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Interview
WIR-Chef Wiggli: «Wir haben einen Boden gefunden»

Hauptsitz der WIR-Bank in Basel

Blick auf die WIR-Bank: Ihr Chef arbeitet daran, dass das Geschäft jenseits der WIR-Währung stärker wahrgenommen wird.

Quelle: ZVG

Der Umsatz der WIR-Bank mit ihrer KMU-Währung sinkt. Firmenchef Wiggli sieht darin ein Wahrnehmungsproblem - das Ergebnis sei solide.

Von Michael Heim
am 26.09.2018

Herr Wiggli, unsere Berichterstattung über das Geschäft mit der Parallelwährung WIR hat Verunsicherung ausgelöst. Wir berichteten, dass Ihre WIR-Umsätze um einen Drittel eingebrochen sind und der WIR unter Kurs gehandelt wird. Nun gibt es Kunden, die sich um die Stabilität der Bank sorgen. Kennen Ihre eigenen Kunden den Unterschied zwischen der Bank und ihrem Parallelwährungs-System nicht?
Das gibt es sicher. Nicht jeder in der Bevölkerung hat wahrgenommen, dass wir auch wie eine ganz normale Bank agieren. Daran arbeiten wir. Beispielsweise mit Produkten im Spar- und Vorsorgebereich, die punkto Konditionen schweizweit an der Spitze stehen. Und betreffend Ihre Fragestellung noch eine Korrektur zum WIR-Umsatz: Dieser ist nicht um ein Drittel, sondern um ein Viertel rückläufig. Unsere Angabe war da nicht ganz korrekt.  

Während das WIR-Geschäft schrumpft, konnten Sie in den letzten Jahren im normalen Franken-Bankgeschäft wachsen. Dass wir das mit dem Stichwort «Hoffnungsschimmer» überschrieben haben, hat Ihnen nicht gefallen.
Nein. Auslöser für die Berichterstattung waren ja unsere Halbjahreszahlen, in denen wir notabene einen Gewinn von knapp 10 Millionen Franken ausgewiesen haben. Wir sind mit hoher Liquidität ausgestattet, grundsolide finanziert – und folglich alles andere als in Schieflage. Wir werden als gesamtes Unternehmen noch zu oft aufs WIR-Geschäft reduziert, und das enttäuscht uns. Folgende Zahlen untermauern dies: 1998 waren noch 71 Prozent unserer Bilanz in WIR. Und 77,5 Prozent der Erträge. Ende 2017 standen noch 14 Prozent WIR-Anteil in der Bilanz und noch lediglich 25 Prozent der Bruttoerträge aus dem WIR-Geschäft. Hier wird unsere Diversifikationsstrategie mit dem sukzessiven Ausbau des Schweizerfranken-Geschäfts sichtbar.

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Was bleibt, wenn man den WIR-Teil wegnimmt? Sind Sie dann eine normale Regionalbank?
Wir sind eine schweizweit tätige Genossenschaftsbank für Firmenkunden, aber auch für Private. Wir bieten gute Beratung für KMU-Kunden, vor allem bei Finanzierungslösungen – und wir stellen das WIR-KMU-Netzwerk zur Verfügung. Bei den privaten Kunden positionieren wir uns vor allem über Sparen und Vorsorgen – und bieten zudem ebenfalls Finanzierungslösungen an.

Sie haben Anfang Jahr mit VIAC eine interessante App für die intelligente Verwaltung von Dritte-Säule-Geldern lanciert. Wie erfolgreich waren Sie damit?
Wir haben mit VIAC heute 4600 Kunden, wovon 4300 neu zur Bank gekommen sind. Wir verwalten 55 Millionen Franken und liegen damit beim Doppelten dessen, was wir budgetiert hatten. Ende Jahr werden es wohl 75 Millionen Franken oder mehr sein. Und das schönste: Nach einem Jahr sind wir operativ schon in den schwarzen Zahlen, wir haben einen positiven Deckungsbeitrag.
 

Germann Wiggli, CEO WIR-Bank

Germann Wiggli ist Chef der WIR-Bank. Kommenden Frühling übergibt er dieses Amt an Bruno Stiegeler.

