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Next Generation
Wen Chinas Aufstieg konkurrenziert

Arbeiter in China
Betrifft alle Bildungs-, Geschlechts- und Altersgruppen: Arbeit in China.Quelle: Keystone

Wie wirkt sich der steigende Druck chinesischer Konzerne im Westen auf die Arbeitsmärkte und Berufe aus? Nicht immer wie erwartet.

Von Next Generation
am 09.04.2018

Globalisierung und technologischer Fortschritt verändern die Arbeit und erfordern neue Qualifikationen. Technologische Neuerungen ermöglichen es den Unternehmen, produktiver zu werden, etwa indem sie Routineaufgaben computerbasiert automatisieren. Dies hat grosse Folgen für den Arbeitsmarkt: Zum einen fallen die betroffenen Arbeitsplätze weg, zum anderen kann die Nachfrage nach Fachkräften – wie IT-Spezialisten – steigen.

Auch der zunehmende internationale Handel löst einen Strukturwandel aus und verändert die Beschäftigungsverhältnisse nachhaltig. Im Wettbewerb mit Niedriglohnländern geraten Löhne und Arbeitsplätze in den Industriestaaten zunehmend unter Druck. 

Wie technologischer Fortschritt und Welthandel die Beschäftigung beeinflussen, erforschen die Ökonomen schon seit langem, aber meist getrennt voneinander. David Autor, Gordon Hanson und David Dorn vergleichen die Auswirkungen der beiden Trends miteinander. Sind die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt eher eine Folge des internationalen Handels oder des technologischen Fortschritts? Wie unterscheiden sich Technologie und Handel im Hinblick auf verschiedene Gruppen von Arbeitnehmern, Tätigkeiten und Branchen?

Unterschiedliche Intensität je nach Branchenstruktur

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Die Forscher schätzen, wie sich Innovation und Handel auf die Beschäftigung in den USA zwischen 1980 und 2007 ausgewirkt haben. Dabei definieren sie 722 regionale Arbeitsmärkte, welche sich in der Bedeutung verschiedener Wirtschaftszweige unterscheiden. Je nach Branchenstruktur sind sie also mit unterschiedlicher Intensität dem internationalen Wettbewerb und technologischen Wandel ausgesetzt. 

Die Folgen der Innovation für die Beschäftigung hängen sehr von der Routineintensität der Arbeitsplätze ab. Routineaufgaben sind besonders leicht zu automatisieren. Dies trifft beispielsweise auf Produktionsvorgänge, Büroarbeiten oder kontrollierende Tätigkeiten zu, jedoch weniger auf abstrakte Aufgaben – etwa Mitarbeiterführung – oder handwerkliche Tätigkeiten.

Dagegen hängt der internationale Wettbewerbsdruck auf die Beschäftigung in amerikanischen Unternehmen sehr mit dem Aufstieg Chinas zusammen. Dessen Bedeutung im weltweiten Handel hat massiv zugenommen. China zählt heute zu den wichtigsten Handelspartnern der USA.

Automatisierung heisst nicht tiefere Beschäftigung

Die Forscher nutzen Daten über diese beiden Entwicklungen in jedem der über 700 regionalen Arbeitsmärkte und quantifizieren die Beschäftigungseffekte von Technologie und Handel, indem sie auf die Routineintensität eines typischen Arbeitsplatzes bzw. auf die Zunahme von US-Importe aus China pro Arbeitsplatz abstellen.

Wie beeinflussen Handel und technologischer Fortschritt die Beschäftigungs- und Arbeitslosenzahlen? Werden heimische Beschäftigte verdrängt? Die Schätzungen ergeben, dass die Automatisierung von Routineaufgaben insgesamt zu keinem Rückgang der Beschäftigungsquote führte, aber der internationale Wettbewerbsdruck wegen steigender Importe aus China signifikante Beschäftigungsverluste auslöste.

Die Initiative Next Generation

Das Projekt Next Generation informiert über aktuelle Forschungsergebnisse zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und über die Arbeit der Studierenden in den volkswirtschaftlichen Lehrbrogrammen der Universität St. Gallen.

Diesmal: Céline Diebold über Autor, David H., David Dorn und Gordon H. Hanson (2015), «Untangling Trade and Technology: Evidence from Local Labor Markets», in: «Economic Journal» 125, 621-646.

Céline Diebold absolviert ein Masters-Studium in Economics an der Universität St. Gallen.

Herausgeber Next Generation: Prof. Christian Keuschnigg.

