Diverse Strategen, Analysten und Investoren haben die die wesentlichen Auswirkungen der Wahlen auf Handel, Aussenpolitik und Regulierung analysiert. Laut den jüngsten Umfragen schlägt Herausforderer Biden den amtierenden Präsidenten bei der Volkswahl um 7,5 Prozentpunkte – so der Stand in einem von RealClearPolitics ermittelten Durchschnitt.

Während die Geld- und Fiskalpolitik in Europa allgemein die Haupttreiber der europäischen Märkte sein werden, «könnten Änderungen der US-Handels- und Regulierungsrahmen die Aussichten für bestimmte Sektoren ebenfalls beeinflussen», sagte Frédérique Carrier, Leiter der Anlagestrategie für RBC Wealth Management in London.

Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Sektoren, die in Europa beachtet werden sollten (Prozentsätze: Performance seit Jahresbeginn):
 

Erneuerbare Energien

Joe Biden hat Pläne skizziert, im Rahmen seines Konjunkturprogramms 2 Billionen Dollar für saubere Energie auszugeben. Europa hat in der sogenannten grünen Technologie einen globalen Vorteil, sagt Rolf Ganter, Leiter europäische Aktien bei UBS Global Wealth Management; er prognostiziert, dass die führenden Solar- und Windenergiefirmen durch eine «blaue Welle» demokratischer Siege viel Schub erhalten würden.

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Analysten von Citigroup sagen, dass die Aktien von Vestas Wind Systems (+63%) um 10 bis 15 Prozent fallen könnten, falls Trump gewinnen würde, da ein Teil der starken Leistung des dänischen Windkraftanlagen-Unternehmens in den letzten Monaten wohl durch die Hoffnung auf einen Biden-Sieg getrieben wurde. 

Für die Citi-Analysten ist Vestas am besten positioniert, um von einem Biden-Sieg zu profitieren, während andere Windkraftunternehmen wie Siemens Gamesa Renewable Energy (+ 57%) und Nordex (+1,1%) ebenfalls einen Schub erhalten könnten.

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Die deutsche SMA Solar Technology (+4,9%) ist eine weitere Aktie, die laut Analysten von Jefferies Financial nicht nur vom Push zu erneuerbaren Energien profitieren könnten, sondern auch dank ihres Knowhow im Bereich der Speicherung von Batteriestrom zulegen könnten.

Weitere zu beachtende Aktien sind Energieversorger wie Iberdrola (+11%) und RWE (+15%), National Grid (-2,1%) und kleinere Green-Tech-Aktien wie Nel ASA (+98%) und Ceres Power Holdings (+159%) sowie ITM Power (+224%).

Öl

Im Gegensatz zu ihren umweltfreundlicheren Kollegen würden traditionelle Ölkonzerne zu den grössten Verlierern eines Wahlsiegs von Joe Biden gehören. Laut Rolf Ganter von der UBS würde die geplante Abkehr der USA von fossilen Brennstoffen den Druck auf den Sektor erhöhen, auch in Europa umweltfreundlicher zu werden.

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Sollte Trump hingegen eine zweite Amtszeit gewinnen, könnte dies eine Entlastungsrallye für Energie bedeuten könnte: Die Angst vor einer stärkeren Regulierung des Sektors würde sinken, sagt Frédérique Carrier von RBC. Die wichtigsten Namen, die dabei zu beachten sein werden, sind Europas Ölkonzerne BP (-59%), Royal Dutch Shell (-58%) und Total SA (-49%).

Automobil

Europäische Autohersteller gelten als die grössten Nutznießer eines Biden-Sieges. Grund: das Risiko eines Handelskrieges zwischen den USA und Europa würde sinken. Zuvor hatte Donalds Trumps Drohung, Zölle auf die importierten Autos zu erheben, Druck auf den Sektor ausgeübt.

