Frau König, ist ein Zoo überhaupt noch zeitgemäss?

Ich wäre nicht im Verwaltungsrat des Zoos Zürich, wenn das nicht so wäre. Die gesellschaftspolitische Diskussion um den Zoo wird jedoch immer wichtiger. Es muss eine gute Rechtfertigung für einen Zoo vorliegen. Die Tierhaltung muss art- und verhaltensgerecht sein – sie erfordert Wissen und Respekt.

Ist der Forschungszweck genug Rechtfertigung für einen Zoo?

Nein, dann nehmen wir lieber das Geld und schicken die Forschenden in die Natur. Eine wichtige Funktion eines Zoos ist sein Bildungsauftrag, gerade im Zusammenhang mit Naturschutz. Wir Menschen müssen Tiere sehen und riechen – wir müssen die Tiere erleben und mit allen Sinnen angesprochen werden. Nur dann werden wir uns dafür einsetzen, sie zu schützen.

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Und trotzdem bleibt die Forschung eine wichtige Aufgabe des Zoos.

Ganz sicher. Zum Beispiel hat die Forschung im Zoo das Züchten von bedrohten Tieren ermöglicht, zur Verbesserung von Haltungsbedingungen oder zur Wiederansiedlung von Tieren im natürlichen Lebensraum beigetragen. Zudem ist der Zoo eine Trainingsstätte für Studierende. Ich kann mich sehr gut erinnern, dass unsere im Zoo durchgeführten Kurse immer auf grosses Interesse gestossen sind.

 

Barbara Koenig

BARBARA KÖNIG Die emeritierte Professorin für Zoologie, speziell Verhaltensbiologie, ist im Verwaltungsrat des Zoos Zürich.

Quelle: ZVG

Wieso forscht man überhaupt im Zoo und nicht in der Natur?

Der Zoo lässt gewisse Forschungsfragen natürlich nicht zu. Im Zoo ist etwa die Partnerwahl eingeschränkt, die Nahrungssuche ist vereinfacht, und es fehlen die natürlichen Feinde. Andererseits eignet sich der Zoo für konkrete und grundlegende Forschungsfragen zum Verhalten und zur Physiologie eines Tieres. Im Zoo kann ausserdem moderne Technologie eingesetzt werden, die nichtinvasiv das Verhalten von und die Interaktionen zwischen Tieren über längere Zeit registriert – was vor allem bei seltenen, bedrohten Tierarten im Freiland schwierig ist. Der Zoo kann somit ein Sprungbrett für die weiterführende Forschung im Freiland sein. Die Forschung im Freiland und im Zoo ergänzt sich.

Als Zoologin haben Sie sicher schon viele unerwartete Tierverhalten beobachtet. Können Sie etwas Einschneidendes mitteilen?

Überraschende, berührende, unerwartete Erlebnisse mit Tieren – ich nenne sie immer «Magic Moments» – hatte wohl schon jeder. Mir kommt eine Elefantendame in den Sinn, die ein grösseres Holzstück fand. Nachdem sie den Stock auf den Boden gelegt hatte und – auch nach Inspektion mit dem Rüssel – nicht hatte zerbrechen können, legte sie ihn angewinkelt an den Rand des Geheges und trat mit dem Fuss darauf. Das sind solche Momente, in denen man merkt, was Tiere machen und wie sie ihre Umgebung aufnehmen – da stecken eindrückliche kognitive Fähigkeiten dahinter.

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