Die ersten 100 Tage sind verstrichen, seit Björn Rosengren (61) als CEO bei ABB angetreten ist. Doch auch bei dem schon fast als Heilsbringer begrüssten Schweden dauern Wunder etwas länger. Seine neue Strategie ist zwar solide, doch keine Revolution: Aufbruch der vier Divisionen in 18 selbstständige Einheiten, sprich Dezentralisierung; Stabilität und Profit kommen vor Wachstum. Das Rezept ist wenig überraschend, hat VR-Präsident ­Peter Voser (61) da doch schon vorgespurt. Zudem wandte Rosen­gren dieses Vorgehen schon andernorts erfolgreich an.

Man muss Rosengren zugutehalten, dass die Corona-Wirren seinen Einstieg nicht gerade erleichterten. Auch die nächsten Monate werden für ihn kein Zuckerschlecken. ABB ist nach der Abspaltung der Sparte Power Systems in den Be­reichen Robotik, Fertigungsautomation, Antriebstechnik, Elektrifizierung und Industrieautomation aktiv. Alles Segmente, die von der Abkühlung der Wirtschaft negativ betroffen sind. Speziell das Geschäft mit Industrierobotern leidet stark.

Seit gut einer Dekade ist ABB eine Wertvernichtungsmaschine. Doch die Chance, dass die neue Ausrichtung greift, bezeichnen ­Industrieexperten als gut. ABB zählt zu den innovativsten Vertretern der Branche und ist in den meisten ­Tätigkeitsbereichen ­einer der führenden Anbieter. Auch der hohe freie Cashflow und die gute Finanzierung lassen die Möglichkeit weiterer Akquisitionen zu. Dennoch wird es wohl weitere zwei Jahre dauern, bis wieder Mehrwert für die Aktionäre anfallen wird.

Den Kurs stützen wird der Rückkauf von Aktien im Umfang von 7,6 Milliarden Dollar. Dabei sind die ­Titel von ABB mit einem für 2020 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 27 auch so schon satt bewertet. Ich warte einmal ab, ob die Restrukturierung Früchte tragen wird.

Kursfeuerwerk bei SoftwareOne

Nach dem IPO im Oktober kehrten SoftwareOne ihre starke Seite nach aussen: über 40 Prozent Kursgewinn in drei Monaten. Dann kam der Absturz. Innert sieben ­Wochen büssten die Valoren die Hälfte ihres Werts ein. Ende März präsentierte das Stanser Unternehmen den Jahresbericht 2019: Der Gesamtertrag hat sich wegen der Akquisition von Comparex ver­doppelt, das bereinigte Ebitda legte um 20, der Gewinn um 60 Prozent zu. Auch wenn darin Sonderfak­toren (positive) Spuren hinterlassen haben, vermögen die Resultate zu überzeugen.

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Neue Zuversicht bei den Anlegern entfachte vor allem CEO Dieter Schlosser. Nach seinen Worten wird die Dynamik auch in diesem Jahr anhalten. Über die nächsten Monate dürfte der Konzern als einer der weltweit führenden Software- und IT-Dienstleister von den Nachwirkungen der Corona-Pandemie profitieren. Schlosser sieht vor allem bei Cloud-Migrationen einen gros­sen Nachholbedarf. Auch be­kräftigte er die Mittelfristziele: ein zweistelliges Wachstum des Bruttogewinns sowie eine Ebit-Marge von rund 35 Prozent bis 2022.

Dieter Schlosser, CEO von SoftwareONE, fotografiert im Rahmen eines Interviews in den Büroräumen in Wallisellen.

Die Corona-Pandemie kann SoftwareOne unter CEO Dieter Schlosser nichts anhaben – im Gegenteil.