Laut Analysten der UBS sind Fiat Chrysler (-20%), Michelin (-17%) und Daimler (-10%) die am stärksten im US-Markt exponierten Unternehmen. Volkswagen (-28%) hat in den USA weniger Geschäft als ihre Mitbewerber, würde jedoch wegen ihrer frühen Investition in den E-Auto-Sektor vom Vorstoss einer Biden-Regierung in diese Richtung profitieren, sagten Analysten von Jefferies.

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Eine US-Regierung, die weitere Anreize für Elektrofahrzeuge schafft, würde auch Vorteile für die Lieferkette dieses Sektors bringen – also nicht nur für Autos, sondern auch für Lieferwagen, Lastwagen und öffentliche Verkehrsmittel.

Dies befanden Berenberg-Analysten kürzlich in einer Mitteilung. Batteriekathoden-Hersteller wie Johnson Matthey (-28%), Umicore (-24%) und der Batteriehersteller Varta (-12%) gehören zu den Aktien, die diesen Trend positiv spüren könnten.

Bau und Infrastruktur

Sowohl Biden als auch Trump werden wohl Geld in die Infrastruktur pumpen – so dass das Ergebnis für europäische Bau- und Infrastrukturtitel in beiden Fällen positiv sein dürfte: Dies sagt Michael Barakos, Fondsmanager von JPMorgan Asset Management.

Laut Jefferies sind Baustoffunternehmen mit hoher USA-Exposition am besten aufgestellt. Dazu gehören die Baustoff-Lieferanten CRH (-17%) und Ferguson (+ 14%) sowie die Zementhersteller Buzzi Unicem (-20%), HeidelbergCement (-25%) und LafargeHolcim (-24%).

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Die Ashtead Group (+15%), ein Vermietungsunternehmen für Industrieausrüstungen, würde ebenfalls von einer Zunahme der Infrastrukturarbeiten profitieren.

Die umweltfreundlichen Pläne von Biden könnten ferner Unternehmen einen Schub geben, die Büros, Wohnungen und Schulen nachrüsten, um diese energieeffizienter zu machen. Zum Beispiel mittels LED-Beleuchtung oder neuen Heizungs- und Lüftungssystemen.

Analysten von Citigroup befinden, dass das niederländische Beleuchtungsunternehmen Signify (+ 9,4%) am meisten von der verstärkten Einführung von LED-Beleuchtung profitieren sollte. Im Vorteil wären aber auch andere Elektronikanbieter wie Schneider Electric (+12%), Legrand (-13%) und Rexel (-22%) sowie Isolationen-Hersteller wie Kingspan (+37%) und Rockwool International (+57%).

Pharma

Die Pharmaindustrie ist in Wahlkämpfen tendenziell einer genaueren Prüfung ausgesetzt. Die Intensität dürfte diesmal tiefer sein, da sich die amerikanischen Politiker im Wettlauf um einen Covid-19-Impfstoff weniger auf die Reform der Arzneimittel-Industrie konzentrieren, sagte Ketan Patel, Fondsmanager bei EdenTree Investment Management.

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Doch jede Entspannung dürfte für die Pharmaindustrie nur von kurzer Dauer sein – insbesondere wenn es eine «blaue Welle» gibt, in der die Demokraten das Weisse Haus, das Repräsentantenhaus und den Senat gewinnen. Falls nicht, wird der Gesundheits-Sektor wahrscheinlich ein «grosser Nutzniesser» sein, sagt Gina Martin Adams, Chief Equity Strategistin von Bloomberg Intelligence. Denn wegen der politischen Unsicherheiten entsprechen die aktuellen Bewertungen entsprechen nicht den soliden Fundamentaldaten entsprechen.

Die meisten europäischen Pharmariesen erzielen einen grossen Prozentsatz ihres Umsatzes in den USA, aber AstraZeneca (+3,5%), Novartis (-23%), Roche (-6,4%) und Novo Nordisk (+9,9%) sind alle besonders empfindlich gegenüber der Reform der amerikanischen Arzneimittelpreise.

Barclays hob auch eine relativ hohe Medicare-Exposition für H. Lundbeck (-30%) und Genmab (+48%) hervor.

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Finanzbranche

Für Europas Banken wäre etwas am Wichtigsten – ein klares Wahlergebnis, das keine neue Unsicherheit für die Märkte schafft, schrieben die Analysten von Jefferies. Ein Biden-Gewinn für den Bankensektor wie auch für die Kapitalmärkte eher negativ – wegen der Aussichten auf Steuererhöhungen und neue Vorschriften.

Die Banco Santander (-55%), BNP Paribas (-45%), Barclays (-42%) und BBVA (-53%) haben alle wesentliche Aktivitäten in den USA und könnten daher betroffen sein, sagte der Broker.

Technologie

UBS-Strategen sehen europäische Technologiewerte und insbesondere Hardware-Unternehmen durch höhere Unternehmenssteuern in Amerika bedroht. 

Laut Marcus Morris-Eyton, Portfoliomanager von Allianz Global Investors, könnte ein Weisses Haus mit Joe Biden den Handelskrieg zwischen den USA und China mildern, was den europäischen Halbleitersektor unterstützen würde.

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Andrew Gardiner, Analyst bei Barclays, fügte hinzu, dass Unternehmen wie Infineon (+18%) und STMicroelectronics (+11%) von einer stärkeren Akzeptanz von Elektrofahrzeugen profitieren würden, während Ericsson (+23%) und Nokia (-15%) ebenfalls Vorteile hätten. Dies wegen der verstärkten Zusammenarbeit zwischen den USA und Europa bei der Einführung der 5G-Technologie.

Konsum- und Luxusgüter

UBS fügt an, dass ein Anstieg der amerikanischen Konsumausgaben auch für den Luxusgütersektor «stark positiv» sein könnte. LVMH (–2,5%), der Inhaber von Louis Vuitton, werde am meisten davon profitieren, ebenso die Brillengruppe EssilorLuxottica (-22%) und der Sportsachen-Hersteller Adidas (-10%).

Jefferies erinnert jedoch daran, dass ein Biden-Gewinn wohl Steuererhöhungen nach sich ziehe, welche die Kaufkraft der mittelständischen und in einigen Fällen auch der wohlhabenden Verbraucher beeinträchtigen könnten. Ein Trump-Sieg kann daher für Luxushäuser etwas vorteilhafter sein; Jefferies nennt Burberry (-38%), Salvatore Ferragamo (-42%) und Brunello Cucinelli (-19%) als Unternehmen mit hohem Engagement im US-Markt.

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Minen

Eine «blaue Welle» würde wohl grosse Infrastruktur-Ausgaben freisetzen in den USA. Diese wiederm würden die Nachfrage nach Kupfer, Stahl und Nickel erhöhen, so Daniel Kang, Senior Analyst von Bloomberg Intelligence. Käme auch eine Verbesserung der Beziehungen zu China hinzu, könnte dies ebenfalls die Nachfrage nach Basismetallen steigern. Und die Ausgaben für «grüne» Anliegen wiederum könnten den Absatz von Silber (für Solarmodule) sowie von Kupfer und Nickel (für Elektrofahrzeuge) steigern.

Jefferies sagt, dass die am besten positionierten Aktien in diesem Szenario Anglo American (-17%), Antofagasta (+12%) und Glencore (-34%) umfassen.

Derweil sichtet das Modell von Oddo den Stahlhersteller ArcelorMittal (-26%) als Nutzniesser eines Biden-Sieges.

Ein Trump-Sieg könnte sich derweil positiv auf Gold auswirken, das in letzter Zeit wegen der politischen Unsicherheiten erneut einen kleinen Sprung erlebt hat, sagte Kang. Dies würde auch Goldminenunternehmen in Europa wie Polymetal helfen.

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(«Bloomberg» – rap)

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