Quelle: ZVG

Gibt es Pläne, diesen Fintech-Ansatz auf die übrige Kontobeziehung auszubreiten?
Natürlich macht man sich solche Gedanken, aber vorher wollen wir noch andere Features innerhalb von VIAC lancieren. Etwa eine Desktop-Lösung und die Ausweitung auf Freizügigkeitsleistungen. Weiteres ist geplant, da verraten wir aber noch nicht mehr.

VIAC ist online, ist eine Direktlösung. Bietet sich diese Strategie für die WIR-Bank speziell an? Sie haben ja nicht viele Filialen.
An der Digitalisierung kommt niemand vorbei. Wir haben das früh erkannt. Im WIR-Bereich sind wir schon lange digital unterwegs. Mit WIR Pay können Sie digital in zwei Währungen gleichzeitig bezahlen – das ist weltweit einzigartig. Ich kann Ihnen in Sekundenschnelle eine Überweisung in beliebiger Betragshöhe machen, nur mit Ihrer Mobilenummer. Mit dieser Lösung waren wir beispielsweise noch vor Twint im Markt.

Wie sehr trennen Sie das Frankengeschäft und das WIR-Geschäft? Soll der Retailkunde auch WIR-Teilnehmer werden?
Das ist heute noch nicht so. Dafür bräuchte es Anpassungen bei den Statuten. Der Retailkunde kann WIR-Kunde werden, wenn er bei einem Arbeitgeber arbeitet, der Teil des WIR-Netzwerks ist.

Wollen Sie diese beiden Bereiche stärker trennen oder weniger stark?
Wir haben die Dachmarke WIR, da ist keine stärkere Trennung vorgesehen. Aber es braucht vielleicht noch Korrekturen an der Strategie. Wir sagten uns, wir wollen vor allem WIR-Fans als Kunden. Überzeugte Teilnehmer. Da sind wir noch nicht am Ziel, das braucht ein paar Jahre.
 

«Früher fuhr man markant günstiger, wenn man einen Kredit in WIR aufnahm. Die Notenbanken kopieren heute das System WIR.»

Germann Wiggli, CEO WIR-Bank

Ist denn jetzt alles gut? Ich wollte vor dem Gespräch nachschauen, wie viele Teilnehmer ihr WIR-Market hat. Seit kurzem finde ich diese Zahl nicht mehr online. Weil sie zu tief geworden ist?
Nein. Es sind rund 30‘000 KMU und etwa 12‘000 Private, die ein sogenanntes Arbeitnehmerkonto haben – bei diesen Zahlen haben wir  einen Boden gefunden. Zugegeben: Der Start nach unserer grossen Modernisierung im November 2016 war harzig. Vermutlich haben wir damals das Fuder mit einem komplett neuen Markenauftritt, mit neuen digitalen Produkten und Dienstleistungen sowie den Regeländerungen auch etwas überladen. Das wurde ausgenutzt von Firmen, die gegen uns Stimmung gemacht haben. Aber die Mehrzahl der Kunden, die uns verlassen haben, waren schon lange inaktiv.

Wäre eine WIR-Bank ohne WIR-Geschäft denkbar?
Denkbar ist vieles. Sie sehen ja, dass wir nicht mehr so stark davon abhängig sind wie noch vor Jahren. Aber wir haben nicht vor, das WIR-Geschäft aufzugeben.

Wäre es nicht sinnvoll, das Retailgeschäft ohne WIR-Bezug unter einer anderen Marke laufen zu lassen? So wie bei VIAC?
Beim Produktnamen haben wir es ja getan. Aber wenn wir die beiden Bereiche völlig trennen würden, bräuchten wir am Ende zwei separate Bankbewilligungen. Das ist nur noch teuer und macht keinen Sinn.

VIAC als Retail-Marke für Sparkonten, Vorsorge und Hypotheken? Und Lohnkonten?
Das ist absolut denkbar. Aber wir haben nicht vor, den grossen Angriff auf den Markt für Lohnkonten zu fahren. Das ist nicht interessant für uns.

