Herr Glasser, laut dem ZEW-Index sind Analysten und Grossanleger so optimistisch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Können Sie den Opti­mismus teilen?
Die Erholung der Wirtschaft könnte länger dauern als erhofft. Für mich sind Stimmungsindikatoren ein Kontraindikator. Sie zeigen, dass die Risiken für Investoren gestiegen sind. Ich vermute, dass der ­Optimismus in den Kursen enthalten ist.

Besonders gross war die Euphorie bei Tech-Aktien. Zu Recht?
Die höheren Kurse waren bis zu einem gewissen Grad, sagen wir zu zwei Dritteln, fundamental gerechtfertigt. Ein Drittel ist eine Übertreibung, die sich durch das starke Momentum ergeben hat.

Ein Teil der Übertreibung wurde im jüngsten Abverkauf kor­rigiert. Ist die Tech-Korrektur bereits zu Ende?
Sie ist etwa zur Hälfte durch. Insgesamt rechne ich für den Nasdaq Index mit ­einer 20-prozentigen Korrektur. Die spült die schlechten Käufer aus dem Markt und ist gesund. In sechs Monaten dürften wir aber wieder neue Hochs sehen.

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Scott Glasser

Scott Glasser ist Portfolio-Manager und Co-CIO bei ClearBridge Investments in New York.

Quelle: ZVG

Also sind Vergleiche mit der Dotcom-Blase nicht ­angebracht?
Es gibt manche Dinge, die an 2000 erinnern, wie die Konzentration auf die grossen Tech-Player. Aber die Situation unterscheidet sich doch grundlegend. Damals lag die Rendite auf zehnjährigen US-Anleihen bei zehn Prozent und war attraktiv. Damals basierten die Kurse auf der Hoffnung auf zukünftige Cashflows, heute sind die Tech-Firmen höchst profitabel. Die Erwartungen machen heute einen viel kleineren Teil der Kurse aus.

Aber in Firmen wie Tesla ist sehr viel Zukunft eingepreist.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Firmen, wo man sich schon fragt, ob die Bewertungen Sinn machen. Aber damals gab es solche Übertreibungen zuhauf. Damals gab es 50 Teslas, heute eine.

Wie wird sich die US-Wahl auf die Märkte auswirken?
Ich denke, wenig. Ihr Einfluss wird ausserhalb der USA ­immer etwas überschätzt. Nur wenn Demokraten oder Republikaner alle drei Häuser gewinnen und grosse Änderungen möglich sind, werden die Märkte unruhig. Aber die Chancen sind sehr gering.

Welche Anlagen halten Sie derzeit für besonders ­aussichtsreich?
Mir gefallen Aktien aus der Gesundheits­industrie. Die liefern häufig gute Dividenden und sind im Vergleich zum Gesamtmarkt so günstig wie seit Jahren nicht.

Also stehen die Ampeln an den Börsen auf Grün?
Ja. Um die Märkte sorge ich mich auf Sicht von zwei bis drei Jahren. Ich rechne zwar nicht mit einem Bärenmarkt, befürchte aber, dass die Renditen, die man an den Aktienmärkten erwirtschaftet, sinken. Die ganze Liquidität ist für die Märkte wie ein Aufputschmittel, das mit der Zeit an Wirksamkeit verliert.