Wenn sie sich heute vorstellt, ihre Tochter würde ihr mit 22 erklären, dass sie allein in ein fremdes Land geht, dessen Sprache sie nur in den Grundzügen beherrscht, läuft Andreea Prange ein eisiger Schauer über den Rücken. Obwohl sie selbst genau das gemacht hat, als sie mit dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Bukarest fertig war. Dort hatte sie schon bei Roland Berger Consultants gejobbt und bekam darüber ein Stellenangebot in Köln. «Ich habe nicht lange nachgedacht und zugesagt», erinnert sich die heute 43-Jährige. Für die in Siebenbürgen aufgewachsene Rumänin war es schon fast normal, dass die jungen und gut ausgebildeten Leute ihrer Generation das Land verliessen – ein Brain-Drain, der jetzt langsam wieder abebbt. «Viele gehen nun wieder zurück», sagt Andreea Prange. 

Auch sie ist ihrer alten Heimat eng verbunden geblieben. Eine Rückkehr kommt für Andreea Prange allerdings nicht infrage, sie hat im Kanton Zug ein neues Zuhause gefunden. Denn bald nachdem sie in Köln ins kalte Wasser gesprungen war, habe sie eine steile Lernkurve gemacht, sagt sie schmunzelnd. Nach verschiedenen Stationen im Marketing- und IT-Bereich heuerte Andreea Prange 2006 beim Münchner Telekommunikationsanbieter Télefonica an. In dieser Zeit lernte sie auch ihren späteren Mann und den Vater der beiden gemeinsamen Kinder kennen. «Mutter zu werden, hat mir übrigens die steilste Lernkurve in meinem Leben beschert», sagt Andreea Prange. Seitdem sei kein Tag mehr langweilig gewesen, sagt sie und lacht. 

Die beruflichen Wege führten die junge Familie einige Jahre später in die Schweiz und Andreea Prange ging zur Zurich, wo sie erst den digitalen Bereich aufgebaut hat und später zusätzlich die Leitung des Marketings übernahm. Als das zweite Kind zur Welt kam, hat sie bei der Zurich das Job-Sharing auf Führungsebene eingeführt. Mit einer anderen Frau, einer dreifachen Mutter, teilte sie sich über zwei Jahre hinweg die Leitung des Marketings und des Online/Digital-Bereichs. Beide hatte ein Pensum von 65 Prozent und «zusammen waren wir ein unschlagbares Team», sagt Andreea Prange. Mit ihrer ehemaligen Jobpartnerin von der Zurich ist sie noch immer befreundet – auch wenn sie streng genommen Konkurrentinnen sind, seitdem die Axa Schweiz Andreea Prange in die Geschäftsleitung geholt hat. 

Dort leitet sie seit letztem Dezember den Bereich Customer Experience & Strategy. Und da will sie vorwärtsmachen, entsprechend der Strategie des Unternehmens die Marke weiter festigen und mit einem hohen Nachhaltigkeitsanspruch positiven Einfluss auf die Gesellschaft nehmen. Um ihren Horizont zu erweitern, hat sie zudem 2018 eine Anfrage zum Einsitz in den Verwaltungsrat der Bank Cler angenommen und will auch in dieser Rolle mit positivem Beispiel aufzeigen, wie sich Karriere und Familie in Einklang bringen lassen. Um sich bestmöglich auf dieses Mandat vorzubereiten, absolvierte sie an der Universität St. Gallen einen Lehrgang für angehende Verwaltungsräte. Das sei wieder eine neue Lernkurve für sie gewesen, wenn auch nicht mehr ganz so steil wie die vorherigen.