Wenn der Drache hustet, erzittert die Welt. Wie eng die globale Finanzwelt mit der wirtschaftlichen Achterbahnfahrt in China verbunden ist, hat sich an diesem Mittwoch mit besonderer Klarheit gezeigt: Nachdem die Zentralbank den Yuan den zweiten Tag in Folge tiefer festsetzte, reagierten die Börsen weltweit mit kräftigen Verlusten.

Der bedeutendste Schweizer Aktienindex SMI büsste bis Börsenschluss über 2,5 Prozent ein. Es war der grösste Verlust seit dem 16. Januar, dem Tag nachdem die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufgegeben hatte. Andere europäische Handelsplätze verloren teils deutlich über 3 Prozent. Und dies, nachdem bereits die erste Abwertung Pekings am Dienstag die Aktienmärkte massiv hatte tauchen lassen.

Abschwächung des Yuan stärkt Exporteure

Primärer Auslöser für die radikale Massnahme der chinesischen Zentralbank waren erschreckend schwache Handelszahlen. Im Juli waren die Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8,3 Prozent eingebrochen. Mit der Verbilligung der Währung will Peking den heimischen exportorientierten Firmen unter die Arme greifen. Dank einem schwächeren Yuan können sie ihre Produkte leichter im Ausland verkaufen.

Das Problem: Immer wieder kritisierten vor allem konservative amerikanische Ökonomen und Politiker China in den vergangenen Jahren als Währungsmanipulator. Der Vorwurf: Mit einem schwachen Yuan wolle Peking die Hersteller im Reich der Mitte begünstigen, die Hersteller in anderen Länder hingegen litten unter Chinas Politik. Die Vorwürfe erhalten nun neue Nahrung: Experten warnten gestern bereits von einem «Währungskrieg».

Klar sei, dass mit einer Schwächung des Yuan die Angst vor einer Exportdominanz chinesischer Firmen nicht kleiner werde, sagt Susan Joho, Ökonomin bei Julius Bär. Bezeichnenderweise verloren neben den in China tätigen ausländischen Firmen nun auch andere exportorientierte Unternehmen aus Europa und den USA an der Börse stark. Und die US-Regierung warnte China vor einer Rückkehr zur alten Währungspolitik des künstlich tiefen Yuan. Doch ist ein Währungskrieg Chinas Ansinnen?

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China will privaten Konsum stärken

Zwar deuten die offiziellen Wachstumszahlen noch immer auf ein Wachstum von 7 Prozent in diesem Jahr – exakt dieses Ziel verfolgt die Zentralregierung in Peking. Doch unter der Oberfläche brodelt es. In China finden derzeit Umwälzungen mit beispiellosen Dimensionen statt. Eigentlich will Peking sogar von der Exportabhängigkeit und der hohen Investitionstätigkeit wegkommen und stärker auf den privaten Konsum setzen. Die Chinesen selbst sollen mit ihren Ausgaben die Wirtschaft voranbringen und so für mehr Ausgewogenheit beim Wachstum sorgen. 

Doch der Umbau einer Volkswirtschaft mit 1,3 Milliarden Menschen ist mit enormen Risiken behaftet. Wegen den nun erlebten Rückschlägen sah sich Peking offenbar gezwungen zu handeln. Hinzu kommt: Immer lauter wurden in den vergangenen Wochen die Zweifel von Experten: Stimmen die vermeldeten Zahlen tatsächlich? Mit der Währungsabwertung reagierte China nun drastisch. Entsprechend nervös war die Reaktion der Börsenanleger. Die Frage steht im Raum: Ist Chinas wirtschaftliche Verfassung doch schlechter als es die offiziellen Zahlen vorgeben?

Stabiler Yuan war für die Zentralbank teuer

Währungsexperten geben sich zurückhaltend. William Dudley, der Präsident der New Yorker Notenbank-Filiale, zeigte gegenüber der Agentur Reuters gewisses Verständnis für den Schritt. Die Abwertung sei möglicherweise «nicht unangemessen», so Dudley. «Es ist noch sehr früh, um zu urteilen, was in China passiert hinsichtlich Veränderungen ihrer Währungspolitik.»

«Der Zeitpunkt mag vielleicht nicht besonders klug erscheinen», sagt Ökonomin Joho. «Doch letztlich sprachen in China einige Gründe für eine Abwertung.» So sei etwa die Wechselkursfixierung gegenüber dem Dollar in letzter Zeit sehr teuer geworden. Wie die Schweizerische Nationalbank mit dem Euro-Mindestkurs habe auch die chinesische Zentralbank an den Devisenmärkten intervenieren müssen, um mit dem steigenden Dollar mitzuziehen. Die Folge war ein Rückgang der Währungsreserven. Aber nur so konnte der Yuan stabil auf dem Wert von 6,20 zum Dollar gehalten werden.

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IWF reagierte positiv

Und es gibt noch einen weiteren Ansporn für China von der engen Dollarbindung wegzukommen. Erst kürzlich hat sich das Land um die Aufnahme in den wichtigen Währungskorb der Sonderziehungsrechte (SZR) des Internationalen Währungsfonds (IWF) beworben. «Doch der Entscheid wurde wegen dem gesteuerten Wechselkurs auf später verschoben», sagt Joho. Die chinesische Zentralbank habe deshalb bei der Abwertung vom Dienstag mitgeteilt, dass man künftig den Schlusskurs des Vortages und weitere Wirtschaftsdaten in die Fixierung einfliessen lassen wolle.

Der IWF hat deshalb positiv auf den Schritt hin zu einer freieren Währung reagiert. Die Massnahme wurde als «willkommener Schritt» zu einer grösseren Flexibilität begrüsst. Tatsächlich könne Chinas neuer Kurs auch als Liberalisierung gesehen werden, sagt Joho. «Der Yuan sollte damit künftig weniger stark von politischen Überlegungen gesteuert sein.» Weniger positiv werten Experten dagegen die «aggressive und unberechenbare» Vorgehensweise der Chinesen, so Lei Mao, Finanzprofessor an der Warwick Business School in England.

Tendenz in Richtung Abschwächung

Bleibt die chinesische Zentralbank dem Versprechen eines freieren Kurses treu, dürfte die Abwertung allerdings noch weitergehen, glauben die Experten von Julius Bär. Sie sehen einen Kurs von 6,80 Yuan pro Dollar, als durchaus möglich an. Wo genau sich der Yuan einpendeln wird, sei jedoch momentan sehr schwer zu sagen. Dies werde sich wohl erst über die nächsten Wochen zeigen. Die Tendenz ist indes klar. Auch am Donnerstag schwächte sich die Währung wieder ab.

Experte Craig Erlam vom Währungshändler Oanda stellte gegenüber der Agentur Reuters jedenfalls bereits die US-Zinswende in Frage: Sie könnte sich wegen der Abwertung des Yuan ins kommende Jahr verschieben.

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