher Stufe man steht. Hierarchien spielen bei uns keine grosse Rolle, wir wollen einfach das Beste geben.

Wenn Sie längere Zeit nicht performen, werden Sie dann abberufen wie ein CEO?
So weit kommt es gar nicht. Nach jeder Vorstellung gibt es eine Nachbesprechung und Korrekturen. Ausserdem tanzt man ja nicht nur an den Vorstellungen. Auch dazwischen wird weiter geprobt und Kritiken werden konkretisiert. Wenn es wirklich mal daneben war, dann gibt es ein persönliches Gespräch mit dem Chef.

Ein hartes Regime?
Zumindest der Druck steigt. Die Zeit bis zur nächsten Vorstellung ist dann viel intensiver.

Wenn alles gut gelaufen ist, wird man faul?
Das ist tatsächlich eine Gefahr. Der Mensch neigt zur Gemütlichkeit. Sobald es gut läuft, ruht man sich auf seinen Lorbeeren aus. Genau deshalb proben wir gleich nach der Vorstellung weiter.

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Ist die finanzielle Absicherung für Sie ein Thema als Künstlerin? Halten Sie zum Beispiel Wertpapiere?
Ich glaube nicht (lacht). Aber ich habe eine Vorsorgeversicherung abgeschlossen, da sind Wertschriften enthalten, und in der Schweiz zahle ich in die Säule 3a ein. Meine Steuererklärung mache ich auch selber, das geht ganz unkompliziert übers Internet. Ansonsten bin ich eine ganz normale Bankkundin und nicht etwa bei einer Privatbank, um mein Vermögen zu verwalten.

Gibt es etwas, das Ihnen als Tänzerin verboten ist?
Es gibt schon gewisse Vertragsklauseln. Ich muss verantwortungsbewusst mit risikoreichen Sportarten umgehen, so steht es in meinem Vertrag. Auf gut Deutsch heisst das, dass ich nicht Ski fahren darf, kein Motorradfahren, kein Wakeboarding. Dabei ist, wie ich gehört habe, statistisch gesehen Wandern die gefährlichste Sportart (lacht).

Was passiert, wenn Sie dagegen verstossen?
Sanktionen gibt es bei uns in diesem Sinne nicht. Es kann sein, dass es künstlerisch nicht mehr stimmt. Die Mindestlaufzeit eines Vertrages ist ein Dreivierteljahr, von Saison zu Saison. Das entspricht auch der Kündigungsfrist in meinem Vertrag.

Wo waren Sie, bevor Sie in die Schweiz kamen?
Ich war schon in Stuttgart Erste Solistin. Mit meinem Wechsel nach Zürich habe ich die Position der Erste Solistin behalten können. Die Position wurde hier in den vergangenen Jahren neu geschaffen.

Verraten Sie uns Ihren Lohn?
Ich verdiene genug.

Die Künstlerin

Name: Katja Wünsche
Funktion: Erste Solistin, Ballett Zürich
Alter: 37
Wohnort: Zürich
Ausbildung: Staatliche Ballettschule Berlin

Das Opernhaus Zürich

Die Gesamtauslastung konnte 2017/18 von 85 auf 90 Prozent gesteigert werden. Der Gewinn: Plus 44 Prozent auf 159 000 Franken. Das Ballett Zürich erreichte hier einen Spitzenwert von 98 Prozent. 2016/17 waren es 90 Prozent.

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Kommen Sie gut über die Runden oder brauchen Sie noch einen Nebenjob?
Ich kann gut davon leben. Ich bin Angestellte, versichert und erhalte einen 13. Monatslohn. Aber es gibt viele freie Tänzer, die sich mit Nebenjobs über Wasser halten müssen, zum Beispiel mit dem Unterricht von Pilates, Yoga und in verwandten Sportarten.

Sehen Sie sich mehr als Künstlerin oder mehr als Sportlerin?
Mehr als Künstlerin. Eine Vorstellung kann nicht so einfach mit Punkten bewertet werden. Bei einem Rennen im Sport ist das einfacher, da gewinnt der Schnellste.

Sind Sie speziell versichert? Immerhin ist Ihr Körper Ihr Kapital.
Nein, leider nicht. Das ist für die Versicherungen ein viel zu hohes Risiko. Niemand versichert unsere Füsse. Aber klar ist, wenn die Beine nicht mehr mitmachen, ist die Karriere zu Ende. Das ist nicht wie bei Fussballern, die noch eine Menge andere Verträge haben. Letztes Jahr bin ich mit der üblichen Unfallversicherung ausgekommen. Ich war länger verletzt, die Versicherung hat meinen Lohn fortgezahlt und sämtliche Arzt- und Therapiekosten übernommen.

