Ein Bilderbuchstart sieht anders aus. Mit 300'000 Dollar lagen die Umsätze für Aduhelm in den ersten drei Monaten seit der Zulassung um ein Vielfaches unter den Erwartungen. An der Wall Street waren die Analysten von Umsätzen in der Höhe von 14 Millionen Dollar für die ersten drei Monate ausgegangen.

Das von Biogen und dem Zürcher Startup Neurimmune entwickelte Alzheimer-Medikament ist das erste, das in den Verlauf der Krankheit eingreift. Es wurde im Juni von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA in einer der umstrittensten Entscheidungen ihrer Geschichte zugelassen. Die Zulassung erfolgte, obwohl der Beweis nicht abschliessend erbracht werden konnte, dass der Wirkstoff nicht nur die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten reduziert, sondern auch mit einem klinischen Benefit für die Patienten und Patientinnen verbunden ist.

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Enttäuscht, aber nicht panisch

Das Unternehmen sei «natürlich enttäuscht mit dem langsamen Start in den USA», sagte Biogen-CEO Michel Vounatsos in einem Call mit Analysten diese Woche. Trotzdem sei er nicht panisch. Das Unternehmen habe «kontinuierliche Fortschritte» bei entscheidenden Eckdaten gemacht, doch das Gesundheitssystem bleibe ein Flaschenhals. 

Die Valoren von Biogen zogen am Mittwoch nach der Publikation der Ergebnisse leicht an; ein Hinweis darauf, dass die Investoren von noch schlechteren Zahlen ausgegangen waren. Zur Zeit liegt der Aktienpreis bei 266 Dollar. Das ist nur noch unwesentlich höher als vor dem Entscheid der FDA im Juni. Zwischendurch lag er bei mehr als 400 Dollar.

56'000 Dollar: Hat Biogen den Preis zu hoch angesetzt?

Hauptgrund für den schleppenden Start dürfte der Preis sein. Der Listenpreis für die Behandlung mit Aduhelm liegt bei 56'000 Dollar pro Jahr und Patient. Viele Ärzte und Ärztinnen warten noch zu, bis umfassendere Daten vorliegen. Zudem steht die Entscheidung noch aus, ob und in welchem Umfang Medicaire für die Behandlung mit Aduhelm aufkommen wird. Medicaire ist die öffentliche Krankenversicherung in den USA. Mit einer Entscheidung wird erst nächsten Frühling gerechnet.

Das Biogen-Management hatte bei der Preisfestsetzung eine Gratwanderung zu gehen. Auf der einen Seite stand das Interesse der Patienten und Patientinnen, das Medikament möglichst breit zu einem erschwinglichen Preis zur Verfügung zu stehen. 

Auch Lilly und Roche sind am Start

Auf der anderen Seite steht das Unternehmen Biogen unter Erfolgsdruck. Die Umsätze mit Mitteln gegen Multiple Sklerose, dem Hauptgeschäft des einst in der Schweiz gegründeten Unternehmens, gehen zurück. Die Patente für Tecifdera, mit dem Biogen im vergangenen Jahr 3,84 Milliarden Dollar Umsatz machte, laufen in nächster Zeit aus. Zudem zählt MS zu den am härtesten umkämpften Indikationen. In den vergangenen Jahren haben mehrere Pharmakonzerne, darunter auch Roche und Novartis, neue MS-Medikamente auf den Markt gebracht. 

Und auch bei Spinraza, einem Medikament gegen Spinale Muskelatrophie (SMA), eine verheerende, genetisch bedingte neurologische Erkrankung, gibt es inzwischen Konkurrenz. Novartis ist mit der Gentherapie  Zolgensma auf dem Markt, Roche hat Evrysdi am Start, einem Medikament, das oral eingenommen werden kann.

Dazu kommt, dass die Lancierung eines neues Medikaments eine Menge kostet. Biogen selbst rechnet für diese Jahr mit Kosten von 500 Millionen Dolla für die Vermarktung von Aduhelm; 150 Millionen Dollar kommen vom japanischen Pharmakonzern Eisai, der mit 45 Prozent an Biogen beteiligt ist.

Gleichzeitig drängt die Zeit. Denn die Konkurrenz ist im Anmarsch. Inzwischen haben der amerikanische Pharmakonzern Lilly und die Basler Roche beschleunigte Zulassungen für ihre Alzheimer-Kandidaten bekommen. Die Geschichte der neuen Alzheimer-Medikamente hat erst gerade begonnen.