Sie sehen sich als Nischenbank, aber nicht als Vollversorger?
Der Privatkunde kann bei uns alles haben – bis hin zum Online-Zahlungsverkehr und Debitkarten. Aber das ist nicht, worüber wir uns positionieren wollen. Wir sehen die Chancen beispielsweise in Vorsorgeprodukten.

Auch Lebensversicherungen?
Versicherungslösungen sind absolut denkbar – und noch mehr.
 

«Der WIR-Handel ausserhalb des Netzwerks verstösst gegen die AGB. Und das ist nicht im Sinne des Erfinders.»

Germann Wiggli, CEO WIR-Bank

Zurück zum WIR: Die Revisionsgesellschaft PWC sagt klar, dass ein Kunde, der nicht nachweisen kann, dass er WIR mit einer Bewertung von 1:1 ausgeben kann, diese nur mit Abschlag in den Büchern führen darf. PWC hat nie beanstandet, falsch zitiert worden zu sein. Oder streiten Sie ab, dass das stimmt?
Ich kann nicht sagen, wie PWC das sieht. Aber es stimmt: WIR werden unter Forderungen bilanziert, und da machen KMU meistens eine Rückstellung von 10 Prozent.

Es geht hier nicht um das Ausfallrisiko von Forderungen, denn die WIR-Forderung gegenüber der WIR-Bank kann man überhaupt nicht geltend machen. Sie bezahlen WIR ja nicht in Franken aus. Hier geht es um etwas anderes: Es geht um die Tatsache, dass der WIR am freien Markt eine tiefere Bewertung hat als der von Ihnen vorgeschriebene 1:1-Kurs.
Es gibt doch gar keinen Markt.

Natürlich gibt es einen Markt. Wenn es Unternehmer gibt, die WIR-Geschäfte vermitteln und dazu den WIR-Kurs zugrunde legen, bei dem auf beiden Seiten ein Geschäft zustande kommt, ist das ein Markt. Und dieser Markt kennt einen Preis von zirka 60 Prozent.
Der WIR-Handel ausserhalb des Netzwerks verstösst gegen die AGB. Und das ist nicht im Sinne des Erfinders. In der überwiegenden Mehrzahl kommt WIR 1:1 zum Schweizerfranken zum Einsatz. Ganz wichtig: Wir raten unseren Teilnehmern, immer nur so viel WIR zu akzeptieren, wie sie wieder ausgeben können. Die Systemungerechtigkeiten wollten wir mit unseren Regeländerungen 2016 verhindern. Wir hatten zuvor zwei Welten: Die der stillen Teilnehmer und die der offiziellen WIR-Teilnehmer. Die einen waren sehr positiv zum WIR eingestellt und die anderen waren Mitläufer, Profiteure im Hintergrund.

Weshalb schadet Ihnen ein Kunde, der im Stillen bleiben will und nur ein oder zwei Mal pro Jahr WIR annimmt?
Auch heute noch kann ein Kunde eine Mindestannahme von 0 Prozent deklarieren, wenn er trotzdem einen jährlichen Mindestumsatz erreicht.

Aber was ist so schlimm daran, wenn einer diese Mindestschwelle nicht erreicht?
Gar nichts. Dann gelten Annahmesätze zwischen 3 und 100 Prozent, bis maximal 5000 WIR pro Geschäftsabschluss. Und selbstverständlich steht es beiden Vertragsparteien immer frei, einen tieferen oder höheren WIR-Anteil individuell zu vereinbaren.

Sie haben sich die Kritiker vom Hals geschafft.
Diese Formulierung lasse ich nicht gelten: Wir haben alle eingeladen, mitzumachen und das System aktiv und fair zu nutzen. Zu dieser Unfairness gehören auch Produkte, die in WIR zu überteuerten Preisen angeboten wurden. Das bringt eine schlechte Reputation – da suchen wir mit den involvierten Parteien konsequent den Dialog.

Sie sagen selbst, dass Produkte in WIR zu überhöhten Preisen angeboten werden, weil die WIR anschliessend mit Discount in Franken getauscht werden. Haben Sie das gleiche Problem wie Venezuela? Es gibt einen offiziellen Wechselkurs und einen inoffiziellen. Und dazwischen klafft eine grosse Lücke.
Es sind Vereinzelte, die WIR gegen Franken tauschen.

Das sagt die venezolanische Notenbank wohl auch.
Wir überprüfen und untersuchen, ob es Fehlbare gibt. Die mahnen wir ab. Aufgrund dessen wissen wir ja, wie viele das sind.

Aber darum geht es doch nicht. Sie tun so, als wären die Leute, die WIR gegen Franken tauschen, das Problem. Das wahre Problem ist doch, dass ich in eine Situation kommen kann, wo ich auf WIR sitze und diese nur mit Abschlag verkaufen kann.
Wir empfehlen unseren Kunden zwingend, dass sie – bevor sie WIR annehmen – abklären, wo sie diese ausgeben können. Jeder Kunde hat auch eine kostenlose Kreditlimite von 10‘000 WIR, damit er diese schon investieren kann, bevor er WIR annimmt. Zudem bieten wir unseren Kunden Überbrückungslösungen und beraten sie bei ihrem WIR-Absatz.

Aber Sie haben die Frage nach dem Wert noch nicht beantwortet. Was wäre denn das Schlimme daran, wenn man den Wechselkurs offiziell frei geben würde?
WIR ist in erster Linie eine KMU-Währung, die dadurch, dass sie nur hierzulande eingesetzt werden kann, die Schweizer Binnenwirtschaft stärken soll. Würden Sie als KMU an dem System teilnehmen, wenn Sie hören würden, der WIR ist vielleicht nur 70 oder 80 Prozent wert?

Aber wenn ich als KMU ein Geschäft in Euro oder Dollar abschliesse, habe ich doch das gleiche Problem.
Aber da können Sie sich absichern, das kann ich beim WIR nicht.

Weil Sie es nicht zulassen. Ist Ihr Kernproblem nicht, dass der WIR heute keine Vorteile mehr gegenüber dem Franken hat? In den Neunzigerjahren, als die WIR-Umsätze hoch waren, erhielt ich WIR-Kredite zu deutlich tieferen Zinssätzen als solche in Franken. Heute sind auch Frankenkredite fast gratis.
Das ist absolut richtig. In der gegenwärtigen Phase kann ein System, das nach der Freigeldtheorie funktioniert – keine Verzinsung von Guthaben und sehr tiefe Kreditzinsen – nur schwer mithalten. Früher fuhr man markant günstiger, wenn man einen Kredit in WIR aufnahm. Die Notenbanken kopieren heute das System WIR!

Die Notenbanken haben Sie sogar überholt. Ursprünglich sollte Freigeld als so genanntes Schwundgeld negativ verzinst sein. Bei der Nationalbank ist das heute tatsächlich so.
Wenn wir die KMU fragen, weshalb sie WIR annehmen, sagen sieben von zehn: das bringt mir einen Wettbewerbsvorteil. Die anderen drei sagen: Es sind die vorteilhaften Zinsen. Auch wir bieten seit zwei Jahren Hypotheken zu null Prozent an. Und im Juli haben wir sogar eine neue Mehrwert-Hypothek mit einem negativen Zins von 1,5 Prozent bei einer Laufzeit von fünf Jahren lanciert.

Wie erfolgreich ist das?
Das Produkt ist brandneu – es gibt schon erste Abschlüsse. Und wir haben die Mehrwert-Hypothek bisher kaum beworben, sondern in erster Linie unser WIR-Netzwerk darüber informiert.

Weshalb nicht?
Die WIR-Mehrwert-Hypothek ist nur für bestehende Teilnehmer des WIR-Netzwerks sinnvoll. Denn die Kunden müssen beim Objekt – Haus oder Wohnung – ja auch mindestens einen Anteil in WIR bezahlen können. Es ist nicht vorgesehen, dass wir bei neuen Kunden bestehende Franken-Hypotheken bei anderen Banken gegen WIR ablösen