Als Verband vertreten Sie die Interessen der Digitalversicherer in der Schweiz. Was steht da ganz oben auf der Liste, was sind die Themen mit der höchsten Dringlichkeit? 
Unser grösstes Anliegen ist es, den digitalen Markt für den Schweizer Konsumenten voranzutreiben. Dieses Jahr hat die Corona-Krise die Nachfrage nach Online-Versicherungen weiter verstärkt. Im Zuge dieser Entwicklung sehen wir uns zum einen in der Rolle des Aufklärers, zum anderen als Impulsgeber, Wegweiser und Beschleuniger. Wir wollen die Schweiz für digitale Versicherungslösungen begeistern!

Hat die Corona-Pandemie tatsächlich einen Digitalisierungsschub auf der Produkteseite und im Kerngeschäft der Versicherer ausgelöst? Können Sie das mit Zahlen belegen? 
Laut der neusten BCG-Marktstudie 2020 «Next Generation Sales» können sich 47 Prozent der Befragten nicht beziehungsweise nur im Notfall vorstellen, sich während der Corona-Krise physisch beraten zu lassen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass heute bereits 24 Prozent der Schweizer einen digitalen Abschlusskanal bevorzugen. 2018 lag dieser Wert noch bei 17 Prozent. Viele unserer Mitglieder spüren diese positive Entwicklung. 

Welche langfristigen Folgen wird die Pandemie auf den Insurtech-Bereich haben?
Die Startup-Szene, mitunter Insurtechs, wurde vor allem zu Beginn der Corona-Krise hart getroffen. Doch bereits nach einem halben Jahr ist die Euphorie bei den Investoren und Gründerinnen zurückgekehrt. Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass die Nachfrage nach Online-Angeboten auch zukünftig stark steigen wird. Diese Beschleunigung bietet viel Potenzial und Platz für innovative Startups im Markt. 

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Laut dem jüngsten World Insurtech Report des Beratungsunternehmens Capgemini machen sich Big-Tech-Firmen wie Amazon, Tencent, Google etc. zunehmend im Versicherungssektor bemerkbar. Werden auch die kleinen Insurtechs dadurch verdrängt? 
Natürlich sollte jedes Unternehmen die grossen Tech-Player auf dem Radar haben. Eine Gefahr stellen sie nicht wegen ihrer Technologie oder ihres Produktangebotes dar, sondern weil sie mittels riesiger Datensätze genau wissen und verstehen, was der Online-Konsument will. Hier müssen auch Insurtechs ansetzen. Denn in der bereits erwähnten BCG-Studie zeigen sich 72 Prozent der Konsumenten bereit, persönliche Daten mit einer Versicherung zu teilen, wenn sie im Gegenzug davon profitieren. 

«Ob diese Big Techs auch eigene klassische Versicherung entwickeln, ist fraglich.»

Warum sind die «riesigen Datensätze» matchentscheidend?
Mittels der Daten können die Gesellschaften die Bedürfnisse ihrer Kunden und des Marktes noch besser verstehen, sie können dadurch deren Bedürfnisse noch konsequenter ins Zentrum aller Entwicklungen stellen und sollten dabei aber auch den Mut haben, «alte Zöpfe» abzuschneiden. 

Also werden Google und Co. demnächst auch zu Versicherungsgesellschaften?
Ob diese Big Techs auch eigene klassische Versicherung entwickeln, ist fraglich. Eher wird man sich einen Partner ins Boot holen, der selbst nicht in Erscheinung tritt, aber das nötige Setup und das Know-how zur Verfügung stellen kann. Hier bin ich überzeugt, dass Insurtechs nicht verdrängt werden, sondern attraktive Partner sein können. 

Die Digitalisierung ist eine der wichtigsten Herausforderungen der Versicherungsbranche. Warum aber scheitern so viele Projekte und was muss sich ändern? Liegt das auch am oft nicht sehr digitalaffinen Management der Versicherungsgesellschaften?
Affinität oder Fachwissen zu Digitalisierungsprojekten sehe ich als kleines Problem. Viel mehr scheitern viele klassische Versicherer an der Grösse ihrer Vorhaben und der gegebenen Komplexität der jeweiligen Organisation. Dabei vergessen sie, dass die Kundenzentrierung der wahre Treiber der digitalen Disruption ist. Zudem sind Grossprojekte in der heutigen VUCA-Welt noch viel anspruchsvoller geworden, als sie ohnehin schon waren. Dies ist wiederum eine Opportunität für die Insurtechs. Sie können auf grüner Wiese den Markt angehen, müssen keine Rücksicht auf die Traditionen einer Gesellschaft nehmen und können sich so vollumfänglich auf den Kunden ausrichten. 