Dabei gibt es grosse regionale Unterschiede in der Importkonkurrenz. Die Importe waren im obersten Quartil der regionalen Arbeitsmärkte mit der höchsten Importintensität um rund 1'100 Dollar pro Beschäftigten höher als im untersten Quartil der Regionen mit dem geringsten Importanteil. Die Wissenschaftler schätzen, dass ein Anstieg der Importe aus China um 1’000 Dollar pro Arbeitnehmer über zehn Jahre mit einem Rückgang der Beschäftigungsquote um 0,7 Prozentpunkte sowie mit einem Anstieg der Arbeitslosen- und Nichterwerbsquote um 0,2 beziehungsweise 0,5 Prozentpunkte einherging.

Der Beschäftigungsrückgang führte in rund drei von vier Fällen dazu, dass die Betroffenen dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt ausschieden. Nur wenige wechselten in die (temporäre) Arbeitslosigkeit.

Andere Risiken für andere Bevölkerungsgruppen…

Dabei sind verschiedene demographische Gruppen einem recht unterschiedlichen Risiko ausgesetzt. Die Schätzungen zeigen, dass der technologische Fortschritt die Beschäftigungsquote von Frauen und älteren Arbeitnehmern signifikant verringerte. Diese Gruppen waren überproportional in Berufen mit vielen leicht automatisierbaren Routineaufgaben tätig.

Die stärkere Konkurrenz aus China betraf hingegen alle Bildungs-, Geschlechts- und Altersgruppen. Gering qualifizierte Arbeitnehmer mussten die stärksten Beschäftigungsverluste hinnehmen. Ein Importanstieg von 1’000 Dollar pro Arbeitnehmer führte zu einem Rückgang der Beschäftigungsquote um 1,2 Prozentpunkten bei niedrig qualifizierten Arbeitnehmern, aber nur um 0,5 Prozentpunkten bei höher Qualifizierten. In beiden Fällen schieden die betroffenen Arbeitnehmer oft ganz aus dem Arbeitsmarkt aus.

Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass dies an den verwendeten Daten liegen könnte, welche alle sieben beziehungsweise zehn Jahre erhoben wurden. So werden nur mittelfristige Auswirkungen auf die Beschäftigungszahlen erfasst. Es ist daher vorstellbar, dass Arbeitnehmer zunächst arbeitslos wurden, bevor sie schliesslich den Arbeitsmarkt verliessen.

…und für verschiedene Berufe

Welche Berufsgruppen und Aufgabenfelder sind am stärksten von Technologieentwicklung und internationalem Wettbewerb betroffen? Die Forscher unterscheiden grob zwischen drei Kategorien: Tätigkeiten in Management und Technik verlangen spezialisierte Fähigkeiten in Organisation und abstrakter Problemlösung. Sie werden meist von gutbezahlten Arbeitnehmern mit hohem Bildungsstand ausgeführt. Tätigkeiten in Produktion, Administration und Vertrieb umfassen typischerweise zahlreiche Routineaufgaben, welche relativ leicht automatisierbar sind. Eine dritte Kategorie bilden Berufe in Handwerk, Landwirtschaft und Dienstleistungen, welche oft körperliche Arbeit mit sich bringen und keine höhere Ausbildung voraussetzen. Sie haben sich meist als nur schwer automatisierbar erwiesen. 

Zunehmende Automatisierung betrifft vor allem die zweite Kategorie mit hoher Routineintensität und führte dort zu signifikant niedrigeren Beschäftigungsquoten. Dies geschah unabhängig von Alter, Geschlecht sowie Ausbildung der Arbeitnehmer. Im Gegensatz dazu veränderte sich die Beschäftigungsquote von hoch beziehungsweise niedrig qualifizierten Tätigkeiten (erste und dritte Kategorie) nicht signifikant.

Automatisierung und Computerisierung tragen also zu einer Polarisierung von Berufen bei. So gehen zwar Arbeitsplätze etwa in Verwaltung und Büro verloren. Es entstehen aber neue Arbeitsplätze sowohl in leitenden Tätigkeiten als auch in handwerklichen Berufen, welche die entgegensetzten Enden des Einkommensspektrums besetzen. Diese Entwicklung erklärt zumindest teilweise die immer grösser werdende Einkommensungleichheit in den USA.

Der zunehmende Wettbewerb mit China führte dagegen zu Beschäftigungsverlusten in allen Berufskategorien, mit überdurchschnittlich starken Auswirkungen auf Arbeitnehmer mit nur geringen Qualifikationen oder in routineintensive Tätigkeiten.

