China will die weltweite Führung in der Entwicklung neuer Agrar-Technologien zur Veränderung der Pflanzen-DNA übernehmen – ein Bereich, der bisher von den USA dominiert wurde. Amerikanische Landwirte, Agrarindustrie und -forschung sind alarmiert, wie das «Wall Street Journal» berichtet.

Der Saatgut- und Chemiegigant Syngenta, seit 2017 im Besitz des chinesischen Staatskonzerns ChemChina, baut Peking als Zentrum zur Entwicklung modernster Gentechnologien aus. Mit den neuen Verfahren, vor allem die sogenannte Crispr-Technik, lässt sich das Erbgut von Pflanzen und Tieren verändern – sogenanntes Gen-Editing.

Das Schweizer Unternehmen investiert nun zweistellige Millionenbeträge in die Forschung der neuen Technologien in Peking, wo das Unternehmen laut «Wall Street Journal» rund 50 Mitarbeiter beschäftigt. Konkurrenten wie Monsanto und DowDuPont konzentrieren ihre Genforschung hingegen in den USA

Syngenta will auch auf die Forschung chinesischer Universitäten und auf einen grösseren Talentpool zurückgreifen, um sich gegenüber Wettbewerbern wie Monsanto und DowDuPont in den USA einen Vorteil zu verschaffen.

Laut dem «Wall Street Journal» befürchten die USA von China in der Agrarforschung abgehängt zu werden und eine grössere Abhängigkeit der US-Produzenten von der chinesischen Technologie. Denn Crispr und weitere neuartige Techniken machen die Manipulation von Pflanzengenen schneller und kostengünstiger als die bisherigen Genverfahren, die im Mais- und Sojabohnenanbau in den USA eingesetzt werden.

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Fehlende Regulierung

Einem Syngenta-Sprecher zufolge will das Unternehmen alle in Peking entwickelten Pflanzen weltweit vermarkten. Unklar ist, wie die Pflanzen beispielsweise in der Schweiz oder Europa auf den Markt kommen sollen, wo Gen-Editing noch nicht gesetzlich geregelt ist.

Bei der bisher eingesetzten Gentechnik werden Gene aus Bakterien, Viren oder anderen Pflanzenarten hinzugefügt, um Pflanzen zu erzeugen, die Herbiziden widerstehen oder Insekten abwehren können. Mit den neueren Gen-Editing-Technik können Wissenschaftler das Genom eines Organismus verändern, ohne fremde DNA hinzuzufügen. Und damit auch die bestehende Regulierung der Gentechnik umgehen, denn in vielen Ländern streitet sich die Politik noch darüber, ob gen-editiert auch gentechnisch verändert bedeutet.

In den USA beispielsweise entschieden die US-Behörden im März, dass gen-editierte Pflanzen nicht unter die Gentechnik-Bestimmungen fallen, weil sie auch unter natürlichen Bestimmungen hätten entstehen können. Damit dürfen US-Landwirte solche Pflanzen ohne Auflagen anbauen und verkaufen.

In der EU hingegen wurde darüber noch nicht entschieden. Seit Jahren herrscht Unklarheit, ob gen-editierte Organismen als gentechnisch verändert einzuordnen und damit in der EU verboten sind. In den kommenden Monaten wird der Europäische Gerichtshof darüber entscheiden.

Das Urteil aus Luxemburg wird wohl auch die Schweizer Politik abwarten. Denn hierzulande ist das vor einigen Jahren entwickelte Genom-Editing ebenfalls noch nicht gesetzlich geregelt. Bundesrat und Parlament streiten sich seit mehreren Jahren über den Anbau gentechnisch veränderter Lebensmittel.

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Bisher wurden die Vorstösse des Bundesrats immer wieder vom Parlament blockiert – bis 2021 gilt ein Moratorium für den kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. Wenn das Genom-Editing-Verfahren dem Gentechnikgesetz unterstellt wird, würde es unter das Gentechnik-Moratorium fallen. Falls das Landwirtschaftsgesetz gilt, dürften solche Pflanzen gemäss den üblichen Vorschriften für Kultursorten angebaut und verkauft werden. 

Grössere Flexibiliät in China

Während China den Anbau früherer Versionen gentechnisch veränderter Pflanzen weitgehend verboten hat, erwarten einige Experten, dass die neuen Gen-Editing-Techniken dort weniger streng reguliert werden.

Mit der Übernahme durch ChemChina haben sich also die Türen für Syngenta in China geöffnet. So denkt Syngenta-Chef Erik Fyrwald nach Informationen des «Wall Street Journal» etwa über den Kauf von chinesischen Saatgut- und Pestizidherstellern nach, um dort weitere Produkte auf den Markt zu bringen.

Schliesslich schläft auch die Konkurrenz nicht: Neben Syngenta haben andere Saatguthersteller Zertifikate für neue genverändernde Techniken gekauft und arbeiten an ersten Pflanzen. Die US-Konzerne Monsanto und DowDuPont wollen beispielsweise bis 2021 mit Crispr editierte Pflanzen auf den Markt bringen.

Beide investieren massiv in die Genaufbereitung für Grosskulturen wie Mais und bemühen sich, die öffentliche Akzeptanz für die daraus gewonnenen Lebensmittel zu gewinnen. Skeptiker sagen, dass die neue Technologie mögliche Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt darstellt.