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«Auch bei der Digitalisierung gilt: Culture eats strategy for breakfast»

Wie würden Sie das Akronym VUCA (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) am ehesten auf Deutsch umschreiben? 
Der Begriff VUCA steht für eine Welt, die getrieben ist von Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität. Eine Strategie zum erfolgreichen Überleben in der VUCA-Welt wird üblicherweise mit dem gleichen Akronym abgekürzt: Vision (engl. vision), Verstehen (understanding), Klarheit (clarity) und Agilität (agility). 

Was ist der entscheidende Faktor für eine erfolgreiche Digitalisierung?
Unabhängig, ob traditionell oder Insurtech, erfolgreicher in der Digitalisierung ist, wer in kleinen und nachhaltigen Entwicklungsschritten denkt, dafür eine agile Projektorganisation befähigt und nicht vergisst, die Mitarbeitenden auf die Reise mitzunehmen. Die Unternehmenskultur sollte unbedingt im Fokus stehen. Denn auch bei der Digitalisierung gilt: Culture eats strategy for breakfast.

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Derzeit sind Ökosysteme sehr stark im Kommen. Ist das ein gangbarer Digitalisierungs-Weg für Versicherer? 
Ökosysteme sind für Innovationen im Versicherungsmarkt extrem spannend und halten grosses Potenzial bereit. Einerseits gilt es die bestehenden Datensilos zu vernetzten, andererseits muss das Thema konsequent entlang einer Kundenperspektive angegangen werden. Die Kernfrage lautet: Mit welchem Partner kann ich den Alltag meines Kunden erleichtern und damit Relevanz in seinem Alltag erzeugen? 

Wie steht die Schweizer Insurtech-Branche im internationalen Vergleich da? Pflegen Sie den Austausch mit Unternehmen in anderen Ländern?
Die Schweiz zeigt grundsätzlich in der Digitalisierung eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, was auch das IMD World Digital Competitiveness Ranking 2020 zeigt. Dies stimmt mich für die Versicherungsbranche sehr positiv, den bei uns ist noch viel Potenzial vorhanden. Wenn man z. B. den Reifegrad von Online-Abschlüssen im internationalen Vergleich analysiert, so werden deutliche Unterschiede sichtbar. Die Schweiz konnte in den letzten Jahren einen grossen Sprung nach vorne machen und hat Länder wie Österreich, Spanien oder Italien überholt. Gegenüber Ländern wie England, den USA und Deutschland stehen wir aber noch ganz am Anfang der Reise. 

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Spielt der Ort der physischen Ansässigkeit eines Insurtechs überhaupt eine Rolle?
Es ist dieser Reifegrad des Kunden, der den Insurtech-Markt entscheidend mitprägt. Es ist deshalb auch weniger die physische Ansässigkeit, die entscheidend für den Erfolg des Unternehmens ist, sondern vielmehr die Kenntnisse über die Kundenbedürfnisse und das Konsumentenverhalten im eigenen Land. 

«Wir werden zugunsten unserer Kunden wieder einige ungeschriebene Gesetze brechen»

Sie sind auch CEO von Smile, einem Digitalversicherer, der zur Helvetia-Gruppe gehört. Inwieweit engt Sie diese Eigentümerschaft ein? 
Gar nicht. Wir sind dankbar, dass uns der nötige Handlungsspielraum gegeben wird. Helvetia hat verstanden, dass wir als digitaler Player ein komplementäres Geschäftsmodell fahren müssen und die nötige Freiheit dazu brauchen, um nachhaltig neue Ertrags- und Wachstumsquellen zu erschliessen. Unsere starke Entwicklung in den letzten zwei Jahren zeigt, dass Helvetia damit die richtige Strategie fährt. Genauso wie die Migros Digitec Galaxus hat, genauso braucht eine Helvetia Versicherung Smile.  

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Smile hat die Customer Experience bei Helvetia neu aufgestellt. Was kommt als Nächstes? 
Smile hat die Customer Experience für die ganze Branche neu definiert. Wir haben den Markt aufgerüttelt und gechallenged. Diesen Weg wollen wir konsequent entlang der Bedürfnisse unserer Kunden weitergehen. Es stehen gleich mehrere spannende Services in der Pipeline, über die ich aktuell noch wenig verraten kann. Nur so viel: Wir werden zugunsten unserer Kunden wieder einige ungeschriebene Gesetze brechen.