Hauptbetroffen: Die Industrie

Schliesslich vergleichen die Forscher die Entwicklung in verschiedenen Branchen. In der Industrie führte zunehmende Konkurrenz aus China zu deutlichen Arbeitsplatzverlusten: Die Beschäftigungsquote sank über zehn Jahre um 0,5 Prozentpunkte, wenn chinesische Importe um 1’000 Dollar pro Beschäftigten zunahmen. Von diesem Rückgang waren nicht nur Mitarbeiter in der Produktion selbst, sondern auch leitende und technische Angestellte sowie Büromitarbeiter betroffen.

Dagegen verursachte der technologische Fortschritt im gesamten Beobachtungszeitraum von 1980 bis 2007 insgesamt kaum signifikante Arbeitsplatzverluste in der Industrie. Aber die Verwendung von Computern vor allem in den 1980er und 1990er Jahren veränderte sehr stark die Aufgabenfelder und Berufsbilder, führte zu Beschäftigungsverlusten bei routineintensiven Tätigkeiten, und förderte eine Polarisierung der Arbeitswelt. Dieser Effekt nahm in den 2000er Jahren deutlich ab.

In anderen Branchen hingegen nahm die Automatisierung von Routinetätigkeiten vor allem nach dem Jahr 2000 noch weiter zu.

Die Auswirkungen des technologischen Fortschritts auf den amerikanischen Arbeitsmarkt scheinen ihren Fokus zu verschieben: Während in der Vergangenheit Produktionsabläufe automatisiert und hierdurch Arbeitsplätze abgebaut wurden, war zwei Jahrzehnte später der Dienstleistungssektor betroffen, beispielsweise durch Neuerungen in der Daten- und Informationsverarbeitung.

In einer ähnlichen Studie untersuchen Nicholas Bloom und seine Co-Autoren die Folgen der chinesischen Importkonkurrenz für zwölf europäische Staaten im Zeitraum von 1996 bis 2007.

 

Beschäftigungseffekt unterschiedlich starker chinesischer Importkonkurrenz in 12 EU-Staaten

China Beschaeftigungswachstum
Beschäftigungswachstum je nach Innovationsgrad der Firmen in Branchen mit schwach und stark steigenden Importen aus China. Die IT-Intensität ist von Quintil 1 zu 5 ansteigend.
Quelle: Nicholas Bloom, Mirko Draca und John Van Reenen, Who’s Afraid of the Big Bad Dragon? How Chinese Trade Boosts European Innovation, VOXeu, 3. Februar 2011

Die Grafik veranschaulicht den Beschäftigungszuwachs beziehungsweise -rückgang europäischer Firmen in Sektoren, welche in einem schwachen respektive starken Ausmass von chinesischer Importkonkurrenz betroffen waren, je nach Technologieintensität der Unternehmen.

Firmen mit geringer IT-Intensität schrumpften überall, aber besonders stark in Branchen und Regionen mit hoher chinesischer Importkonkurrenz. Relativ IT-intensive Unternehmen konnten jedoch offenbar unabhängig vom Ausmass der chinesischen Importkonkurrenz einen Zuwachs der Beschäftigungszahlen verzeichnen.

Dies deutet darauf hin, dass zwar weniger produktive Firmen im Zuge der chinesischen Importe verdrängt wurden. Innovative und technologieintensive Unternehmen konnten jedoch erfolgreich reagieren und ihre Marktanteile, unbeeindruckt der chinesischen Konkurrenz, sogar ausbauen. 

Das Wichtigste in Kürze

Amerikanische Forscher nahmen Daten von 700 regionalen Arbeitsmärkten und eruierten, wie sich die steigenden Importe aus China auf die Arbeitsplätze auswirkten. Insbesondere die Folgen der Routineintensität wurden untersucht.  

Es zeigte sich, dass der Wettbewerbsdruck wegen steigender China-Importe tatsächlich signifikante Beschäftigungsverluste auslöste.

Allerdings gab es grosse regionale Unterschiede. Eine Schätzung: Ein Anstieg der Importe aus China um 1’000 Dollar pro Arbeitnehmer über zehn Jahre ging einher mit einem Rückgang der Beschäftigungsquote um 0,7 Prozentpunkte sowie mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote um 0,2 Prozentpunkte.

Céline Diebold absolviert ein Masters-Studium in Economics an der Universität St. Gallen. Mit der Initiative «Next Generation» ermutigt das Wirtschaftspolitische Zentrum der Universität St. Gallen ihre Nachwuchstalente, die Öffentlichkeit über Erkenntnisse der Wissenschaft zu informieren. Die besten Studierenden fassen wichtige Ergebnisse ausgewählter Publikationen in Fachzeitschriften zusammen.