Spitzensportler wie Fussballer haben riesige Betreuerteams, vom Mentalcoach bis zum persönlichen Masseur. Sie auch?
Das nun nicht. Wir haben für 50 Leute in der Company zwei Physiotherapeuten, welche vier Mal pro Woche am Nachmittag kommen. Es reicht leider nicht immer für einen Termin für alle, dann kümmere ich mich privat darum.

Was bräuchte es noch?
In London zum Beispiel gibt es mehrere Physiotherapeuten, Sporttherapeuten und auch einen Mental Coach, eine Ernährungsberaterin, einen Pilates-Trainer, ein Dutzend Leute, um zu stärken, zu trainieren und Verletzungen auszukurieren.

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In der Schweiz sind die Subventionen niedriger als an anderen Häusern, die oft staatlich finanziert werden. Dementsprechend sind in der Schweiz die Ticketpreise höher. Finden Sie das gut?
Von der Stadt bekommen wir zu 63 Prozent Subventionen. Und daran sind Bedingungen geknüpft. Die anderen 37 Prozent müssen wir über den Ticketverkauf einspielen. Das ist im internationalen Vergleich immer noch sehr gut. In die Preispolitik sind wir aber nicht eingebunden. Dafür haben wir unseren Company-Sprecher, der in engem Kontakt mit dem Ballettdirektor steht.

Die Auslastung war in der letzten Spielzeit rekordhoch. Steigern höhere Preise die Wertschätzung durch das Publikum?
Das ist eine bei uns viel diskutierte Frage. Die Billets sind zwar teuer, aber die Leute schätzen, was sie zu sehen bekommen. Und wir werden auch darauf hingewiesen, dass die Karten ihren Preis haben und wir dafür Qualität liefern müssen. Für die Preise sind letztlich die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat zuständig.

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Wie nehmen Sie als Tänzerin Wirtschaft und Politik wahr?
Das geht nicht spurlos an mir vorüber. Die Börsennachrichten höre ich mir an. Um mich darin zu vertiefen, fehlt mir aber die Zeit. Ich höre immer, dass alles teurer oder gekürzt wird. Soziales und Ökologisches kommt zu kurz, finde ich.

Was heisst das für Sie?
Ich kaufe, so gut es geht, lokal und saisonal, lieber die Kartoffel aus der Schweiz als die aus Ägypten. Und ich versuche, nicht zu viele Kilometer zu fliegen, sondern nachhaltig zu reisen. Ich bin lieber mit der Bahn, dem Schiff und dem Fahrrad unterwegs.

Sie haben auch Gastauftritte im Ausland. Wenn Sie in Russland auftreten, plagen Sie dann die politischen Konflikte?
Ich mache mir da schon Gedanken. Zum Beispiel sind einige meiner Kollegen homosexuell, das ist in Russland ein Tabu. Es ist nicht so angenehm, wenn das Land so eine restriktive Politik verfolgt. Aber abgesagt wird eine Vorstellung deswegen nicht. Wir gehen am Ende als Künstler hin, über Sanktionen entscheiden nicht wir.

Würden Sie ein Angebot aus Saudi-Arabien annehmen? Hartes Regime, diskriminierende Frauenpolitik, Auftragsmord an einem Journalisten …
Darüber müsste ich nachdenken.

Und wenn Trump im Publikum sitzt, bleiben Sie draussen?
Nein, weil noch ganz viele andere Leute im Publikum sitzen, die sich auf einen schönen Abend freuen. Für mich macht es keinen Unterschied, ob auch ein Bundesrat oder ein Staatschef im Publikum sitzen.

Was machen Sie nach dem Ende Ihrer Ballettkarriere?
Das beschäftigt mich schon seit längerem und ist ein laufender Prozess. Die Ballettausbildung beginnt schon in sehr jungen Jahren. Ich war zehn Jahre alt, als ich damit angefangen habe. Seitdem habe ich mich nur noch darauf konzentriert. In meiner Schulausbildung gab es damals nur einen Realschulabschluss und dann noch einen Berufsschulabschluss. Mittlerweile gibt es in Berlin auch die Möglichkeit, Abitur zu machen und einen Bachelor. Damit hat man heute bessere Möglichkeiten, auch nach dem Tanzen eine berufliche Zukunft zu haben.

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Was sind die Stärken, die Sie für Ihre weitere Karriere aus dem Ballett mitnehmen?
Als Tänzerin ist man sehr diszipliniert, belastbar und selbstkritisch, man muss sich kurzfristig in neuen Situationen zurechtfinden können. Ich würde mich als sehr pragmatisch und rational bezeichnen, kann aber auch gut auf Menschen zugehen. Eine Möglichkeit wäre, als Ballettmeisterin oder Ballettlehrerin beim Ballett zu bleiben, Choreografen zu helfen und beim Training. Ausserdem habe ich in meiner Position bereits einige Verantwortung. Es geht um den Zusammenhalt des Teams, darauf schaue ich sehr. Es kann aber auch etwas völlig anderes abseits des Balletts sein, ich bin offen für Neues.