Quelle: Markus Forte

Dies war der Initialzünder. Seither haussierten die Aktien um gut 90 Prozent. Zwar ist damit auch das KGV kräftig angestiegen, nämlich auf 28 für dieses Jahr. Bereits 2021 wird sich diese Kennzahl aber wieder auf 23 stellen, eine attraktive Bewertung für Wachstumsaktien. Etwas erstaunt hat mich, dass die Grossaktionäre in zwei Tranchen 34,5 Millionen Aktien abgestossen haben. Sie nutzten die Hausse fürs Kassemachen.

Bei Sensirion wird Zukunftsmusik gespielt

Man hat sich schon daran gewöhnt, dass dieser Tage Unternehmen ihre Prognosen beschneiden. Da fällt Sensirion positiv auf. Der Produzent von Mikrosensoren und -systemen hat die Umsatzerwartung deutlich erhöht, worauf die Aktien nach oben schossen. Da spielt auch der Covid-19-Effekt mit. Das ETH-Spin-off profitiert von der hohen Nachfrage nach Gasflusssensoren, die in Beatmungsgeräten eingesetzt werden. Das ist allerdings kein nach­haltiges Geschäft.

Die Firma aus Stäfa sticht sowieso mit anderen Trümpfen: Ihre Sensoren finden ­zunehmend Anwendung in der Medizinaltechnik, in Automobilen, Haushaltsgeräten und in der Klimatechnik. Sensirion glänzt dabei mit neuen Produkten. Um die Innovationskraft aufrechtzuerhalten, wird ein Viertel der Einnahmen in Forschung und Entwicklung gesteckt.

Das 22 Jahre alte Unternehmen schafft sich damit mittel- bis langfristig eine exzellente Marktposition. Andererseits schlagen diese Kosten im Ertrag negativ zu Buche. Nun prognostiziert Vontobel für 2020 eine Rückkehr in die schwarzen ­Zahlen; 1.28 Franken Gewinn pro Aktie entsprächen einem KGV von 36. Damit ist klar: So interessant die Aktien auch sind, sollten sich nur langfristig denkende und risikofreudige Anleger daran ver­suchen.

Hoch und höher – doch die Kursfantasie ist verpufft

Natürlich freut es mich, wenn meine Kauftipps ins Schwarze treffen. Und es freut mich noch mehr, wenn sich ein Leser bedankt. Doch P.B. aus Pfäffikon hat an seinem Investment in Logitech nicht nur Freude, sondern wird auch nervöser, je höher die Kurse steigen. Das kann ich nachvollziehen; seit ich die Titel im März vor einem Jahr zum Kauf empfohlen habe, sind sie um gegen 60 Prozent auf ein historisches Höchst gestiegen – Corona-Krise hin oder her.

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Ja die Pandemie heizt das Geschäft noch an. Denn der beinahe weltweit staatlich verhängte Hausarrest hat die Nachfrage nach Logitech-Peripheriegeräten für digitale Plattformen wie Computer, Smartphones oder Videokonferenzsysteme beflügelt. Auch der Gaming-Boom sorgt für klingelnde Kassen.

Der Corona-Effekt hat sich vor allem im Schlussquartal 2019/20 ­gezeigt: Für Januar bis März wurden Spitzenzahlen gemeldet. Auch der Start ins neue Geschäftsjahr ist ­geglückt, April und Mai brachten wohl erneut hohe Verkäufe. Es ist kaum vermessen, für 2020/21 sowie die Folgejahre Rekordzahlen bei Umsatz und Ertrag zu prognostizieren.

Das Problem dabei: Die Aktien sind längst kein Geheimtipp mehr, das KGV für dieses Jahr stellt sich auf 25,4. Das ist zwar nicht überrissen – doch die Kursfantasie ist damit für die nächsten Monate verpufft. ­Logitech sind nur auf mittelfristige Sicht interessant.

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Ach ja: Leser P.B. habe ich geraten, mindestens die Hälfte seiner Logitech-Position zu verkaufen. Nur realisierte Kursgewinne sind echte Kursgewinne.

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ. Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch