Frauen mit Hochschulabschluss gibt es in der Schweiz heute genauso viele wie Männer. Von den Arbeitsstunden dieser Gruppe gehen aber «nur» 40 Prozent auf ihr Konto. Das zeigt eine Studie des Schweizerischen Verbands freier Berufe. Der Grund ist ein Klassiker: Mit der Familiengründung arbeiten viele Frauen in Teilzeit oder hören sogar vollständig auf zu arbeiten. 

Aus der Sicht der Unternehmen ist das bitter. Eine Hochschulausbildung ist teuer, und Fachkräfte werden immer knapper. Verschwinden die gut ausgebildeten Frauen vom Arbeitsmarkt, geht diese begehrte Ressource verloren. 

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Paradox ist, dass jede dritte der befragten Hochschulabgängerinnen sagte, sie würde ihr Pensum gerne aufstocken. Was also hält die Frauen davon ab, mehr zu arbeiten?

Frauen wollen geteilte Verantwortung

Die Studie versucht, Antworten zu liefern. Die hier häufig genannten Faktoren sind ebenfalls Klassiker: flexiblere Kinderbetreuung, bessere steuerliche Bedingungen für ein Zweiteinkommen, finanzielle Anreize für die Fremdbetreuung von Kindern. 

Spannend ist, bei welcher Antwort die Einschätzung von Männern und Frauen am meisten auseinanderliegen: Eine geteilte Verantwortung für Kinder und Haushalt nennen 63 Prozent der Frauen als wichtigsten Punkt, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Nur 35 Prozent der Männer sehen das ebenso. 

Eine interessante Diskrepanz – sie deutet an, dass die Bedeutung der unbezahlten Care-Arbeit, die Frauen für die Kinder, die Partnerschaft und die gesamte Familie leisten, von den Geschlechtern doch sehr unterschiedlich eingeschätzt wird. 

Das bedeutet, gute Hortangebote und Ganztagesschulen erleichtern es Eltern, auch mit höheren Pensen zu arbeiten. Die Studie zeigt zudem, wie wichtig flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit zum Homeoffice sind. Es besteht also die Hoffnung, dass Frauen vom durch die Pandemie erzwungenen Wandel profitieren. 

Kopf frei für anspruchsvolle Topjobs

Ein zentraler Punkt ist aber genauso wichtig wie schwer greifbar: das Selbstverständnis von Mann und Frau in Beruf und Familienleben. Etwas vereinfacht gesagt: Je mehr sich Ehemänner für die vielen kleinen unsichtbaren To Dos im Familienleben gleichberechtigt zuständig fühlen (Kinderkleider, Geburtstagseinladungen, Einkaufslisten – der gesamte sogenannte Mental Load), desto mehr haben ihre gut ausgebildeten Ehefrauen den Kopf frei für anspruchsvolle Topjobs.

Die Arbeitgeber dürfen sich dabei auf die nachwachsende Generation freuen: Die Frauenzeitschrift «Annabelle» hat in einer grossen Umfrage die Männer in den Blick genommen, was bei Fragen der Gleichstellung noch zu selten getan wird. Und es zeigt sich: Gerade jüngere Männer sind unzufrieden mit der aktuellen Situation, weil auch sie sich ein verändertes Rollenbild wünschen. Am deutlichsten wird dies beim Thema Vaterschaftsurlaub. 69 Prozent der unter 35-Jährigen wünschen sich eine Elternzeit von mehreren Monaten, die Mütter und Väter frei unter sich aufteilen können. Und nur 5 Prozent von ihnen findet, Vaterschaftsurlaub sei keine Staatsaufgabe.